https://www.faz.net/-gyl-93m7z

Chancenreiches Studienfach : Die Stunde der Statistiker

  • -Aktualisiert am

„Wir suchen vor allem Leute, die über den Tellerrand hinausschauen und die um die Ecke denken“, sagt der Otto-Sprecher. Wann beispielsweise ein bestimmter Artikel besonders stark nachgefragt wird, hänge von vielen Faktoren ab. So könne zum Beispiel das T-Shirt der Moderatorin einer beliebten Fernsehsendung die Nachfrage stark beeinflussen – auch solche realitätsnahen Aspekte müssten Data Scientists auf dem Schirm haben. Wer lieber allein im stillen Kämmerlein arbeite, habe dagegen weniger gute Aussichten. Schließlich sei die Arbeit in agilen Teams organisiert, Datenexperten müssten sich ständig mit anderen Fachleuten wie etwa Programmierern austauschen.

Spezialisten sind sehr rar

Die wachsende Nachfrage nach Statistikexperten bestätigt auch Bernd Schmitz. Der Leiter des Personalmarketings beim Chemie- und Pharmariesen Bayer aus Leverkusen nennt für global tätige Unternehmen interkulturelle Kompetenzen als Schlüsselqualifikation. Für Einstiegspositionen gebe es noch keinen Mangel. Aber für viele Aufgaben im Unternehmen seien Spezialisten gefragt, die im Idealfall schon während des Studiums Berufserfahrung gesammelt haben. „Leute, die sich auf Biostatistik spezialisiert oder die ein mehrmonatiges Praktikum in der Entwicklung absolviert haben, sind schon sehr rar“, sagt er. In der Regel lasse sich die Spezialisierung auch später noch nachholen, ein klarer Vorteil sei sie aber allemal.

Dass sich universitäre Ausbildung und Berufspraxis mitunter stark unterscheiden, schildert Alexander Gerharz aus München. Der 23-Jährige studiert Statistik im dritten Mastersemester an der renommierten Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), arbeitet nebenher als Werkstudent und sagt: „Schon in den ersten Tagen im Job wird klar: An der Uni geht es häufig um Idealfälle. Die Realität ist dann meist doch komplizierter.“ Eine Herausforderung sei es zudem, Kunden ohne tieferes Statistikwissen die Ergebnisse verständlich zu machen, etwa durch Visualisierung. Er könne sich zum Beispiel eine Zukunft in der statistischen Beratung mit Kunden aus unterschiedlichen Bereichen sehr gut vorstellen.

Walter Krämer von der TU Dortmund verweist auf ein anderes Feld für Statistiker mit hohem Bedarf und also sehr guten Aussichten: die amtliche Statistik. „In statistischen Bundes- und Landesbehörden und in städtischen Statistikämtern sind EU-weit etwa 1000 Akademikerstellen zu besetzen – jedes Jahr“, sagt er. In einem Aufsatz schildert Markus Zwick, Honorarprofessor für Statistik an der Goethe-Universität Frankfurt, die Herausforderungen, die Big Data für diesen Zweig der Statistik mit sich bringt. Konsens der Forschung sei es, „dass sich das Profil des künftigen Amtsstatistikers in weiten Bereichen wandeln wird“. Neben Statistikkenntnissen, IT-Fertigkeit und analytischer Expertise seien zunehmend auch Managementfertigkeiten, Kommunikations- und Visualisierungsfähigkeiten gefragt.

Auf Teilgebieten sind die Maschinen überlegen

Das Problem allerdings: Häufig verdienen Statistiker in der freien Wirtschaft deutlich besser. Gleichzeitig seien die Anforderungen sehr hoch: „Die universitäre Ausbildung in Statistik ist in der Regel für die praktische statistische Arbeit in statistischen Ämtern nicht ausreichend“, schreibt Zwick. Daher böten die meisten Ämter interne Weiterbildungen an – die sind allerdings kostspielig. Gegen den Nachwuchsmangel scheint die EU-Kommission gerade verstärkt anzugehen: Seit dem Jahr 2014 entwickelt sie mit dem European Master in Official Statistics (EMOS) ein postgraduales, europaweites Master-Programm. An dem Netzwerk sind inzwischen Universitäten aus 14 EU-Ländern beteiligt.

Die Zukunftsaussichten für Statistiker sind also insgesamt glänzend, die Anwendungsgebiete vielfältig. Bleibt die Frage, ob sie irgendwann ersetzt werden – dann nämlich, wenn intelligente Maschinen selbst statistische Modelle entwickeln können. Darüber macht sich René Mathieu, 26 Jahre alt und Masterstudent in Dortmund, keine Sorgen. Er sieht Computer eher als Hilfsmittel. „Entscheidend ist immer die Frage, was ich eigentlich herausfinden will. Das kann man im Zweifel auch auf Papier machen.“

So sieht es auch Walter Krämer aus Dortmund: Auf Teilgebieten seien die Maschinen überlegen, vor allem, wenn es darum gehe, „die Nadel im Heuhaufen zu finden“. Dort also, wo es gilt, in riesigen Datenmengen minimale, statistisch relevante Abweichungen zu finden. „Aber es bleibt dabei: In den Anwendungen wie der Arzneimittelforschung oder der Wetterprognose geht es vor allem um ein gutes Modell. Und das kann der Mensch jetzt und auf absehbare Zeit immer noch besser“, sagt Krämer.

Weitere Themen

„Wir sind überrumpelt worden“ Video-Seite öffnen

Desinfektionsmittel-Hersteller über Corona : „Wir sind überrumpelt worden“

Der Desinfektionsmittel-Hersteller Treox wurde von der Coronakrise überrumpelt und kann sich vor Aufträgen kaum retten. Für ihn bedeute die Situation Fluch und Segen zugleich, sagt Geschäftsführer Rainer Döring. Er arbeite Tag und Nacht, um allen gerecht zu werden. Er wisse aber eben auch besser als andere, was Viren, Bakterien und Pilze anrichten können.

Topmeldungen

Mitglieder der chinesischen Führung verneigen sich am Samstag im Gedenken an die im Kampf gegen das Coronavirus Verstorbenen.

Totengedenken in China : Die Ahnen per Livestream ehren

Nach Wochen des Ausnahmezustands sehnen die Chinesen sich nach Normalität. Die Regierung lässt das aber nur streng dosiert zu – denn ihre Prioritäten sind andere: die Partei und die Wirtschaft.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.