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Sprachnotstand an der Uni : Studenten können keine Rechtschreibung mehr

Das Lesen solcher Arbeiten ist nicht nur nicht erfreulich. Es ist eine Zumutung. Dabei handelt es sich fast ausnahmslos um Studenten, deren Muttersprache Deutsch ist. Oftmals ist es sogar so, dass ausländische Erasmus-Studenten die deutsche Grammatik besser beherrschen als ihre deutschen Kommilitonen. Wird dieser Missstand laut artikuliert, sieht man sich zumeist sofort dem Vorwurf ausgesetzt, man sei zu streng und dürfe die armen Studenten (oder, um es gemäß der grassierenden Partizipienseuche zu formulieren, die politisch angeblich korrekt, sprachlogisch jedoch falsch ist: die „Studierenden“) nicht überfordern. Immer häufiger wird dies auch mit der Belehrung verbunden, dass es eine Krankheit gebe, die sich Legasthenie nennt.

Das argumentative Muster dieser engagierten Kritiker ist bekannt. Hat es sich schon durchgesetzt, allen, die in der Schule nicht aufpassen oder sich durch anderes „abweichendes Verhalten“ vom „normalen“ Durchschnitt unterscheiden - ein Umstand, den jede liberale Gesellschaft eigentlich begrüßen sollte, anstatt jegliche Normabweichung sofort als pathologisch zu klassifizieren -, die Krankheit ADHS zuzuschreiben, gelten nun alle, die der deutschen Rechtschreibung nicht mächtig sind, als Legastheniker. Gibt es auch Tabletten gegen Rechtschreibfehler? Die Pharmaindustrie würde ein Millionengeschäft machen. Dabei liegen die Dinge für jeden, der sehen will, klar zutage: An deutschen Schulen und Universitäten hat eine systematische Niveaunivellierung stattgefunden, die das Ergebnis einer wachsenden Scheu ist, den Lernenden gegenüber Grenzen zu ziehen, schlechte Leistungen als solche zu benennen, Unterschiede zu sehen und zu akzeptieren, anstatt allen - ob sie dafür geeignet sind oder nicht - alles eröffnen zu wollen.

In der erschütternden Unkenntnis der deutschen Orthographie drückt sich nicht nur aus, dass offensichtlich kaum noch Bücher gelesen werden. Sie spiegelt auch ein Problem wider, das mit der Abschaffung des Frontalunterrichts - die, man glaubt es nicht, im Jahr 2014 immer noch als innovativ angepriesen wird - eingetreten ist: Der Verzicht auf Anleitung führt dazu, dass eine Fehlerkontrolle ausbleibt und die Schüler in ihrem oftmals falschen Selbstbild von ihren Leistungen nicht nur bestärkt, sondern paradoxerweise gleichzeitig auch alleine gelassen werden. Allzu oft wird an den Universitäten dieses Problem nicht etwa behoben, sondern durch die (verantwortungslose!) inflationäre Vergabe guter Noten fortgesetzt.

Ich will mich nicht einreihen in den Chor derer, die den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören; wenngleich es zur Bestätigung dieser kulturpessimistischen These sicher lohnenswert wäre, eine Umfrage unter Studenten zu machen, wer von ihnen überhaupt noch weiß, was das Abendland eigentlich ist - und wie man es schreibt. Hier halte ich mich vielmehr mit Kant an das hoffnungsvolle Bestreben, der „langen melancholischen Litanei von Anklagen der Menschheit“ den Appell an die Mündigkeit, an die Freiheit und an die Änderungsfähigkeit eines jeden Menschen entgegenzusetzen. Die angeführten Beispiele zeigen jedoch überdeutlich, dass das deutsche Bildungssystem an gravierenden Stellen versagt. Gymnasien, die nicht einmal in der Lage sind, dafür zu sorgen, dass ihre Absolventen nach Erlangen der allgemeinen Hochschulreife die deutsche Rechtschreibung beherrschen, stellen sich selbst ein Armutszeugnis aus.

Über kurz oder lang wird dieses System, das bei konsequenter Fortführung zu einer nachhaltigen Verdummung der Gesellschaft führen würde, keinen Bestand haben. Es ist zu hoffen, dass der jetzige Bestand eher von kurzer als von langer Dauer sein wird.

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