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Sportstipendien in Amerika : Fast wie ein Profi

  • -Aktualisiert am

Engagiert im Sport - aber auch am Schreibtisch: Abiturientin Christin Kaupper Bild: Edgar Schoepal / F.A.Z.

Wer Sport und Studium kombinieren will, findet in den Vereinigten Staaten gute Bedingungen und Stipendien. Die Rückkehr nach Deutschland sollten Studenten dennoch nicht aus den Augen verlieren.

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          Der Flug ist schon gebucht, Mitte August bricht Christin Kaupper, Abiturientin in Recklinghausen, an die amerikanische Ostküste auf: An der Universität von North Carolina in Wilmington hat die junge Frau ein Sportstipendium bekommen. Wenn alles gut läuft, kann Christin dort vier Jahre lang studieren, Tennis spielen und zugleich ihren Bachelor machen. Oder sie entscheidet sich nach dem „Freshman Year“ - so heißt das erste Studienjahr an amerikanischen Universitäten - doch wieder, nach Deutschland zurückzukehren.

          Auf der Rangliste der deutschen Juniorinnen U18 rangiert Christin, die hierzulande bislang keine Sportförderung genossen hat, in dieser Saison an Position 47. Als Kind sei sie vor allem breitensportlich unterwegs gewesen, erzählt sie. „Erst“ mit zwölf Jahren habe sie angefangen, intensiv Tennis zu spielen. Für eine Förderung durch den Verband war das dann schon „zu alt“, ihre Familie habe deshalb ihre sportliche Ausbildung komplett aus eigener Tasche finanziert. Dass sich dieser Einsatz nun auszahle in Form eines Stipendiums, freut Christin besonders: Ihre sportlichen Qualitäten haben die amerikanischen Trainer in North Carolina überzeugt.

          Lohnenswerter Papierkram: Ohne ein Stipendium ist das Studium in Amerika teuer.
          Lohnenswerter Papierkram: Ohne ein Stipendium ist das Studium in Amerika teuer. : Bild: Edgar Schoepal / F.A.Z.

          Wenn auch bislang nur virtuell, denn den Coaches in North Carolina reichte es aus, ihre Bewerbung inklusive Tennis-Video online zu bekommen und zu bewerten. Noch lieber wäre Christin Kaupper allerdings ins sonnige Kalifornien aufgebrochen. Die Trainer der dortigen Unis waren sogar eigens über den Großen Teich gejettet, um den sportlichen Nachwuchs in spe für ihre Uni-Teams persönlich vor Ort zu begutachten. Doch ausgerechnet an jenem Tag, als Christin vorspielen sollte, hatte es hinten und vorne nicht geklappt: „Ich war noch zu sehr von einer Grippe geschwächt und konnte auf dem Platz nicht meine Top-Leistung abrufen.“ Der kalifornische Traum war geplatzt. Aber Wilmington ist aus Sicht der 17 Jahre alten Gymnasiastin, die Stipendien-Angebote von insgesamt 34 amerikanischen Unis bekommen hatte und zurzeit noch für den TC Parkhaus Wanne-Eickel spielt, keine schlechte Alternative. Im Gegenteil: „Die Stadt liegt am Meer, und in der Gegend gibt es viele Unis mit starken Tennis-Teams. Das ist mir wichtig.“ Das Stipendium umfasst nahezu alle Kosten, die mit Sport und Studium verbunden sind inklusive Studiengebühren, Wohnen und Essen. Die komplette Tennisausrüstung wird gestellt, das Training und die Reisen zu Turnieren werden bezahlt. „Das ist schon toll, man fühlt sich fast wie ein Profi“, schwärmt Christin. Ihre künftigen Mannschaftskolleginnen hat sie über Skype schon aus der Ferne kennengelernt: „Die sind alle total nett.“

          Zunächst muss die junge Frau sich aber noch bei der amerikanischen Uni mit ihrem Abiturzeugnis bewerben. Dass da größere Hindernisse lauern könnten, glaubt sie nicht, denn auf die Schülerin mit den Leistungskursen Mathematik und Biologie war bislang auch schulisch Verlass. „Ich bin gut und ambitioniert, ich will später einen guten Job haben“, sagt sie. Eine Tätigkeit in der Wirtschaft, eventuell als Patentanwältin, schwebt ihr vor. Was sie genau studieren will, hält sie noch offen. Schließlich muss man sich während des „Freshman Years“ in den Vereinigten Staaten noch nicht festlegen und kann zunächst eine Art Studium generale machen.

          Frauen haben bessere Chancen

          Der doppelte Ehrgeiz im Klassenzimmer und auf dem Sportplatz sei wichtig, beides müsse stimmen, wenn man sich für ein amerikanisches Sportstipendium bewerbe, sagt Philipp Liedgens. Seine Agentur „Sport-Scholarships“ in Münster vermittelt seit 16 Jahren deutschen Abiturienten Sportstipendien an amerikanischen Hochschulen. Die Beratung und Erstellung eines Online-Profils kosten zunächst 290 Euro. Kommt es allerdings zum erfolgreichen Abschluss eines Stipendiums, werden insgesamt 2500 Euro fällig. Das sei im Vergleich zum Wert des Stipendiums ein fairer Preis, findet Liedgens, schließlich koste ein Studienjahr in Amerika locker 30.000 Dollar.

          Die jährliche Bewerberzahl liege „im vierstelligen Bereich“, schrumpfe aber letztlich auf 130 bis 140 Kandidaten zusammen, für die eine Bewerbung tatsächlich Sinn mache, sagt Liedgens. „Den Jungs fehlt oft ein Schuss Realitätssinn, sie schätzen sich sportlich zu gut ein. Die Mädels sind dagegen zu zögerlich, sie stellen ihr Licht gern unter den Scheffel.“ Dabei haben gerade weibliche Bewerber die besseren Karten: Weil die amerikanischen Unis eine gleich hohe Anzahl an Sportstipendien für Männer und Frauen vergeben, beim imageträchtigen Football aber schon reichlich Plätze für Männer draufgehen, bleiben für Frauen insgesamt mehr Stipendien in den anderen Sportarten übrig.

          Liedgens rät zum Wechsel in die Vereinigten Staaten möglichst direkt nach dem Abitur. „Wer zu lange wartet, weil er vielleicht doch noch von einer Profikarriere in Deutschland träumt, für den wird es oft schwierig.“ Auch in den typisch amerikanischen Sportarten Football, Basketball und Eishockey sei es „brutal schwierig“, als Deutscher ein Stipendium zu ergattern. Insofern komme es auch auf die „richtigen“ Sportarten an, also jene, die von den Amerikanern nicht so sehr dominiert werden. Dazu zählen Golf, Lacrosse, Rudern, Skifahren, Fußball, Schwimmen und Tennis. Wer ein Stipendium bekommen hat, bleibt meist bis zum Bachelor. Manche verabschieden sich aber auch nach einem Jahr wieder nach Deutschland. „Dann war es halt ein Orientierungsjahr im Ausland“, sagt Liedgens.

          Entspannt leben in Florida

          Davide Faga, 26, verdankt sein komplettes Bachelorstudium „International Business“ einem Sportstipendium an der Jacksonville University in Florida. Ein Trainer hatte den talentierten Fußballer zum Auslandsstudium in Amerika animiert. Faga hatte zuvor für Eintracht Frankfurt gespielt, besuchte dann das Sport-Internat des FC Bayern München und schaffte es in die Jugendfußball-Nationalmannschaft. Verletzungsbedingt gab er den Traum von einer Profikarriere jedoch schon früh wieder auf. Nach dem Zivildienst studierte er statt dessen drei Semester Jura in Frankfurt; dann entschied er sich für die Option Studium plus Sport in Amerika. „Als ich schließlich sonnengebräunt zurückkam im Juni 2012, war die Umstellung nicht ganz leicht“, bekennt der junge Mann. „Der Lebensstil in Florida war um einiges entspannter als hier.“

          Doch nach einem Praktikum beim Deutschen Fußball-Bund ging es plötzlich ganz schnell: Ein Freund, der gerade in Zürich bei dem Flugzeugteile-Unternehmen SR Technics ein Trainee-Programm machte, empfahl seinen Kollegen, einmal einen Blick in Fagas Lebenslauf zu werfen. Das Unternehmen sortierte sich gerade neu, und wie der Zufall es will: Fagas späterer Chef war ein großer Fußballfan. „Wir haben ein sehr gutes Gespräch geführt, dabei ging es fast nur um Fußball“, sagt Faga. Prompt bekam er seine erste feste Stelle - im Verkaufsbereich. Rasch musste er sich in die Luftfahrtbranche einarbeiten. Weil die Fluglinien Wartungsleistungen oder neue Getriebe oder Komponenten oft binnen weniger Stunden oder Tage benötigen, ist die Arbeit mit viel Zeitdruck verbunden. Trotzdem gelassen zu bleiben und hochkonzentriert zu arbeiten ist nicht jedermanns Sache.

          „Ich arbeite gern selbständig und konnte immer schon sehr gut mit Druck umgehen, das war ich vom Sport her so gewöhnt. Deshalb macht mir mein Job auch sehr viel Spaß, obwohl viele ihn vielleicht als zu stressig empfänden“, sagt Faga. Dass im Unternehmen durchweg Englisch gesprochen wird, war für ihn aufgrund seiner Vita auch kein Problem. Rückblickend stellt er daher fest: „Für jeden jungen Sportler, der auf anspruchsvollem Niveau studieren und auch Sport machen will, sind die Vereinigten Staaten die perfekte Lösung. Denn dort sind beide Aspekte optimal aufeinander abgestimmt.“

          Herzblut ist nötig

          Die Berliner Karriereberaterin Martina Bandoly unterstützt diese positive Sichtweise grundsätzlich, mahnt aber zu sorgfältiger Vorbereitung und Planung: „Arbeitgeber könnten sich sonst später fragen: Wie intensiv hat der Kandidat überhaupt studiert, wenn er dort so viel Sport gemacht hat?“ Für den Berufseinstieg sei zudem wichtig, dass die Studiengänge zu den Gegebenheiten am deutschen Arbeitsmarkt passen. „Bei vielen kleineren Hochschulen in den Vereinigten Staaten muss man sehr genau hinschauen: Wie kompatibel sind deren Studieninhalte eigentlich mit dem Job-Markt?“ Wenn das Herz nach wie vor für die Heimat schlage, sei man klug beraten, schon während der Semesterferien gezielte Praktika in Deutschland zu machen, um später den Wiederanschluss nicht zu verpassen und sein altes Netzwerk nicht zu verlieren.

          Grundsätzlich sei der „enorme Reifungsprozess“ aber sehr positiv zu bewerten, wenn man ein paar Jahre Selbständigkeit in den Vereinigten Staaten bewiesen habe, sagt Bandoly. Wichtig sei, dass der Kandidat den Schritt in die Ferne aus freien Stücken unternehme. Angehende Studenten sollten sich nicht zu stark von Trainern, Mannschaftskollegen oder Eltern hineinreden lassen. Auch solle sich jeder Einzelne fragen, wie viel Zeit er seinem Ausbildungsweg insgesamt einräumen möchte, welche Firma für ihn persönlich interessant sein könnte und wie seine Lebensplanung bis zum 30. Lebensjahr grundsätzlich aussehe. Die Karriereberaterin erlebt immer wieder junge Menschen, die bei der Studien- und Berufswahl zu wenig auf die eigenen Neigungen achten. „Die meisten sind irgendwann Anfang 30 völlig enttäuscht. Sie wurden Apotheker oder Ärzte, weil die Eltern Apotheker oder Ärzte waren.“ Oder sie haben Maschinenbau studiert, nur weil der beste Kumpel es auch studiert hat. „So etwas kann hinhauen, aber meist rächt es sich irgendwann.“ Das Gleiche gelte für das Sportstipendium in Amerika: „Man sollte es nur dann anstreben, wenn das Herz wirklich daran hängt. Und nicht, weil es sich im Lebenslauf so schön macht.“

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