https://www.faz.net/-gyl-vb5s

Sport als Wissenschaft : Fit und feierfreudig

  • -Aktualisiert am

Mit ein bisschen Hopsen ist es nicht getan Bild: Wonge Bergmann

Sportwissenschaftler lernen an sich selbst, wie Spitzenleistungen zustande kommen. Wenn sie nicht trainieren oder Anatomie pauken, bringen sie beim Feiern Höchstleistungen. Auch das macht sie für Arbeitgeber interessant.

          5 Min.

          „Gut gemacht“, ruft Trainer Jürgen Klopp nach einem gelungenen Spielzug über den Trainingsplatz des Fußballzweitligisten FSV Mainz 05, während der Wind ihm seine blonden Haare ins Gesicht wirft. "Wenn der Gegner im Mittelfeld den Ball hat, dann gehen wir drauf. Wenn da einer schläft, ist das unsere Chance", weist er die Spieler an, bevor sie sich wieder auf ihre Positionen verteilen. Klopp hat 1995 in Frankfurt seinen Abschluss zum Diplom-Sportwissenschaftler gemacht und ist einer der prominentesten Absolventen dieses Studiengangs. Nicht nur in der Fußballszene hat sich der temperamentvolle Schwabe einen Namen gemacht. Während der Fußball-WM im vergangenen Jahr erklärte er an der Seite von Johannes B. Kerner im ZDF mit Rotstift und Rhetorik, wie das Spiel funktioniert, und erzielte durch seine humorvolle Art nicht nur bei eingefleischten Fans Wirkung.

          "Mein Sportstudium ist eigentlich die Basis für alles, was ich heute mache", sagt Klopp über seine achtjährige Studienzeit. Durch sein Studium kenne er sämtliche Abläufe des menschlichen Organismus, was ihm bei der Trainingsplanung helfe, ebenso wie sportpsychologische Aspekte, was für die Spielerführung bedeutsam sei. Bei den Mainzer Sportstudenten ist "Kloppo" schon lange ein Idol. Wenn der 40 Jahre alte ehemalige Zweitligaspieler Gastvorträge an der Uni hält, bleibt kein Stehplatz frei im Vorlesungssaal.

          Fußballtrainer im Profibereich - für Sportstudenten ist das ein Traumjob. "Viele von uns, die sich auf den Leistungssport spezialisieren, hätten Lust auf einen Trainerjob in der höchsten Spielklasse. Aber leider werden die Positionen meist mit ehemaligen Profisportlern besetzt, obwohl so mancher von uns vielleicht besser wäre", sagt der Mainzer Sportstudent Nik Alberding selbstbewusst.

          Tests im Wasser und auf dem Parkett

          Knapp 30.000 Sportstudenten gibt es bundesweit, von den Volluniversitäten stellt Mainz mit 1400 Studenten die meisten. Am meisten Sport gemacht und gedacht wird jedoch an der Deutschen Sporthochschule (Spoho) in Köln. 6500 Studenten verkehren auf dem Campus der weltweit größten Sportuniversität im Grüngürtel der Domstadt. Mehr als tausend Bewerber erscheinen jedes Semester zur Aufnahmeprüfung. Nach Angaben der Hochschule besteht davon nicht einmal die Hälfte. Wer sich durchkämpft, hat zwar die Eintrittskarte in das Studium, muss seine Leistungen aber weiter verbessern. Neben geistes- und naturwissenschaftlichen Vorlesungen müssen im Grundstudium insgesamt sieben Sportarten von Tanzen bis Handball erfolgreich absolviert werden. Die Leistungskriterien sind dabei deutlich härter als beim Eignungstest.

          In Mainz sind die Kriterien kaum weniger anspruchsvoll. Das hat Stefan Kahl insbesondere beim Turnen und Schwimmen gemerkt. Sein Körper strahlt Kraft und Dynamik aus, doch wie er diese im Wasser in Geschwindigkeit umwandeln kann, weiß er nicht so genau. "Wir hatten im Laufe des Semesters im Schwimmen fünf Einzelprüfungen. Beim ersten Mal bin ich jedes Mal durchgerasselt", sagt er. Nun heißt es: So lange trainieren, bis er die geforderten Zeiten schafft. Und wenn nicht, muss er in einem Jahr wieder ran.

          Benjamin Friedrich hat mit den Leistungskriterien im Schwimmen keine Probleme. Seine Arme bilden eine waagerechte Linie, als er in der Schwimmhalle auf dem Mainzer Campus aus dem Wasser auftaucht und die Struktur seiner Rückenmuskeln klar erkennbar ist. Kaum eine halbe Sekunde später senkt er seinen Oberkörper wieder mit nach vorne gestreckten Armen unter die Wasseroberfläche und wiederholt den Bewegungsablauf des Delphinschwimmens. Friedrich ist im Hauptstudium angekommen und belegt als Hauptfach Schwimmen. 2003 hat er mit der Staffel einen neuen deutschen Rekord über 50 Meter Freistil aufgestellt.

          „Mehr als die Hälfte der Sportstudenten raucht“

          Heute dient er als Anschauungsobjekt für seine Kommilitonen am Beckenrand. Die sind froh, dass ihr Dozent Werner Freitag, früher selbst Rekordschwimmer, Friedrichs Aktivitäten per Mikrofon kommentiert. Die meisten sind gezeichnet von einer langen Nacht: Am Vortag fand der „Dies Gymnasticus“ statt, das jährliche Sportfest. Dass Sportstudenten nicht nur gut schwimmen, sondern auch feiern können, ist in Mainz bekannt. Die „Sportler-Parties“ sind berühmt-berüchtigt. Nik Alberding findet jedoch, dass bei einigen Lebensstil und Sportstudium nicht zusammenpassen. "Viele übertreiben es mit dem Feiern, mehr als die Hälfte der Sportstudenten raucht. Das darf nicht sein, wenn man später als Trainer arbeitet und ein gutes Vorbild sein will." Die Kontaktfreudigkeit von Sportstudenten zeigt sich indes auch im Studentennetzwerk "Studi-VZ". Sport-Studenten haben hier im Durchschnitt mehr als 60 Bekanntschaften - mit Abstand die meisten vor den Musik- und Medienwissenschaftlern.

          Nützlich sind diese Sozialkompetenzen auch für den Berufseinstieg. "Sportwissenschaftler knüpfen bereits während ihres Studiums Kontakte, über die sie oft auch direkt einen Job finden", sagt Oliver Lohmar, Leiter des Career Service der Spoho. Eine Absolventenstudie der Professoren Ilse Hartmann-Tews und Joachim Mrasek bestätigt dies. 52 Prozent der Arbeitgeber von Sportwissenschaftlern nannten deren Kontakte und Beziehungen als Mitgründe für die Einstellung. Dies gilt nicht nur für Unternehmen aus der Sportbranche: Fast ein Drittel der Spoho-Absolventen hat nach dem Studium beruflich nichts mehr mit Sport am Hut. Insbesondere in den beratenden Tätigkeiten, etwa bei Finanzdienstleistern, kommen sie unter, hat Lohmar beobachtet. Für Jürgen Klopp ist das keine Überraschung. "Auch in meinem Jahrgang waren nur Leute, die Feuer hatten und extrem teamfähig waren. Da war eigentlich keiner dabei, mit dem man gar nicht konnte."

          Viele wollen Sportjournalist werden

          Im Seminarraum des Mainzer Sportinstitutes ist das Licht gedimmt. Student Michael Sorg hat im Seminar "Konstruktionsmuster des Sports im Fernsehen" gerade einen Fernsehbeitrag über die Deutsche Tourenwagenmeisterschaft an die Wand projiziert, bei dem mehr über die Prominenten am Streckenrand berichtet wurde als über das Geschehen auf der Straße. Professor Manfred Messing bringt das in Rage. "Das ist doch grauenhaft, dass hier lieber Roger Moores Frau gefilmt wird, während der Sport an sich zur Nebensache verkommt." Ihm gegenüber sitzt Fritz Hattig, pensionierter Fernsehjournalist, der die Sicht des Fernsehmachers in das Hauptseminar einbringen soll. "Unsere Aufgabe ist es, zu informieren und zu unterhalten", entgegnet er nüchtern. Ein guter Fernsehmacher finde aber die Unterhaltung im Sport selbst und könne auf Randaspekte verzichten.

          Fritz Hattig war in seiner Zeit beim ZDF verantwortlich für Sportdokumentationen. Für viele Sportstudenten wäre das ein Traumjob. In Befragungen des Career-Service der Spoho nannte ein Viertel das Berufsziel Sportjournalist. Den Weg müssen sich die Reporter in spe jedoch selbst bahnen, wie Oliver Lohmar erläutert: "In keinem anderen Bereich sind Praktika und Kontakte so wichtig. Vieles läuft da informell." Zudem drängen auch Fachfremde auf den Arbeitsmarkt. Fabian Schiffer, Leiter der Unternehmenskommunikation des Deutschen Sportfernsehens, bestätigt viele Bewerbungen von Sportstudenten, aber eben auch von Quereinsteigern. "Wenn jemand bei mir arbeiten will, muss er nicht die 100 Meter in 11,2 Sekunden laufen", sagt Schiffer. Wichtiger seien Erfahrungen in der Medienbranche und vielseitige Talente.

          Talent und hartes Training

          Talent und hartes Training haben Jens Tiedtke im Handball weit gebracht. Er ist Bundesliga- und Nationalspieler. Nur ein operativ zu behandelnder Hirntumor hinderte ihn daran, für Deutschland an der Weltmeisterschaft im Januar teilzunehmen. Mittlerweile ist er wieder gesund und mit dem TV Großwallstadt in Deutschlands Handballhallen unterwegs. Nebenbei studiert er seit vier Jahren Sportwissenschaften in Mainz. Einen Starkult um ihn gibt es am Institut nicht. "Hier sind einige, die sportlich etwas drauf haben. Und hier den Profisportler raushängen lassen, das ist nicht mein Style", sagt er. Ein normales Studentenleben führt er dennoch nicht. Es komme vor, dass er erst früh morgens von einem Pokalspiel heimkehre und drei Stunden später im Seminar sitzen müsse, sagt Tiedtke. Zudem muss er fünfmal die Woche zum Training. Trotzdem will er sein Studium durchziehen und damit Sicherheit für die Zeit nach der Profikarriere gewinnen. Die sieht er im Handball, am liebsten im Management.

          Kloppo“ als Vorbild

          Das würde auch zu seinem Studienschwerpunkt Sportökonomie/Sportmanagement passen. Ein Bereich, der in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Mit einem Drittel sind laut einer Studie mittlerweile die meisten Absolventen der Spoho in diesem Bereich beschäftigt. Ob Vermarktung von Sportartikeln oder Organisation von Sportereignissen, die Möglichkeiten sind vielfältig und die Berufschancen momentan gut. Lohmar ist jedoch skeptisch, ob dies von Dauer ist. "Etliche Hochschulen haben in den vergangenen Jahren den Schwerpunkt Sportökonomie aufgebaut. Ich befürchte einen Angebotsüberschuss", sagt der Karriereberater. Jens Tiedtke macht sich da keine Sorgen. Er überlegt ohnehin noch, ob er nicht doch in den Trainerbereich will. Als Vorbild kann ihm Jürgen Klopp dienen. Der hat gezeigt, dass die Kombination aus Ex-Profi und Sportwissenschaftler erfolgversprechend sein kann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Je mehr Privatpatienten in einem Gebiet, desto mehr Ärzte lassen sich dort nieder. Aber liegt das am Geld oder am sozialen Umfeld?

          Gesundheitswesen : Abschaffung der Privatkassen soll Milliarden sparen

          Der Beitrag für jeden gesetzlich Versicherten könnte um 145 Euro im Jahr sinken, wenn die Privatkassen abgeschafft würden. Das behauptet eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Beamte, Ärzte und Wissenschaftler halten die Berechnungen für hanebüchen.
          Jetzt wird’s ernst, und wer auf frischer Tat ertappt wird, kommt aus dem Schlamassel kaum heraus.

          So wehrt man sich : Wie Sie Bußgelder vermeiden

          Wie man sich am besten gegen Vorwürfe wehrt, man sei zu schnell gewesen, habe keinen Abstand gehalten oder sei bei Rot über die Ampel. Nur wer in flagranti erwischt wird, hat wenig Chancen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.