https://www.faz.net/-gyl-y8p0

Skigymnasium Stams : Kaderschmiede für Siegertypen

Die Überflieger herausfiltern: Skispringer und Stams-Absolvent Martin Koch Bild: dapd

In das Skigymnasium Stams in Tirol schaffen es nur wenige. Die Schule fordert viel von ihren Kadetten. Ausdauer, Disziplin, Durchhaltevermögen nützen den Absolventen nicht nur im Spitzensport.

          5 Min.

          „Solide fahren, Tresl“, schreit Stefan Plattner. Tresl, die Tiroler Version für Theresia, ist beim Slalom-Training für ein Skirennen. Plattner ist ihr Trainer. Das zarte Mädchen stürzt sich mit Todesverachtung den Hang herunter. Im Paznauntal auf rund 2500 Meter Höhe üben 14 Jahre alte Mädchen und Jungen des „Schigymnasium Stams“. Auf der Trainingsstrecke sind die Slalom-Stangen mit neun Metern Zwischenraum enger gesteckt als üblich. Unter dem Neuschnee ist die Piste pickelhart. Die Trainer, neben Plattner ist Heribert Hörbst dabei, sind über Funk mit den Schülern verbunden und geben Kommandos: „Technisch sauber bleiben, erst dann riskieren. Rund fahren, nicht nachlassen. Platz zum Tor lassen. Nicht mit den Schuhen, sondern mit der Außenhand die Stange kippen. Alpine Grundeinstellung. Nicht mit den Armen rudern.“

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Tresl kommt wie ihre Kolleginnen schnaufend am Ziel an und hört sich die Kritik von Plattner dankbar an. Fünf Durchläufe stehen an diesem Vormittag auf dem Programm. Später wird sie ihre Fahrten auf dem dafür eigens aufgenommenen Video mehrfach analysieren und versuchen, die angesprochenen Korrekturen zu verinnerlichen. Denn nach dem Start ist vor dem Start. Genauso geht es den Jungen. Keiner ist böse, wenn Trainer Hörbst sie hart anfasst. „Arbeitsverweigerung“, heißt es da schon einmal, wenn Hörbst zu wenig Engagement bei den ihm anvertrauten Zöglingen beobachtet. Oder wenn er sieht, dass die Kanten von Skiern nicht scharf genug sind, heißt es: „Geh' den Ski herrichten.“ Es kann auch vorkommen, dass der Schüler konfrontiert wird mit dem Kommentar: „Einen Ruass obafoarn.“ Das heißt auf Tirolerisch, dass die Abfahrt schlecht war.

          „Das ist kein Streichelzoo“

          „Man muss lästig bleiben und immer wieder Leistung fordern“, erklärt Plattner. Er ist seit zwei Jahrzehnten im Geschäft und weiß: „Das ist kein Streichelzoo. Nur Kritik bringt uns weiter“, findet der Pädagoge. Manchmal sei ein schärferes Wort zielführender. Auch Hörbst, seit einem Vierteljahrhundert in Stams tätig, sieht es so: „Wir haben einen Bildungsauftrag zu erfüllen. Die jungen Leute besser zu machen und sie an den Spitzensport heranzuführen.“

          Die Überflieger herausfiltern: Skispringer und Stams-Absolvent Martin Koch Bilderstrecke

          Denn dort wollen die Schüler hin. „Weltmeister oder Olympiasieger“ antworten Tresl und die anderen Schüler, wenn man sie nach ihrem Ziel fragt. Die Vorbilder sind schließlich vorhanden. Wenn in den kommenden Tagen die alpine Ski-Weltmeisterschaft in Garmisch-Partenkirchen stattfindet, fahren wieder prominente Stams-Schützlinge wie Marlies Schild und Benjamin Raich um Edelmetall mit. Aber der Weg an die Spitze ist schwierig: Nur 2 Prozent der Anfänger schaffen es in der alpinen Disziplin, erklärt der Direktor der Schule, Arno Staudacher. Er trägt eine Stoppelfrisur und erinnert an einen Offizier. Er spricht gern in knappen Sätzen. Wie viele seiner Trainer hat er ein Sportstudium absolviert. Bis vor wenigen Jahren war er im Österreichischen Skiverband (ÖSV) für den alpinen Nachwuchs verantwortlich. Die Frage, wie ein Weltklasseläufer entsteht, treibt ihn entsprechend lange um.

          Schon der Einstieg ist eine Hürde. Jährlich beginnen 45 Schüler an dieser Talentschmiede, die als Oberstufenschule organisiert ist. Der Andrang sei dreimal so hoch. Wer es in diesen elitären Kreis schafft, muss motorische Fähigkeiten auf hohem Niveau zeigen und sich zwei Tage im Gelände bewähren. Die Anforderungen in den Aufnahmeprüfungen seien so hoch, dass nur eine Chance hat, wer bereits ein herausragender Skifahrer, Snowboarder, Springer oder Langläufer ist, heißt es. Zunächst wird die Sprungkraft mittels Kraftmessplatten und einem Stand-weit-Test überprüft. Dabei springen die Anwärter beidbeinig aus dem Stand nach vorne. Profis kommen auf drei Meter, als Vierzehnjähriger sollte man zumindest 2,30 Meter schaffen. Dann wird die Anatomie der Springer untersucht, die Sprunggelenkbeweglichkeit, die Bein- und Fußform.

          Arbeitsreiche Jahre mit 60-Stunden-Wochen

          Wer dieses Hindernis überwunden hat, für den beginnen arbeitsreiche Jahre mit 60-Stunden-Wochen im Internat. Wählbar sind die Disziplinen: Ski Alpin, Snowboard, Langlauf, Biathlon, Nordische Kombination und Skispringen. Täglich gibt es drei Stunden Sport und sechs Stunden Unterricht. Die Ferien der Stamser, wie sich Schüler und Abgänger des Gymnasiums bezeichnen, sind mit Sport ausgefüllt bis auf wenige Tage. „Ich ziehe vor jedem Schüler meiner Institution den Hut“, sagt Staudacher und ergänzt: Die Leistung, die einem Schüler hier abverlangt werde, könne ein Großteil der Erwachsenen nicht erbringen.

          Wer es nach Stams schafft, muss mit mentalem Druck umgehen können. Dieser Druck wirkt von vielen Seiten auf die Nachwuchselite des Alpinsports ein. Die strengen Abläufe in der Schule, die Leistungsanforderungen im Unterricht und im Sport, die Erwartungen ehrgeiziger Eltern und immer wieder Verletzungen, die dazugehören und trotzdem Rückschläge sind. Dazu gehören auch die tragischen Unfälle von Idolen, mit denen die Österreicher gerade in der laufenden Saison konfrontiert sind. Vielen sitzt der Sturz von Hans Grugger beim Training für die Ski-Weltcup-Abfahrt in Kitzbühel im Januar im Nacken, bei dem sich der Sportler ein Schädelhirntrauma zugezogen hat.

          Von Oktober bis April gehen die Eleven kaum zur Schule, weil die Unterrichtszeiten sich am Wettkampfkalender des Skiverbands orientieren. Während dieser Zeit lernen sie von ganz Europa aus über ein Lern-Programm im Internet. Von April an müssen sie den Stoff dann nachholen und von Montag bis Samstag ganztätig in den Unterricht. Dass die digitalisierte Vermittlung des Lernstoffes optimal ist, bezweifelt Direktor Staudacher: „Der Präsenzunterricht kann durch nichts ersetzt werden.“ Das Internet könne bestenfalls ein ergänzendes Instrument sein.

          Stamser haben mehr als fünf Dutzend Olympia-Medaillen gewonnen

          Stams ist ein kleiner Ort ungefähr 30 Kilometer entfernt von Innsbruck im Inntal. Das Schulgebäude sieht an der Frontseite wie der Bug eines Schiffes aus. Es ist ein architektonisch interessanter Funktionsbau und wirkt für eine Kaderschmiede nüchtern militärisch. „Internatschule für Schisportler Stams“, steht an der Türe, dahinter öffnet sich eine Kombination aus Sichtbetongängen, kreisrunden Fenstern und Lüftungsrohren, aus verschachtelten Räumen und verwinkelten Sitzgruppen, aus Klassenräumen, Schlafzimmern. Es gibt Turnhallen, Krafträume, eine Kletterwand, ein Schwimmbad.

          Seit der Gründung 1967 haben Stamser mehr als fünf Dutzend Olympia-Medaillen gewonnen. Hinzu kommt unzähliges Edelmetall bei Weltmeisterschaften, Juniorenweltmeisterschaften sowie Weltcup-Gesamtsiege. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle großen Namen, die mit Österreich und Wintersport verbunden werden, in Stams ausgebildet worden. Das Internat für Skisportler, das sich aus Gymnasium und Handelsschule zusammensetzt, ist eine von Bund, Land und dem Stift im gleichnamigen Ort getragene „Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht“. Sie kostet die öffentliche Hand mit 28.000 Euro je Schüler im Jahr das Vielfache einer gewöhnlichen Schule. Die Eigenbeteiligung der Eltern beträgt 5000 Euro im Jahr. Die hohen Kosten beruhen auf der Betreuungsdichte. Rund die Hälfte des pädagogischen Personals stellen Trainer. Sie kümmern sich um ihre Zöglinge mit Betonung auf eine möglichst individuelle Betreuung. Kleingruppen umfassen sechs bis zehn Schüler. Davon können auch Nichtösterreicher profitieren. Die Schule nimmt ebenso ausländische Bewerber. Es sollten nicht mehr als ungefähr 10 Prozent sein, erklärt der Direktor. Denn Stams sei nun einmal eine Einrichtung zur Ausbildung des österreichischen Nachwuchses.

          Rund ein Fünftel der Anfänger scheidet vorzeitig aus

          Nicht alle halten dem Druck stand. Rund ein Fünftel der Anfänger scheidet vorzeitig aus. Das kann daran liegen, dass die sportliche Entwicklung hinter den Erwartungen bleibt. Aber auch wenn es schulisch keinen Fortschritt gibt, wird ein Schlussstrich gezogen. Wer es bis zum Abitur schafft, ist nicht nur sportlich auf der Höhe. „Unsere Schüler sind reifer und zielorientierter aufgrund ihrer Eigenschaften und der vermittelten soft skills“, findet Staudacher. Sie hätten eine überdurchschnittliche Präsentationskompetenz und ein ebensolches Auftreten.

          Von den Absolventen, die außerhalb des Sports eine berufliche Laufbahn einschlagen, beginnen viele ein Studium. Ausdauer, Disziplin und Durchhaltevermögen sind Tugenden, mit denen die Stamser auch außerhalb des Sports punkten. Christoph Müller ist einer davon. Der Psychologe erklärt die Auswirkungen seiner Lektionen am Schigymnasium so: „Ohne Stams wäre ich zurückhaltend, sensibel und ein Hosenscheißer. Mit der Ausbildung in Stams bin ich zurückhaltend, sensibel und ein Hosenscheißer - aber auf anderem Niveau. Ich habe hier gelernt, meine eigenen Grenzen zu verschieben.“

          Weitere Themen

          Dax-Konzernchefs verdienen weniger

          Studie : Dax-Konzernchefs verdienen weniger

          Die Gehälter der Chefs der 30 größten Konzerne in Deutschland sind im vergangenen Jahr um 2 Prozent gesunken. Das betrifft allerdings nur die gewährten und nicht die ausgezahlten Gehälter.

          Topmeldungen

          Will nicht weichen: Baschar al Assad am Mittwoch in Idlib

          Syrien-Konflikt : Wer Schutz verspricht, muss schützen

          Seit Jahren wird über sichere Zonen in Syrien diskutiert, doch nie waren die Umstände widriger. Nato-Mitglieder zweifeln an Deutschlands Motiven – derweil spielen russische und türkische Einsatzkräfte vor Ort ihre Macht aus.
          Rose McGowan spricht 2017 auf der Eröffnungsveranstaltung einer Frauenkonferenz.

          Rose McGowan : #MeToo-Vorkämpferin verklagt Harvey Weinstein

          Als sie über eine Vergewaltigung schreiben wollte, habe der Filmproduzent alles unternommen, sie mundtot zu machen. Dafür fordert die Schauspielerin nun eine Entschädigung. Weinstein reagiert wie gewohnt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.