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Selbständigkeit : Voller Unternehmungslust

Lebensmitteltechnik hat Catharina von Delden studiert. Mit ihrer Gründung innosabi will sie das Floprisiko neuer Produkte verringern Bild: Privat

Wer gleich nach dem Technikstudium den Sprung in die Selbständigkeit wagt, verzichtet meist auf gutes Geld. Aber nur so wird man schnell sein eigener Chef. Zwei Beispiele von der TU München.

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          Die Mountainbiketour soll Richtung Nebelhorn führen. Für drei Stunden reicht die Kondition locker, nach einer Stunde Fahrt soll es deutlich steiler werden, später wäre die Aussicht auf eine Hütte samt Brotzeit gut. Hat der Kunde diese Informationen und einige zusätzliche Fakten wie die Lage seines Hotels durchgegeben, dann unterbreitet ihm „Komoot“ Tourenvorschläge rund um die Wunschregion Oberstdorf. Klar, dass die gemütliche Runde durchs Stillachtal den Kunden unterfordert, er entscheidet sich für die sportlichere Tour durch das Trettachtal zur Traufbergalpe.

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          „Er lädt die Tour auf sein Mobiltelefon, und schon kann es losgehen“, redet sich Jungunternehmer Tobias Hallermann in Schwung. Er ist erst 25 Jahre alt und an der TU München noch für Maschinenbau und Management eingeschrieben, aber von der Geschäftsidee und dem Slogan „Erlebe deinen Weg!“ schon sichtlich begeistert. „Sein GPS-Mobiltelefon zeigt ihm den richtigen Weg und Einkehrmöglichkeiten an. Nach der Fahrt kann er seine Leistung auswerten und die Tour, mit Fotos versehen an Freunde versenden.“

          Er selbst sei zwar „eher der Wanderer“, sagt Hallermann. Aber die anderen fünf Gründer von „Komoot“ fahren begeistert Mountainbike. Drei der sechs Jungunternehmer haben ein Existenzgründerstipendium, zwei studieren noch, einer promoviert. Tobias Hallermann hat ein Urlaubssemester genommen, um die Produkteinführung begleiten zu können: Im Frühsommer soll das Angebot online gehen.

          Für den Start des Tourenplaners Komoot hat sich Maschinenbaustudent Tobias Hallermann ein Urlaubssemester genommen
          Für den Start des Tourenplaners Komoot hat sich Maschinenbaustudent Tobias Hallermann ein Urlaubssemester genommen : Bild: Privat

          Zwei Physiker, ein Softwareentwickler, ein Geoinformatiker und ein Soziologe

          Die Geschäftsidee klingt gut: individuelle Tourenvorschläge für anspruchsvolle Outdoorsportler, die ohne komplizierte Software auf ein GPS-Gerät oder Mobiltelefon übertragen werden. Die Touren werden auf einer Karte und in einem dreidimensionalen Höhenprofil dargestellt. So kann sich der Kunde ein Bild davon machen, was ihn erwartet, sieht Steigungen, Wegbeschaffenheit, Sehenswürdigkeiten.

          Zur GmbH gehören neben zwei Physikern ein Softwareentwickler, ein Geoinformatiker und ein Soziologe mit technischer Ausrichtung. („Der hat einen Informatikhintergrund und trägt viel zur Charakterisierung der Sportler bei“, sagt Hallermann.) Zurzeit suchen die Gründer Kooperationsmöglichkeiten im Tourismus oder Sport, es geht um die Anschlussfinanzierung. Ihr Referenzprojekt haben sie für das Kleinwalsertal entwickelt, einen Gründerwettbewerb und ein -stipendium haben sie damit schon gewonnen. „Wir bieten keine fest hinterlegten Touren an, sondern erarbeiten eine Datenbasis“, erklärt Tobias Hallermann. „Dort sind Wege hinterlegt wie bei der Autonavigation. Aber bei uns geht es nicht um den kürzesten, sondern um den schönsten Weg.“

          Das Rüstzeug für das Abenteuer Unternehmensgründung haben Hallermann und sein Bruder, ein promovierender Physiker, unter anderem im Programm „Management & More“ im Gründerzentrum der TU München erworben, das sich Unternehmer-TUM nennt. „Dort haben wir zum Beispiel einen Businessplan erstellt, davon profitieren wir jetzt sehr“, sagt Tobias Hallermann. Gerade haben die aus dem Allgäu stammenden Jungunternehmer ein Büro in Berlin bezogen, mitten im Kreuzberger Großstadtdschungel.

          Eine Mischung aus Innovation und Wasabi

          Ähnlich zentral liegt das Büro von Innosabi: im Angerblock, fünf Minuten vom Münchener Marienplatz entfernt und damit fast zu schick für ein Jungunternehmen. Aber die vier gut vernetzten Inhaber - allesamt Absolventen der TU in München - zahlen eine überschaubare Miete. Ihr Existenzgründerstipendium vom Bundesministerium für Wirtschaft läuft erst seit Februar, obgleich sie schon seit eindreiviertel Jahren selbständig arbeiten. „Wir wollten das so lange wie möglich herauszögern“, sagt der 26 Jahre alte Maschinenbauingenieur Jan Fischer.

          Der Unternehmensname ist eine Mischung aus Innovation und Wasabi, dem scharfen japanischen Meerrettich. Die Idee: Marktforschung und Produktentwicklung, Nutzer und Unternehmen miteinander zu verbinden, Konsumenten in Innovationsprozesse einzubinden. „So lässt sich das Floprisiko zukünftiger Produkte signifikant verringern“, verspricht Fischers Kollegin Catharina van Delden. Denn das, was sich Entwickler im stillen Kämmerlein aushecken, besteht den Markttest häufig nicht. Im Auftrag des Leuchtenhersteller Osram etwa hat Innosabi ausgelotet, wo Potential für neue Produkte besteht. 1889 Nutzer wurden dazu befragt, wie sie welche Technik nutzen.

          Innosabi verfolgt zwei Geschäftsmodelle: Das Unternehmen liefert - falls gewünscht - diskret und anonym Daten rund um Verbraucherwünsche. Außerdem arbeiten die Gründer - allen voran Eletrotechnikingenieur Hans Heid und Maschinenbauingenieur Moritz Sebastian Wurfbaum - an der Installation der Internetplattform „unserAller.de“. Auf ihr sollen Verbraucher Produktwünsche skizzieren und mitreden dürfen - ganz gleich, ob es sich um einen neuen Holunderjoghurt, einen aparten Schal oder eine energiesparende Fräse handelt. „Das geht deutlich über Marktforschung heraus“, sagt Wurfbaum. Online lasse sich der Kreis der Befragten deutlich erweitern.

          Höhere Töchter und Söhne findet man kaum

          „Open innovation heißt das Stichwort“, erklärt Lebensmitteltechnologin Catharina van Delden, die es sichtlich genießt, ihre eigene Chefin zu sein und Überstunden dafür gut gelaunt in Kauf nimmt. „Wir wollen gestalten, entscheiden können“, sagt die Fünfundzwanzigjährige. „Jetzt treffen wir uns mit Entwicklungsleitern. An solche Termine kämen wir als junge Angestellte kaum ran.“

          Höhere Töchter und Söhne, die von Beruf Erbe sind, findet man unter den Jungunternehmern mit Ingenieurabschluss kaum. Wohl aber Kinder, deren Eltern die Selbständigkeit einem vermeintlich abgesicherten Berufsleben als Angestellte vorgezogen haben. „Da geht es weniger um ein finanzielles Polster, aber es ist psychologisch einfacher. Die Scheu vor Selbständigkeit ist dann nicht so groß“, bestätigt Catharina van Delden. Ihr Kollege Jan Fischer nickt. „Ich möchte keine Routine beim Arbeiten haben. Und die haben wir hier auch nicht.“

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