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Fachkräfte in Deutschland : Stolpersteine für ausländische Studenten

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Haben es oft schwer beim Berufseinstieg: Ausländische Studenten Bild: dpa

Deutschland sucht ausländische Fachkräfte. Wer, wenn nicht internationale Absolventen deutscher Unis wäre geeignet? Doch ausgerechnet ihnen werden Stolpersteine in den Weg gelegt. Warum sie so lange nach dem ersten Job suchen müssen.

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          Zu viel Papierkram, zu wenig Bewerbungshilfen und Vorurteile bei den Arbeitgebern: Ausländische Studenten werden einer Studie zufolge trotz Fachkräftebedarfs in Deutschland noch nicht ausreichend beim Wechsel von der Uni in den Beruf unterstützt. Trotz großzügiger rechtlicher Bleibemöglichkeiten scheiterten viele internationale Absolventen am Übergang vom Studium in eine adäquate Beschäftigung, heißt es in einer am Dienstag in Berlin vorgestellten Studie des Forschungsbereichs beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR).

          Unter denjenigen Absolventen, die nach ihrem Abschluss in Deutschland bleiben, ist laut der Studie fast ein Drittel (30 Prozent) mindestens ein Jahr auf Arbeitssuche. 11,6 Prozent sind gänzlich arbeitslos, 9,4 Prozent haben keine Vollzeitstelle und weitere 9 Prozent sind trotz einer Vollzeitbeschäftigung auf Stellensuche. Diese sind womöglich unzufrieden mit ihrem Job oder nicht entsprechend ihrer Qualifikation beschäftigt. Die Forscher schreiben, dass der Anteil derer, die erfolglos einen Job in Deutschland suchten sogar noch größer sei, da viele erfolglose Bewerber unter den ausländischen Absolventen frustriert in ihr Heimatland zurückkehrten. Allerdings bleibt im Dunkeln, ob die Zahl der jobsuchenden ausländischen Absolventen nach einem Jahr in anderen Ländern womöglich ähnlich hoch ist: Eine Vergleichszahl mit den in der Studie ebenfalls beleuchteten Ländern Schweden, Niederlande und Kanada findet sich in den Daten nicht.

          Laut dem vergangene Woche von McKinsey und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft veröffentlichten Hochschul-Bildungs-Report sind es jedenfalls 54 Prozent der ausländischen Studierenden, die Deutschland nach ihrem Studium den Rücken kehren - trotz des guten Arbeitsmarktes hierzulande. Ausländische Studierende brechen außerdem deutlich häufiger ihr Studium ab als ihre deutschen Kommilitonen (41 Prozent versus 28 Prozent).

          Dabei ist Deutschland unter ausländischen Studenten sehr beliebt. Im Jahr 2013 schrieben sich erstmals mehr als 100.000 ausländische Studienanfänger ein; schon seit 2009 sind es konstant mehr als 70.000. Viele verschlägt es im Rahmen eines Auslandsjahres oder -semesters hierhin; die meisten von ihnen kehren schon vor dem Examen in ihre Heimat zurück und schließen dort ihr Studium ab. Einige aber absolvieren ihr komplettes Studium in Deutschland. Vornehmlich sie lassen sich zuweilen ganz in Deutschland nieder, hat Wido Geis vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) ermittelt.

          Zwischen 2015 und 2020 werden laut der aktuellen Untersuchung des SVR-Forschungsbereichs voraussichtlich knapp 240.000 internationale Studenten einen deutschen Abschluss erwerben. Diejenigen von ihnen, die zumindest eine gewisse Zeit lang in Deutschland bleiben und arbeiten möchten, würden zunehmend als „Idealzuwanderer“ für den deutschen Arbeitsmarkt umworben. Denn sie seien nach dem Abschluss hoch qualifiziert, verfügten über zum Teil gute Sprachkenntnisse und hätten bereits Erfahrungen mit dem Leben in Deutschland gesammelt.

          Das sehen auch noch weitere Forscher so, die sich auf das Thema spezialisiert haben. Wido Geis vom IW etwa ist schon im Jahr 2013 zu dem Ergebnis gekommen, dass über keinen anderen Weg die Integration ausländischer Fachkräfte in den deutschen Arbeitsmarkt so gut klappt, wie über die Uni.

          Fehlende Netzwerke und Hilfestellungen

          Der aktuellen Studie zufolge jedoch längst nicht so gut wie in anderen Ländern: Gründe für das Scheitern beim Übergang in den Beruf seien nicht nur unzureichende Deutschkenntnisse, sondern auch fehlende Netzwerke und Erfahrungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. „Viele benötigen intensive Hilfestellung beim Jobeinstieg“, heißt es in der Studie.

          Die Studenten fänden an ihrem Hochschulstandort nur „lückenhafte Unterstützungsangebote“ vor, die häufig zu spät ansetzten, kritisierten die Studienautoren. Die Arbeitgeber zeigten sich zudem zurückhaltend und die Ausländerbehörden entschieden nicht einheitlich. Für die Studie wurden die Angebote und Strukturen für den Berufseinstieg internationaler Studenten in Deutschland, Kanada, den Niederlanden und Schweden verglichen.

          Der holperige Start in Deutschland behindert aber offenbar immerhin nicht dauerhaft den Karriereweg ausländischer Absolventen in Deutschland: Mittel- bis langfristige Erhebungen zeigten, „dass internationale Absolventen in Deutschland beruflich ähnlich erfolgreich sind wie ihre deutschen Kommilitonen“, heißt es in der Studie des SVR-Forschungsbereichs.

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