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Schlüsselqualifikationen : Weiche Werte, harte Fakten

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. / Tresckow

Soft Skills werden immer wichtiger für den Berufserfolg - heißt es. Doch eine Analyse bayerischer Studenten zeigt: Wirklich entscheidend sind sie keineswegs.

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          Uni Frankfurt, Zentrum für Weiterbildung, Raum 239: Zehn Studenten haben sich zu einem zweitägigen Workshop mit dem Titel „Rhetorik“ eingefunden. Acht Frauen, zwei Männer, sie studieren Chemie, Pädagogik, Geographie, Sport, BWL oder Politik. Es geht um das Erlernen von Schlüsselqualifikationen, neudeutsch: Soft Skills. Sozial-, Fach- und Methodenkompetenz zählen die Fachleute dazu, und angeblich sind sie für den beruflichen Erfolg unverzichtbar.

          Eigentlich eignet sich der Mensch solche Qualifikationen - kein reines Wissen, sondern komplexe Verhaltensmuster - in unterschiedlichem Ausmaß schon in Kindheit und Jugend an. Ist ein Kurs im zweiten, vierten oder sechsten Semester da überhaupt noch sinnvoll? Und hilft er beim Berufseinstieg? Die Teilnehmer des Frankfurter Workshops stellen sich diese Frage nicht. Helmut-Gerhard Müller, der Dozent, beginnt mit fröhlicher Stimme. „Wir krempeln die Ärmel hoch“, sagt er und lässt die Studenten zur Vorstellungsrunde einzeln nach vorne kommen.

          „Die Studenten überrennen uns“

          Rückmeldungen der anderen Studenten zum Stil des Vortragenden sind erwünscht. Manchen merkt man schon eine gewisse Erfahrung darin an, sie sind Fortgeschrittene in Sachen Schlüsselqualifikationen - vor dem Rhetorikkurs haben sie schon den Workshop „Kommunikation klipp und klar“ absolviert. Während der Vorstellungsrunde sagt Müller Sätze wie: „Umsichtige Selbstkritik finde ich toll!“ In der ersten Pause lobt Arno Begitt, Chemie-Student und 30 Jahre alt, in der Veranstaltung lerne man wichtige Kniffe für künftige Präsentationen. Das hat sich offenbar herumgesprochen. Hans-Henning Kappel, der Leiter des Zentrums für Weiterbildung der Frankfurter Universität, sagt jedenfalls: „Die Studenten überrennen uns.“

          Das mag auch daran liegen, dass die Bedeutung von Schlüsselqualifikationen für den beruflichen Erfolg seit Jahren in aller Munde ist. „Je offener, individualisierter und unstrukturierter die gesellschaftlichen Lebensbereiche sich entfalten, umso weniger sind allgemein verbindliche und akzeptierte Verhaltenskodizes anzutreffen“, beschreibt Wilhelm Klüsche, emeritierter Professor für Psychologie an der Hochschule Niederrhein, den Zusammenhang von Soft Skills und Globalisierung. Die persönliche Kompetenz der Beteiligten entscheide stärker als früher über eine geglückte Interaktion. Klüsche glaubt, man könne sein ganzes Leben lang an den entscheidenden Fähigkeiten feilen. „Es braucht jedoch Offenheit und Lernbereitschaft, da bisherige Gewohnheiten und als selbstverständlich empfundene Eigenarten hinterfragt werden müssen.“

          Verbesserte „Employability“

          Darum bemüht sich inzwischen fast jede Hochschule in Deutschland mit einschlägigen Seminaren und Weiterbildungsmöglichkeiten. Schließlich schreibt die europäische Hochschulreform vor, in den neuen Bachelor- und Master-Studiengängen vermehrt auf die später für den Beruf nötigen Fähigkeiten einzugehen. Die „Employability“, die Beschäftigungsfähigkeit der Absolventen, soll so verbessert werden.

          An der Ludwig-Maximilians-Universität in München etwa ist eine Veranstaltung zum Thema Schlüsselqualifikationen für alle Studenten des Bachelor-Studiengangs Betriebswirtschaftslehre verpflichtend. „Unsere Fakultät legt großen Wert darauf, unseren Studierenden beste Chancen für den Berufseinstieg zu schaffen“, begründet Manfred Schwaiger, der Studiendekan, diese Maßnahme. In den Hauptseminaren könne man inzwischen gut beobachten, dass sich Teamfähigkeit und Präsentationstechniken der Studenten seither deutlich verbessert hätten. „Wir scheinen also auf dem richtigen Weg zu sein“, sagt Schwaiger.

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