https://www.faz.net/-gyl-128zw

RWTH : Per Mausklick durch Aachen spazieren

Hochschule mit guten Verbindungen in die Wirtschaft: Die RWTH Aachen ist ein Studentenmagnet Bild: ddp

An der RWTH Aachen verschwimmen die Grenzen zwischen den Disziplinen. In fast jedem Ingenieurfach spielt Informatik eine wichtige Rolle. Die Verbindungen der Hochschule in die Wirtschaft sind gut.

          4 Min.

          Ein Spaziergang durch Aachen lässt sich auch virtuell unternehmen - dank eines tragbaren Mini-Computers und der Arbeit von Arne Schmitz. Ein Jahr lang hat der 30 Jahre alte Diplom-Informatiker der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) dafür mit seinen Kollegen am Rechner gesessen. Seine Forschungsgruppe entwickelt für Aachen eine drahtlose Internet-Community, die etwa Touristen mit Informationen zu Sehenswürdigkeiten versorgen soll. Schmitz hat dafür die Stadt am Computer rekonstruiert: Sein Softwareprogramm lässt aus Grundrissdaten des Katasteramts Straßen und Häuser am Bildschirm entstehen. Mit 3D-Brille kann man sogar am dreidimensionalen Dom vorbeilaufen.

          Christine Scharrenbroch
          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          „Auf den ersten Blick hat das nicht viel mit Mobilfunk zu tun“, sagt Schmitz über die Computergrafik, sein Spezialgebiet. Aber sie komme dort als Instrument immer stärker zum Einsatz - genauso wie im Maschinenbau und der Medizin. Die Verknüpfung der verschiedenen Disziplinen wird auch an dem Forschungscluster UMIC (Ultra High-Speed Mobile Information and Communication) deutlich, in das Schmitz eingebunden ist und das im Rahmen der Exzellenzinitiative gefördert wird. An der nächsten Generation des Mobilfunks arbeiten insgesamt 21 Lehrstühle, neben den Informatikern auch Elektrotechniker, Maschinenbauer und Architekten.

          Die Grenzen zwischen den Disziplinen verschwimmen

          In der IT hat sich die RWTH Aachen, die im Exzellenzwettbewerb den begehrten Titel einer Elite-Uni ergattert hat, einen hervorragenden Ruf erarbeitet - wie zuvor schon beim Maschinenbau und der Elektrotechnik. Seit Jahren rangiert das Aachener Informatik-Studium in den Hochschul-Ranglisten auf den führenden Plätzen. Die Informatik hat in Aachen eine rasante Entwicklung genommen. Gab es Anfang der neunziger Jahre nur sechs Informatik-Lehrstühle, sind es heute zwölf. Von den rund 30.000 Studenten sind 2100 Studenten für Informatik eingeschrieben (davon 13 Prozent Frauen); in der Elektrotechnik und Informationstechnik sind es 2800.

          Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen den Disziplinen zunehmend. „Es gibt kein Ingenieurfach mehr, das nicht mit der Informatik zusammenarbeitet“, sagt Maschinenbau-Professor Wolfgang Marquardt. Auch die Industrie suche für ihre Entwicklungsabteilungen zunehmend interdisziplinär ausgebildete Ingenieure. Um der steigenden Nachfrage nach solchen Kandidaten Rechnung zu tragen, hat Marquardt 2002 den Studiengang Computational Engineering Science (CES) mit ins Leben gerufen, der Ingenieurwissenschaften, Mathematik und Informatik verbindet. Von den ersten sechs Absolventen sind fünf in die Forschung gegangen, einer als Trainee in die Automatisierungstechnik von Siemens.

          Eine ganz neue Denkweise

          Die CES-Absolventen sollen anhand von Computersimulationen die Entwicklungsarbeit an Produkten verbessern. So wird heutzutage in der Automobilindustrie das Crashverhalten von Karosserien auf dem Rechner simuliert. In der Verfahrenstechnik werden Produktionsanlagen in Bezug auf Schadstoffausstoß und Energieverbrauch virtuell optimiert. Grundlage solcher Simulationen sind mathematische Algorithmen. „Die Mathematik ist für die meisten der härteste Teil“, sagt CES-Studentin Annika Kölling, eine von zwei Frauen in ihrem Semester. Man müsse sich auf eine ganz neue Denkweise einlassen. „Auch Angst vor dem Programmieren darf man nicht mitbringen“, stellt die 25-Jährige fest. Rund die Hälfte der CES-Studenten geben schon im ersten Semester wieder auf, wie Marquardt berichtet. Viele fühlten sich von den drei Fächern überfordert. Kölling hat „nebenbei“ auch noch einige Semester Medizin studiert. Gerade verfeinert sie in einem Projekt das PC-Modell des Herz-Kreislauf-Systems. Allein die Einwirkungen der Niere umfassten 70 mathematische Gleichungen, erzählt Kölling. „Die Abläufe im Körper sind so komplex, das kann man ohne Computer gar nicht abbilden.“ Später will sie in der Medizintechnik eine Stelle finden.

          Auf Anhieb seinen Wunschjob bekommen hat der 29 Jahre alte Lutz Böhnstedt. Nach seinem Informatik-Examen an der RWTH vor zwei Jahren verschickte er genau zwei Bewerbungen, eine davon an Capgemini. Die IT-Beratungsgesellschaft stellte den gebürtigen Aachener sofort ein. Heute arbeitet Böhnstedt an einem Projekt bei T-Mobile mit. Er lobt die Ausbildung an der RWTH: „Das Studium war gut strukturiert, und die Dozenten haben den Stoff gut vermittelt.“

          Partnerschaften mit der Industrie

          Interessant für so manchen Abiturienten dürften die traditionell engen Verbindungen der Hochschule zur Wirtschaft sein. Viele Institute pflegen Partnerschaften mit der Industrie. Jüngstes Beispiel ist Bayer: Vor einem Jahr eröffnete der Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern ein Katalyse-Zentrum in den Räumen des Chemischen Instituts auf dem Campus. Auch Ford, Philips und Microsoft haben Forschungseinrichtungen in der Aachener Region angesiedelt. Die Studenten profitieren als wissenschaftliche Hilfskräfte oder Doktoranden von den Projekten aus der Wirtschaft.

          Zudem gibt es zahlreiche Kooperationen mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen: Mit dem Forschungszentrum Jülich hat die RWTH die Allianz „Jara“ ins Leben gerufen, um in der Informationstechnologie zusammenzuarbeiten. Gezielt gefördert werden seit langem auch Ausgründungen aus dem Hochschulbetrieb. Seit 1982 sind laut RWTH aus der Universität heraus 1250 Unternehmen entstanden. Eines von ihnen ist die in den achtziger Jahren gegründete Aixtron AG, die Anlagen zur Herstellung von Elektrochips und Leuchtdioden produziert und damit heute mehr als 200 Millionen Euro umsetzt. Die enge Verzahnung zeigt auch die Drittmittel-Bilanz: 2008 haben die Aachener in der Industrie und öffentlichen Förderprojekten 195 Millionen Euro eingeworben - das beste Ergebnis unter deutschen Hochschulen. Vom Land kamen Haushaltsmittel von rund 386 Millionen Euro.

          Mit dem geplanten Wissenschaftscampus will die RWTH die Zusammenarbeit mit der Industrie bald „auf eine neue Ebene heben“, wie Sprecherin Sabine Busse sagt. Auf dem Campus Melaten und am Aachener Westbahnhof sollen auf einer Fläche von 2,5 Quadratkilometern 15 Forschungs-Cluster für mehr als 10 000 Mitarbeiter entstehen. Bis zu 200 Unternehmen können sich dort ansiedeln. Nicht nur die Forschung soll gemeinsam betrieben werden, die Firmen können sich auch an Lehre und Weiterbildung beteiligen. „Der Campus soll vor allem kleineren Herstellern Chancen bieten“, sagt Busse. Kostenpunkt des Projekts: bis zu 2 Milliarden Euro.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.