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Geringer Frauenanteil : Der Rückzug der Ingenieurinnen

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Ein Techniker und zwei Ingenieure arbeiten in einem MTU-Prüfstand an einem mobilen MTU-Gasmotor von Rolls-Royce. Bild: dpa

Frauen sind in den Ingenieurswissenschaften nach wie vor deutlich in der Minderheit. Trotzdem machen immer mehr Frauenstudiengänge dicht. Woran liegt das?

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          Es gibt ein Problem in den Ingenieurswissenschaften: Es sind immer noch zu wenig Frauen in diesem Bereich vertreten. Die Tendenz ist zwar steigend, aber diese Entwicklung geht nur langsam voran. Oder – um es mit den Worten der bereits verstorbenen Professorin für Genderforschung in den Ingenieurswissenschaften, Susanne Ihsen, zu sagen, die an der Technischen Universität München lehrte und bei ihrer Berufung die erste Professorin in Deutschland auf diesem Gebiet war: „Eine Schnecke ist schneller.“

          Eine Ernüchterung in vier Worten. Von den insgesamt 170 .400 Studienanfängern in den Ingenieurswissenschaften machten Frauen im Jahr 2015 gerade einmal 25 Prozent aus. Kommt hinzu, dass die Abbruchquote bei den Ingenieuren hoch ist, egal ob Mann oder Frau: Rund jedes dritte Ingenieursstudium wird nicht beendet. Eine Möglichkeit, Frauen auf diesem schon immer schwierigen Feld zu fördern, sind die sogenannten Frauenstudiengänge. Die Idee dahinter:

          Der Einstieg soll Frauen, die unter den Männern immer noch deutlich in der Minderheit sind, leichter gemacht werden – denn einige von ihnen trauen sich nicht zu, in einer Männerdomäne zu studieren oder sich dort zu behaupten. Der Name selbst täuscht allerdings, denn bei vielen Angeboten studieren Frauen nur die ersten Semester unter sich, danach geht es in die gemischten Studiengänge. Ein leichteres Studium ist das so oder so nicht: Die Inhalte sind dieselben wie in den gemischten Studiengängen.

          Ist das Angebot altmodisch?

          Im Bereich Ingenieurswissenschaften gibt es in Deutschland gerade mal vier Frauenstudiengänge – und zwar an den Hochschulen in Wilhelmshaven, Stralsund, Mülheim und Jena. Bloß: Gerade steht es um zumindest zwei von ihnen nicht besonders gut. Schaut man sich die Internetseite der Jade Hochschule in Wilhelmshaven genauer an, fällt auf: Studienanfängerinnen können sich hier nicht mehr im Frauenstudienangebot einschreiben. Grund sind die sinkenden Bewerberzahlen.

          Im September 2018 hatten sich in Wilhelmshaven gerade einmal sieben Frauen für den Frauenstudiengang an der Jade Hochschule beworben. Laut Ulrike Schleier, Beauftragte für den Frauenstudiengang, denkt die Hochschule nun über eine Umstrukturierung nach – und auch über eine Einstellung des Angebots. In Stralsund – Schwerpunkte Elektrotechnik, Informatik, Maschinenbau und Wirtschaft – sieht es nicht besser aus: Die Bewerberzahlen bewegen sich seit drei Jahren im einstelligen Bereich, im Wintersemester 2018/2019 haben sich gerade einmal sechs Studentinnen in den Frauenstudiengang Wirtschaftsingenieurwesen eingeschrieben.

          Hier spricht man offen darüber, den Studiengang abschaffen zu wollen. Denn Frauen würden sich nun verstärkt zutrauen, auch im gemischten Studiengang zu studieren. „Wir befinden uns in einem gesellschaftlichen Wandel, der die Frauenstudiengänge überflüssig macht. Die Welt hat sich verändert, und Frauen trauen sich jetzt mehr zu“, sagt Eva-Maria Mertens, die Gleichstellungsbeauftragte an der Hochschule Stralsund mit ihren rund 2300 Studenten. Sie hat sogar den Eindruck: „Viele nehmen das Angebot als altmodisch wahr.“

          Minderheitensituation im Maschinenbau

          Die anderen beiden Hochschulen, die exklusive Ingenieurstudiengänge für Frauen anbieten, sind allerdings von dem Konzept noch überzeugt: So eröffnete die Hochschule Ruhr West in Mülheim erst im vergangenen Jahr einen Frauenstudiengang für Maschinenbau. Nadine Hortscht studiert dort im dritten Semester. Für sie ist das Angebot vor allem eins: fortschrittlich. „Hier kann man total klischeebefreit studieren und Frauen, die vielleicht ein nicht ganz so großes Selbstbewusstsein haben, trauen sich hier mehr zu“, sagt sie.

          Auch ihre Studiengangsleiterin Alexandra Dorschu betont, dass sie den Frauenstudiengang nach wie vor wichtig findet. „Der Frauenanteil im Maschinenbau stagniert, und Frauen sind dort in einer Minderheitensituation“, sagt sie. Im vergangenen Jahr haben sich an der staatlichen Fachhochschule in Mülheim 16 Frauen im Studiengang eingeschrieben, Platz wäre immerhin für sechzig. Es ist also noch Luft nach oben. Trotzdem – Alexandra Dorschu gibt sich zuversichtlich. Die Zielgruppe sei per Definition klein, und ob sich das Angebot lohne, werde sich in den nächsten Jahren zeigen.

          68 Männer – aber nur zwei Frauen

          Ebenfalls von dem Angebot überzeugt ist Oliver Jack von der Ernst-Abbe-Hochschule Jena, wo Frauen im Studiengang Elektrotechnik/Informationstechnik im Frauenstudienangebot studieren können. Auch hier ist die Zahl der Bewerberinnen klein. Aufgeben möchte der Professor mit den Schwerpunkten Echtzeitbetriebssysteme und Softwaretechnologie das Angebot aber deswegen nicht. „Ich lass da erst mal nicht locker“, sagt er. Das hat vor allem einen Grund: Im vergangenen Wintersemester haben sich 68 Männer und gerade mal zwei Frauen für den Studiengang Elektrotechnik eingeschrieben. Diese zwei studieren jetzt im Frauenstudiengang.

          Gründe für die sinkenden Bewerberzahlen gibt es viele. Der Standort der Hochschulen spielt dabei sicher auch eine Rolle: Viele Frauen würden lieber in großen Städten wie Hamburg oder Berlin studieren, erzählt Ulrike Schleier. Eine weitere Ursache für die sinkenden Bewerberinnenzahlen bei den Frauenstudiengängen könne auch beim Marketing liegen: Frauenstudiengänge sind in Deutschland – anders als zum Beispiel in den Vereinigten Staaten – nicht besonders verbreitet und müssen deshalb besonders beworben werden.

          Frauenstudium hat nichts mit Schutzraum

          Ein anderer wichtiger Grund, warum Frauenstudiengänge in der Bredouille sind, ist ihr Ruf. Denn der ist nicht besonders gut, und zwar über das Image „altmodisch“ hinaus. „Wenn Frauen im Frauenstudiengang studieren, dann kommt schnell der Vorwurf auf, dass man es anders nicht geschafft hätte“, sagt Eva-Maria Mertens, die Gleichstellungsbeauftragte aus Stralsund.

          Außerdem haben viele Kandidatinnen die Sorge, dass potentielle Arbeitgeber von Absolventinnen eines Frauenstudiengangs geradezu abgeschreckt sind. Diese Skepsis sieht Alexandra Dorschu von der Hochschule Ruhr West allerdings als unbegründet an. Trotzdem: Einige Hochschulen reagieren auf diese Befürchtung, indem sie entweder ganz auf den Vermerk „Hat im Frauenstudiengang studiert“ im Zeugnis verzichten oder die Studentinnen selbst wählen lassen, ob er auf dem Zeugnis stehen soll.

          Allerdings trägt das nicht unbedingt dazu bei, mehr Bewusstsein für das Thema Frauenstudiengänge zu schaffen. Nadine Hortscht jedenfalls würde nicht auf den Zusatz „Frauenstudiengang“ verzichten: „Ich bin der Meinung, dass das kein Nachteil ist“, sagt sie. „Das Frauenstudium hat auch nichts mit einem Schutzraum zu tun, sondern eher damit, dass der Maschinenbau eine konservative Branche ist. Und da kann eine Förderung für Frauen nicht schaden.“

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