https://www.faz.net/-gyl-92yk5

Roboter als Dozent : Ist das der Professor von morgen?

  • -Aktualisiert am

Manche Studenten sehen das anders. Klara Boltz studiert Englisch und Ethik auf Lehramt und war völlig überrascht vom Auftritt Peppers. Sie hält es durchaus für möglich, dass Roboter sie eines Tages als Lehrerin ihren Job kosten könnten. „Ich finde, das ist schon eine Gefahr“, sagt sie. Und ist damit nicht allein. Handke hat im Vorfeld seine Studenten per Fragebogen interviewt: Etwa die Hälfte gab an, Angst davor zu haben, eines Tages von Robotern ersetzt zu werden. Handke selbst glaubt das nicht. „Während unserer Lebenszeit wird kein einziger Lehrer oder Professor von einem Roboter verdrängt“ , sagt er. Den künstlichen Kollegen Assistenzaufgaben zu geben sei etwas anderes: „Das Betreuungsverhältnis zwischen Dozenten und Studenten ist so schlecht, da ist jede Hilfe willkommen.“

Der Marburger Roboter ist auch Teil eines Forschungsprojekts, in das das Bundesbildungsministerium 137.000 Euro steckt. Bis Mai 2018 soll Handke mit seinem Team untersuchen, wie die Studenten Pepper akzeptieren und wie sie emotional auf ihn reagieren. Die zuständige Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen ist überzeugt: „Der Einsatz digitaler Technologien kann dabei helfen, die Hochschullehre zu verbessern.“

In München hilft „Roboy“

Einfach nur Pepper vor den Studenten auftreten zu lassen, reicht aber nach ihrem Geschmack nicht. „Die Anwendung digitaler Formate führt nicht automatisch zu einer besseren Lehre – von entscheidender Bedeutung sind die didaktischen Konzepte, die hinter der Nutzung digitaler Technologien stehen.“ Dass ausgerechnet er als Sprachwissenschaftler mit Robotern im Hörsaal experimentiert, ist für Handke naheliegend: „Wir Linguisten haben einen entscheidenden Vorteil“, sagt er. „Wir beschäftigen uns damit, wie Dialoge funktionieren, und können dem Roboter deshalb Sprache und Kommunikation besonders gut beibringen.“

Erste Experimente zum Einsatz künstlicher Intelligenz in Universitäten gibt es aber auch anderswo. Fast 500 Kilometer von Marburg entfernt tritt etwa der Informatikprofessor Alois Knoll von der TU München bisweilen gemeinsam mit „Roboy“ auf. Auch Roboy ist ein humanoider Roboter, er kann Sprache verstehen und wiedergeben, und – das ist in der Informatik einer seiner Vorteile – sein Körper ist „offen“. Seine gesamte Mechanik ist demnach sichtbar. „Roboy kann den Studenten selbst erklären, wie er aufgebaut ist.“

Systemabsturz nach Reizüberflutung

„In der Robotik ist so etwas natürlich viel eingängiger, als das theoretisch in einer Präsentation zu zeigen“, sagt Knoll. Allerdings sei das kein Modell für alle. Wenn sich aber ein humanoider Roboter überhaupt für den Hörsaal eigne, dann sei es Pepper, findet Knoll. „Er ist eine Interaktionsmaschine, ein Produkt, das noch auf der Suche nach einer sinnvollen Anwendung ist.“ Zwar glaubt er, dass Pepper nur eine Lösung im „Durchgangsstadium“ ist und noch viele Verbesserungen erleben wird, aber: „Im Seminarraum Quizfragen stellen, Hausbesuche bei Studenten machen und sogar Nachhilfe geben – das kann Pepper im Prinzip heute schon.“ Es sei vorstellbar, dass in zehn Jahren fast jeder Student einen humanoiden Roboter bei sich zu Hause stehen hat. „Schließlich konnten wir uns vor zwanzig Jahren auch noch nicht vorstellen, dass wir heute alle ein Smartphone besitzen.“

Jürgen Handke zieht nach seiner ersten praktischen Erfahrung mit Pepper im Hörsaal ein gemischtes Fazit. „Der Aufwand ist schon riesig“, sagt er. „Nicht alles hat heute reibungslos funktioniert.“ Zum Beispiel sollte der Roboter eigentlich selbständig in den Raum rollen, am Ende musste er aber geschoben werden. Damit, wie Peppers Quiz-App funktioniert hat, ist Handke dagegen zufrieden. Positiv überrascht war der Professor auch von begeisterten Facebook-Posts, die Studenten kurz nach der Vorlesung veröffentlichten.

Nach der Veranstaltung wird Pepper mit einer Sackkarre aus dem Hörsaal abtransportiert und in Handkes Flur abgeladen. Dort soll er weiter üben, sein Gegenüber zu erkennen und dessen Alter zu schätzen. Aber gerade geht erst mal gar nichts mehr. Pepper lässt den Kopf hängen – Systemabsturz. Handkes Mitarbeiter Peter Franke diagnostiziert prompt „Reizüberflutung“. Nicht nur für die Studenten war der Auftritt im Hörsaal an diesem Tag eine ganz neue Erfahrung.

Weitere Themen

Topmeldungen

Mitglieder des rheinland-pfälzischen Hotel- und Gaststättenverbandes demonstrieren auf dem Hauptmarkt in Trier für die Öffnung der Betriebe des Gastgewerbes.

Hoffnung auf Lockerungen : Mehr Teststrategie, weniger Blindflug

Gastronomie und Handel hoffen verzweifelt auf Lockerungen. Doch Kanzlerin Merkel bremst die Erwartungen an Selbsttests, während CSU-Chef Söder vor „Öffnungshektik“ warnt. Kommunen und Apotheken fordern ein detailliertes Schnelltestkonzept.
Maybrit Illner hat in ihrer Sendung am 25.02.2021 mit ihren Gästen über die Frage „Lockern, aber sicher - geht das?“ diskutiert.

TV-Kritk: „Maybrit Illner“ : „Wir können einfach nicht mehr“

Auch wenn Deutschland gerade vor der dritten Corona-Welle steht, reden alle über Wege aus dem Lockdown. Ob „sichere“ Lockerungen möglich sind, wollte Maybrit Illner mit Ihren Gästen diskutieren. Dabei wurde eine andere Frage zum unvorhergesehen Hauptthema.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.