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Richtig lernen : Ohne Trichter durch die Prüfung

Bild: F.A.Z. / Tresckow

Sommerzeit, Prüfungszeit - vor den Ferien müssen viele Studenten noch einmal richtig ran. Es gibt viele Strategien, aber kein Patentrezept für den Lernerfolg. Für Panik ist das noch lange kein Grund.

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          Nur noch 24 Stunden sind es bis zur mündlichen Abschlussprüfung, und im Idealfall ließe sich Stephanie Michels Gemütszustand jetzt als eine angenehme Mischung aus Konzentration und Entspannung beschreiben. Sie hätte schon während ihrer ersten Semester an der Frankfurter Universität ihr individuelles Lerntempo, ihre Lesegeschwindigkeit und ihre Aufmerksamkeitsspannen ermittelt. Etwa ein halbes Jahr vor dem Prüfungstermin in Religionswissenschaften hätte sie sich dann einen Lernplan erstellt, nach dem sie Woche für Woche den prüfungsrelevanten Stoff erarbeitet und die Kernpunkte auf Karteikarten zusammengefasst hätte. Zwischendurch hätte sie mit den Kommilitonen aus ihrer Lerngruppe die Prüfungssituation simuliert.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Den letzten Tag vor der letzten Prüfung hätte sie dann zu einem langen Spaziergang genutzt, hätte noch einen Blick auf ihre inzwischen mit vielen Unterstreichungen und Querverweisen versehenen Karteikarten geworfen und selbstbewusst die unbedarften und deshalb unerwartbaren Fragen einer fachfremden Freundin pariert, um danach ruhigen Gewissens ins Bett gehen zu können. Doch der Idealfall hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun: Stephanie Michel hat sich so sehr auf ihre beiden ersten Prüfungsthemen fixiert, dass sie mit dem Lernen für das dritte am Morgen vor Tag X noch nicht angefangen hat. Ihre Karteikarten sind leer.

          Dass ihr der Professor am Ende der Prüfung zu einer glatten Eins gratulieren würde, schien zu diesem Zeitpunkt vor inzwischen fast acht Monaten wenig wahrscheinlich. Michel, die nun 31 Jahre alt ist und eine Promotion ansteuert, räumt ein, dass auch Glück dabei war. Vor allem aber habe sie unter Druck die richtigen Entscheidungen getroffen: Statt sich in Sekundärliteratur zum biblischen Buch Ruth zu verzetteln, das sie sich als Prüfungsthema ausgesucht hatte, konzentrierte sie sich auf den Text selbst. Vier Kapitel im Alten Testament, das ließ sich an einem Tag schaffen. Dazu knappe Lexikoneinträge, eine Handvoll prägnanter Interpretationen und ein Schuss Mut zur Lücke, dann war es Abend.

          Der Traum vom Wundermittel ist oft nur ein Traum

          Für den Gang in die Buchhandlung mit ihrer kaum zu überschauenden Fülle von Ratgeberliteratur für Prüfungs- und Examenskandidaten blieb keine Zeit mehr, und vielleicht war auch das ein glücklicher Umstand. Elsbeth Stern jedenfalls, die an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich Professorin für Lern- und Lehrforschung ist, steht dem Genre skeptisch gegenüber. „Die Vorstellung, dass es heimliche Methoden gibt, die den Lernerfolg garantieren, erfreut sich erstaunlich großer Beliebtheit“, stellt sie fest. „Aber dahinter steckt meist nicht sehr viel.“ Von Wundermitteln zur Steigerung der Hirn- und Gedächtnisleistung träumt die Menschheit schon seit Jahrhunderten. Sechs Stunden nur, so versprach es der aus Nürnberg stammende Dichter Georg Philipp Harsdörffer vor 350 Jahren, brauchten die Leser seiner „Dicht- und Reimkunst“, um das Handwerkszeug des Schriftstellers zu lernen. Nicht einmal Lateinkenntnisse seien dafür nötig.

          Doch während der Nürnberger Trichter schnell als Scherzartikel entlarvt war, stellt sich die aktuelle Diskussion um die Relevanz neurowissenschaftlicher Erkenntnisse für das Lernen deutlich komplizierter dar. Der gängige Vergleich des Gehirns mit dem Computer - über 100 Terabyte Speicherplatz verfügt die Rechenmaschine in unserem Kopf den einschlägigen Schätzungen zufolge, rund eine Billiarde Rechenoperationen kann sie theoretisch in der Sekunde bewältigen - legt zwar den Gedanken an die Möglichkeit eines Tunings, einer Optimierung nahe. Doch ob Gehirnjogging, Knobelaufgaben, Übungen zur besseren Verbindung von rechter und linker Hirnhälfte oder spielerische Lernstrategien tatsächlich zum Erfolg führen, ist umstritten. „Viele der angebotenen Empfehlungen gehören ins Reich der Neuromythen“, wettert zum Beispiel Nicole Becker, die Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Tübingen lehrt.

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