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Reste in Uni-Mensen : Jäger des verschmähten Schnitzels

  • -Aktualisiert am

Ekelige Reste, die in den Müll gehören? Oder könnten sie vielleicht besser verwertet werden? Bild: Lukas Kreibig

Die Verschwendung von Lebensmitteln ist auch an den Unis ein großes Thema. In den Mensen landen Tonnen davon ohne Not im Müll – aber Ideen wider die Wegwerf-Mentalität sprießen.

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          In diesem Sommer haben knubbelige Kartoffeln, krumme Gurken und dreibeinige Möhren manchmal ihren großen Auftritt in der „Kulturetage“. Im Hof des Oldenburger Veranstaltungszentrums finden sich dann Interessierte aller Altersgruppen zusammen, um gemeinsam Gemüse zu schnippeln, das es wegen ästhetischer Mängel nicht in den Lebensmittelhandel geschafft hat. Ein DJ und zwei Livebands sorgen für musikalische Untermalung, ein Koch rührt das von den Freiwilligen gehackte Gemüse fachgerecht zu einem schmackhaften Menü zusammen. Anschließend wird in großer Runde gegessen – Reste nehmen die Teilnehmer mit nach Hause.

          Hauptorganisatoren dieser sogenannten „Schnippeldisko“ sind 15 Studenten der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg. Sie stellen den großen Gemüseworkshop in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal auf die Beine, unterstützt vom studentischen Netzwerk für Wirtschafts- und Unternehmensethik Sneep sowie dem Netzwerk Slow Food Youth. „Die Schnippeldisko ist eine kulinarische Protestaktion gegen Lebensmittelverschwendung“, sagt Lynn Kaiser, Studentin der Umweltwissenschaften und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit im Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta) der Carl-von-Ossietzky-Universität. Die Studenten wollen mit solchen Events ein Zeichen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln setzen und den Teilnehmern der Veranstaltung vor Augen führen, dass Gemüse nur wegen ein paar Schönheitsfehlern nicht in die Tonne gehört, sondern durchaus noch genießbar ist. Im vergangenen Jahr verbrauchten die Teilnehmer der Schnippeldisko knapp 400 Kilogramm Lebensmittel, die normalerweise weggeworfen worden wären.

          Lebensmittelverschwendung wird an deutschen Universitäten immer mehr zum Thema. In deutschen Hochschulmensen wanderten im Jahr 2009 rund 41.000 Tonnen Essensreste in den Müll, fanden Forscher der Universitäten Stuttgart und Wien in einer Studie heraus. In einer weiteren Studie nahmen die Stuttgarter im Auftrag des bayerischen Kompetenzzentrums für Ernährung im vergangenen Jahr Lebensmittelabfälle in der Mensa der Universität Augsburg unter die Lupe. Ergebnis: innerhalb von zehn Tagen fielen fast zwei Tonnen an. Ganz vermeiden lassen sich Speiseabfälle nicht. So zählen in den Studien der Stuttgarter Forscher zum Mensa-Müll etwa auch der Fleischsaft, der beim Grillen austritt, oder Abfälle, die beim Gemüseputzen entstehen. Solche Reste machen aber nur etwa 20 Prozent der gesamten Abfallmenge aus.

          Reste zu vermeiden ist auch ökonomisch sinnvoll

          Studenten einschlägiger Fächer wie Umweltwissenschaften, Nachhaltige Wirtschaft oder Agrar- und Ressourcenökonomie starten Aktionen wie die Schnippeldisko – die es unter gleichem Namen nicht nur in Oldenburg gibt, sondern zum Beispiel auch in Düsseldorf, Magdeburg und Lüneburg. „Studierende aller Fächer sind mittlerweile sehr sensibilisiert für das Thema“, sagt die Oldenburger Asta-Vertreterin Kaiser. Auch die Studierendenwerke als Betreiber der Unimensen achten verstärkt auf Nachhaltigkeit und ganz besonders darauf, die Lebensmittelverschwendung in den Kantinen der Universitäten einzudämmen. Denn Essensreste zu vermeiden, ist nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll: Wer weniger Abfall produziert, schont nicht nur Ressourcen, sondern spart auch Geld. Laut Studie der Universität Stuttgart liegt das jährliche Einsparpotential in Unimensen, die Abfälle vermeiden, im mittleren fünfstelligen, zum Teil sogar im niedrigen sechsstelligen Bereich.

          In Freiburg ist die Schnippeldisko nicht die einzige Maßnahme der Studenten im Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung. So hat der Asta den sogenannten Fair-Teiler etabliert und einen frei zugänglichen Kühlschrank sowie ein Regal in seinen Räumlichkeiten aufgestellt. Hier kann jeder Lebensmittel ablegen, die er nicht mehr isst – sofern sie noch genießbar sind. „Das Mindesthaltbarkeitsdatum darf überschritten sein, das Verbrauchsdatum aber nicht“, sagt Asta-Referentin Kaiser. Andere Studenten können sich dann kostenfrei mit den aussortierten Lebensmitteln versorgen. Zum Teil liegt auch aussortierte Ware aus Supermärkten im Kühlschrank. Der Fair-Teiler komme bei ihren Kommilitonen sehr gut an, sagt Kaiser: „Am Ende des Tages sind Kühlschrank und Regal meistens leer.“

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