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Rechtsstreit ums Juraexamen : Kampf um jede Kommastelle

  • -Aktualisiert am
„Juristischer Nonsens”: Deutliche Sprache des Korrektors
          3 Min.

          Genau 7500 Euro ist die Note der ersten juristischen Prüfung wert. Das jedenfalls ist der Streitwert, wenn ein Examenskandidat gegen seine Note klagt. 15.000 Euro ist nach dieser Liste der Preis für das zweite Examen. Tatsächlich dürfte der Wert einer guten Note aber viel höher sein. Mehr als für Mediziner, Geographen oder Anglisten entscheidet für Juristen die Punktzahl im Examen darüber, ob ihre Zukunft grau oder golden ist. Und so wird um jede Nachkommastelle gekämpft. Da man die Prüfungen nicht endlos wiederholen darf und nicht immer ein Verbesserungsversuch möglich ist, führt mancher Jurist in der Examenszeit den ersten Rechtsstreit seines Lebens – in eigener Sache.

          Wie viele diesen Schritt gehen, ist schwer zu ermitteln. In Berlin sind es laut Justizprüfungsamt (JPA) rund 240 von etwa 2700 Prüflingen im ersten und zweiten Examen. Je höher die Durchfallquote in einem Jahrgang, desto mehr Widersprüche. Je nach Bundesland steht vor der Klage ein formelles Widerspruchsverfahren oder ein „Überdenkungsverfahren“, in dem die Prüfer ihre eigene Bewertung prüfen. Das kann Monate dauern. Für die Glücklichen erledigt sich dann der Konflikt. Die Übrigen, in Berlin waren es 2007 etwa 60, ziehen vor die Verwaltungsgerichte. Diese brauchen etwa ein Jahr für ihr Urteil – eine lange Zeit, wenn es um Bestehen oder Durchfallen geht. Denn eine vorläufige Zulassung zum Referendariat gibt es nicht. Deshalb betreiben viele Kläger Eilverfahren. Dass ihr Fall eilbedürftig ist, müssen sie extra begründen. Schnell in den Beruf starten zu wollen reicht nicht aus.

          Nicht jede erfolgreiche Klage führt zum Erfolg

          In Berlin seien 7 Prozent der Klagen erfolgreich, heißt es aus dem JPA. Doch damit haben die Kläger noch keine bessere Note: Die Klausur wird nur wieder den Prüfern vorgelegt, die sie unter Berücksichtigung des Richterspruchs neu bewerten. „Es kann vorkommen, dass Kandidaten anderthalb Jahre kämpfen und nichts dabei herauskommt“, sagt Klaus Kilian, der Präsident des Prüfungsamts. „Ich kann verstehen, dass manche in Versuchung geraten, auf dem Rechtsweg ihre Note zu verbessern. Aber die Korrektoren überlegen sich sehr gut, ob sie jemanden durchfallen lassen.“ Er kritisiert, dass manche Anwälte den Prüflingen unnötige Hoffnungen machen. „Sie werben in kommerziellen Repetitorien und ermutigen die Kandidaten zu teuren Verfahren.“

          Das will Mark Ebbing nicht auf sich sitzen lassen. Seit vier Jahren vertritt der Berliner Anwalt Kandidaten bei Prüfungsanfechtungen. „Wir helfen, wo ein oder zwei Punkte zum Bestehen oder zu einer Notenstufe fehlen. Und ich warne die Mandanten, wenn ich ihre Erfolgschancen für gering halte.“

          Gerade im Berliner Massengeschäft machten andere Prüfer aber grobe Schnitzer. Zum Beispiel im Fall des Kandidaten, aus dessen Klausur mehrere Seiten im JPA „verloren gingen“. Und der im mündlichen Examen eine Prüferin fragte, warum sie seine Leistung nur mittelmäßig benotet habe. Ihre Antwort: „Meine Fragen waren ja auch sehr leicht.“ In einem anderen Fall habe die Universität für die Lösung einer Klausur eine Gesetzessammlung zugelassen, obwohl in ihr das Bundeszentralregistergesetz nicht abgedruckt war, ohne das die Klausur nicht lösbar war. Wieder eine andere Mandantin sei im mündlichen Examen von männlichen Prüfern mit anzüglichen Sprüchen über „typische Frauenprobleme“ lächerlich gemacht worden.

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