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Rabenmütter!? : Zwischen Haferkleie und Hörsaal

Alleinerziehend und Studentin: Lena Przibylla mit ihrem Sohn Fin Bild: Anna Jockisch / F.A.Z.

In Deutschland sind nur wenige Studenten Eltern. Es hapert an erstaunlich einfachen Dingen, die den Spagat zwischen Wickeltisch und Seminar erheblich erleichtern würden.

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          Regen ist Lena Przibylla am liebsten. Dann packt sie eine Extradecke um Fins Beine, klappt das Kunststoffverdeck über seinem Kinderwagen auf und lässt ihre eigenen blonden Haare nass werden auf dem Weg zur Freiburger Universität. Eitel Sonnenschein wäre ihr viel zu langweilig. Genauso, wie es ihr nach ein paar Semestern zu langweilig wurde, einfach nur zu studieren. Da packte sie zu ihrem Diplom- noch einen Magisterstudiengang. Und kurz danach, zweieinhalb Jahre ist das jetzt her, kam ihr Sohn Fin zur Welt. Seitdem ist nichts mehr einfach. Aber zu Lena Przibylla passt das.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass die gebürtige Berlinerin eine Ausnahme ist, verrät schon die Statistik. Nur 7 Prozent der Studenten in Deutschland sind Eltern, macht 123.000 studierende Mütter und Väter. In Schweden ist die Quote dreimal so hoch, in Norwegen liegt sie bei knapp 22 Prozent. Anders als in Skandinavien gelten Elternschaft und Studium hierzulande als kaum vereinbar. Politischer Wille ist allerdings, dass sich das ändert. Aber noch sind die Hindernisse groß. Das Deutsche Studentenwerk etwa bemängelt fehlende Betreuungsangebote, starre Studienpläne und die prekäre finanzielle Situation studierender Eltern. Wie es besser geht, will unter anderem das Centrum für Hochschulentwicklung mit dem Programm „Familie in der Hochschule“ zeigen, das acht vorbildliche Projekte als „Best Practice“Beispiele vorstellt. Und die Hertie-Stiftung erteilt das Zertifikat „Familiengerechte Hochschule“, wenn Kitas, Spielplätze und Möglichkeiten zum Teilzeitstudium vorhanden sind.

          Ohne die Hilfe der Freunde ginge gar nichts

          Eine Familienservice genannte Verwaltungsstelle hat auch die altehrwürdige Albrecht-Ludwigs-Universität in Freiburg eingerichtet, die sich seit vergangenem Jahr mit dem Lorbeer der Exzellenzinitiative schmücken darf. Auf der Hertie-Liste aber steht sie nicht. Noch hapert es an erstaunlich einfachen Dingen, manche Versäumnisse sind kaum zu verstehen. Auf eines weist Lena Przibylla im Erdgeschoss des Kollegiengebäudes II hin, das in einer schmucklosen Ecke einen Wickelraum versteckt. „Die Uni hat eine Handvoll Toiletten mit Wickeltischen ausgestattet. Nur sind die überhaupt nicht ausgeschildert, selbst im Internet ist der Lageplan kaum zu finden.“ Sie macht die Tür zur Damentoilette auf, das blaue Licht soll Drogensüchtigen die Venensuche erschweren. Das wirkt wenig familiär, doch auf öffentlichen Toiletten muss das wohl so sein. „Aber dass es Wickeltische nur auf Frauenklos gibt, ist eigentlich eine Sache für die Gleichstellungsbeauftragte.“

          „Ich will niemandem mehr sagen müssen: Leider bin ich Mutter, bitte geben Sie mir doch ein bisschen mehr Zeit für die Hausarbeit”

          Sie selbst wickele Fin auch draußen, sagt Lena Przibylla. So habe sie es auch mit dem Stillen gehalten. Aber das ist nicht jedermanns Sache. Und auch nicht jede studierende Mutter verfügt über ein so dichtes soziales Netzwerk wie die 24 Jahre alte Frau. Schon ein kurzer Spaziergang mit ihr durch die Freiburger Innenstadt wird mehrmals von Begrüßungsszenen und Verabredungen per Telefon unterbrochen. Ohne die Hilfe ihrer Freunde, das betont sie, würde sie den Spagat zwischen Doppelstudium und Kindererziehung nicht hinbekommen, die öffentlichen Angebote seien nicht flexibel genug - und außerdem zu teuer.

          In Moabit ist Lena Przibylla aufgewachsen, von den befreundeten Straßengangs berichtet sie immer noch gerne. Parallel dazu hat sie auf dem Gymnasium Latein gelernt, war Klassen- und Schulsprecherin. Später half sie beim Aufbau eines Bildungsprojekts für Afrika, außerdem mischt sie seit einigen Jahren bei den Jusos mit. Dass sie als ledige Mutter katholisch ist, außer Philosophie und Religionswissenschaft katholische Theologie studiert und ausdrücklich Wert darauf legt, dass auch ihr Sohn katholisch erzogen wird, vervollständigt die Sammlung vermeintlicher Widersprüche.

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