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Psychologie : Gelernt wird im Hotel Mama

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. - Tresckow

Viele Studenten ziehen das Kinderzimmer der Studentenbude vor. Ein Fünftel der angehenden Akademiker leben im Elternhaus. Woran dieses Nesthocken liegt, diskutieren die Experten - reine Bequemlichkeit ist es selten.

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          Wenn Stefan von seinem Porsche erzählt, gerät er ins Schwärmen. "Von null auf hundert in nicht einmal fünfeinhalb Sekunden, Spitzengeschwindigkeit 250 und, und . . ." Na ja, billig sei der Unterhalt nicht, aber dafür hat der 23-Jährige einen Wochenendjob. Sechshundert Euro kommen da im Monat zusammen - das reicht für Auto und Klamotten. Und mehr muss er auch nicht zahlen. "Warum auch?" Stefan, der seinen Nachnamen nicht gerne in der Zeitung sehen möchte, studiert in seinem bisherigen Wohnort Hamburg und wohnt bei seiner Mutter. "Praktisch", wie er findet, so spart er nicht nur Miete und Essen, sondern bekommt auch noch den Wäscheservice gratis.

          Typisch - mag manch einer denken. Typisch für die heutige Generation, die es gerne bequem hat und den Eltern immer länger auf der Tasche liegt. War es bis Anfang der achtziger Jahre noch üblich, sich möglichst schnell eine eigene Wohnung zu suchen, hat sich der Zeitpunkt des Auszuges seitdem kontinuierlich nach hinten verschoben. Damals räumten laut Statistik junge Männer im Schnitt mit 21 Jahren ihre Kinderzimmer, junge Frauen mit 20. Heute bleiben viele junge Erwachsene bis Mitte, Ende zwanzig im Hotel Mama. Und je länger die Ausbildung dauert, umso länger wird es. Ein Fünftel aller Studenten, so heißt es beim Deutschen Studentenwerk, büffelt nicht in der eigenen Bude, sondern im Elternhaus. Tendenz eindeutig steigend.

          Keine voreiligen Schlüsse

          Doch Vorsicht. Voreilige Schlüsse sollten daraus nicht gezogen werden, findet nicht nur Inge Seiffge-Krenke, Leiterin des Lehrstuhls Entwicklungspsychologie an der Universität Mainz. Denn ob ein Kind zum Nesthocker wird, hängt von sehr vielen Faktoren ab, und ein ganz wesentlicher davon sind die Eltern selbst beziehungsweise die Beziehungsstrukturen innerhalb der Familie. Seit fast 15 Jahren begleitet Seiffge-Krenke 200 Familien. Zu Beginn der Studie waren die Jugendlichen 14 Jahre alt, heute sind sie 28, und rund ein Drittel stellt die Füße noch immer unter Papas Esstisch, wie man früher provokant sagte.

          Aufgrund des langen Erhebungszeitraumes und der Vielzahl der erfassten Daten war es Seiffge-Krenke möglich, einen genaueren Blick auf die Nesthocker zu werfen. Mehrere Faktoren traten dabei immer wieder auf: eine gestörte Bindung beispielsweise, geringe Konfliktbereitschaft in der Familie oder Auffälligkeiten in der Entwicklung allgemein. Brauchen kleine Kinder mehr Aufmerksamkeit als normal, neigen viele Eltern auch dann noch zur Überbehütung, wenn ihr Einsatz längst nicht mehr gefragt ist.

          Männer bleiben länger als Frauen

          Darüber hinaus, das zeigen neben der Mainzer Studie auch andere Erhebungen, scheint auch das Geschlecht einen nicht unerheblichen Einfluss zu haben. Laut Mikrozensus, einer statistischen Erhebung, wohnten 2005 noch 13 Prozent der 30-jährigen Männer im Elternhaus, aber nur fünf Prozent der Frauen. Die Erklärung dafür hängt ebenfalls mit dem Verhalten der Eltern zusammen. Jungs, sagt die Mannheimer Psychologieprofessorin Christiane Papastefanou, genießen zu Hause einfach mehr Komfort. Während von jungen Frauen in der Regel ganz selbstverständlich eine Beteiligung im Haushalt eingefordert wird, legen junge Männer zumeist die Hände in den Schoß - "auch heute noch".

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