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Psychische Probleme : Mit Alkohol gegen Prüfungsstress

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Partymachen zur Stressbewältigung? Keine gute Idee, finden die Experten von der Techniker Krankenkasse. Bild: Orth, Falk

Mehr als jeder fünfte Student hat schon einmal die Diagnose „psychische Probleme“ erhalten, berichtet die Techniker Krankenkasse. Viele ertränkten den Uni-Stress in Alkohol. Warum Studenten heute schlechter entspannen können als früher.

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          Dauerstress macht an deutschen Hochschulen viele Studenten so mürbe, dass sie psychotherapeutische Hilfe suchen. Jeder Vierte (27 Prozent) gab in einer Umfrage an, der Druck sei schon mal so hoch gewesen, dass ihm mit den üblichen Entspannungsstrategien nicht mehr beizukommen war. „Knapp die Hälfte von ihnen hat deshalb professionelle Hilfe in Anspruch genommen“, sagte der Vorstandschef der Techniker Krankenkasse (TK), Jens Baas, am Mittwoch in Berlin bei der Vorstellung zweier aktueller Studien zur Studenten-Gesundheit.

          „In den meisten Fällen handelt es sich dabei um ambulante Therapien oder Beratungsangebote an der Hochschule. Aber immerhin 6 Prozent gaben an, bereits stationär behandelt worden zu sein“, erläuterte Baas. Die bundesweit größte Krankenkasse hat für ihren „TK-Campus Kompass“ das
          Institut Forsa beauftragt, 1000 repräsentativ ausgewählte Studierende zu ihrem Lebensstil zu befragen.

          Zu den wichtigsten Stressauslösern gehören laut TK-Umfrage Prüfungen (52 Prozent), der Lernstoff (28 Prozent), die Doppelbelastung von Studium und Jobben (26 Prozent), die Angst vor schlechten Noten (26 Prozent) oder keinen Job zu finden (23 Prozent) sowie finanzielle Sorgen (20 Prozent). „Wir wissen alle, dass das Studium vor allem in Prüfungszeiten Stress bedeutet. Es ist allerdings beunruhigend, wenn der Druck bei so vielen Studierenden ein Ausmaß annimmt, dass sie ihn allein nicht bewältigen können und medizinische Unterstützung brauchen“, sagte Baas.

          Nach Arznei- und Patientendaten der TK hatten ärztlichen Diagnosen zufolge 30 Prozent der Studentinnen psychische Probleme, unter den männlichen Kommilitonen waren es nur 15 Prozent. Ausgewertet wurden Informationen zu rund 190.000 eigenständig bei der TK versicherten Studierenden für 2013.

          Die Strategien, mit dem Stress umzugehen, sind dabei nicht immer ideal. Das Thema Alkohol spielt für viele Studierende eine große Rolle: „Gut ein Drittel der Frauen und sogar 43 Prozent der Männer an der Uni trinken den Stress weg“, sagte der TK-Chef. „Insgesamt zeigt sich, dass die männlichen Studenten eher zu ungesünderen Relax-Methoden tendieren. Auch Rauchen, Cannabis und Aufputschmittel sind bei ihnen verbreiteter als bei den Studentinnen.“ Sogar der Griff zu härteren Drogen ist unter Studierenden heutzutage kein Tabu mehr, wie Fachleute zu berichten wissen. Im vergangenen Jahr zeigte etwa eine Studie, dass Crytal Meth an den Unis in Stressphasen zunehmend konsumiert wird. Suchtexperten führen dies darauf zurück, dass die Droge zum Teil zu „spottbilligen“ Preisen zu haben sei.

          Sieben von zehn Studierenden gaben zudem laut „TK-Campus Kompass“ an, gern online zu entspannen. Dabei nutzen Frauen soziale Netzwerke deutlich mehr, während ihre Kommilitonen eher zu Video- und Computerspielen neigen. Baas: „So sehr ich verstehen kann, dass Computerspiele am Ende des Tages zur Entspannung verlockend sind, so wenig können wir dies unter Gesundheitsaspekten empfehlen. Denn wer tagsüber schon viel vor dem Bildschirm sitzt, sollte nicht auch den Feierabend vor der Mattscheibe verbringen.“

          Das Alter spielt eine wichtige Rolle

          Ältere Studenten kommen übrigens mit dem alltäglichen Stress deutlich schlechter klar als jüngere. Ihn habe überrascht, wie stark das Alter angehender Akademiker für Erkrankungen wie Depressionen, Belastungs- oder Angststörungen eine Rolle spielt, sagte Baas. „Ab 30 können sie mit Belastungen schwerer umgehen.“ Dann spielten entscheidende Prüfungen, Fragen der Studienfinanzierung und womöglich auch Kinder eine treibende Rolle als Stressfaktoren.

          Seit einer TK-Analyse von 2009 habe der Anteil der Studierenden, die mindestens einmal im Jahr eine psychische Diagnose erhielten, um gut 4,3 Prozent zugenommen, sagte Baas. Der Anteil derer, die mindestens einmal ein Arzneimittelrezept zur Behandlung von Depressionen bekamen, liege 53 Prozent höher als 2006. Seitdem stieg auch das gesamte Arzneivolumen für Studierende um gut 50 Prozent.

          Um Gesundheitsproblemen vorzubeugen, rate seine Kasse Studenten einen guten Umgang mit Stress, eine vernünftige Medien- und vor allem Computernutzung - sowie viel Bewegung. „Es ist schon erschreckend, dass nur drei Viertel der Studenten sagen, dass sie Sport für sich als wesentlich ansehen - aber ein Viertel eben nicht.“

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