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Promotion : Breitseite gegen den Dr. med.

Bild: F.A.Z.

Mediziner promovieren schneller und häufiger als andere Akademiker. Der Wissenschaftsrat will das ändern. Denn schon lange sprechen Fachfremde und selbstkritische Mediziner mit einem abwertenden Unterton von der besonderen „Promotionskultur“ in der Medizin.

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          Wer von Tempo spricht, meint damit oft jedwedes Papiertaschentuch. Ähnlich verhält es sich mit den Doktoren, als die der Volksmund alle Ärzte bezeichnet. Während der Produktname dank langer Tradition und geschickter Markenpflege zum Gattungsbegriff geworden ist, macht es bei den Medizinern die Menge: In keinem anderen Fachbereich werden Jahr für Jahr so viele Promotionen abgeschlossen wie in der Medizin; setzt man ihre Zahl ins Verhältnis zur Menge der insgesamt an Deutschlands Hochschulen für die jeweiligen Fächer eingeschriebenen Studenten, wird der Abstand noch deutlicher.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schon lange sprechen Fachfremde und selbstkritische Mediziner deshalb mit einem abwertenden Unterton von der besonderen „Promotionskultur“ in der Medizin. In einer Studie des Promovierendennetzwerks Thesis zur Lage der angehenden Doktoren werden die Mediziner sogar kurzerhand ausgeklammert. „Die Promotionsverläufe sind mit denen anderer Fachbereiche schlecht zu vergleichen“, heißt es zur Begründung.

          In vielen Fällen kein höheres Niveau als Diplomarbeiten

          Die Formulierung ist die höfliche Fassung der Schelte, die der Wissenschaftsrat, eine Art TÜV für Forschung und Lehre, im vergangenen Jahr ausgesprochen hat: Dissertationen von Medizinern hätten in vielen Fällen kein höheres Niveau als Diplom- oder Master-Arbeiten in anderen Fächern und entsprächen nicht dem allgemeinen wissenschaftlichen Anspruch des Doktortitels.

          Ulrike Beisiegel, die Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrats, fordert eine Reform des medizinischen Abschlusswesens: Wer tatsächlich forschen will, soll dies gemeinsam mit Naturwissenschaftlern und dem Ziel „Dr. rer. nat“ tun; wer dagegen nach dem Studium möglichst schnell als Arzt praktizieren will, soll mit der Approbation die Berufsbezeichnung „Medizinischer Doktor“, abgekürzt MD, verliehen bekommen.

          Den „Dr. med.“ gäbe es dann überhaupt nicht mehr - ein Schreckensszenario für Dieter Bitter-Suermann, den Präsidenten des Medizinischen Fakultätentags. Als „unsinniges Lamento“ hat er in der Zeitschrift „Forschung und Lehre“ postwendend die Kritik an der meist studienbegleitenden Medizinerpromotion zurückgewiesen. Sie wecke frühzeitig die wissenschaftliche Neugier und sei „international hochgeschätzt“. Ulrike Beisiegel, selbst promovierte Humanbiologin und designierte Rektorin der Universität Göttingen, hat zumindest gegen diese Einschätzung ein schlagkräftiges Gegenargument: Der „European Research Council“, die Forschungsförderungsorganisation der EU, stuft den „Dr. med.“ schon jetzt nicht mehr als gleichwertig mit dem internationalen Doktortitel „Ph. D.“ ein.

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