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Programmieren als Hobby : Im Feriencamp der Computer-Nerds

Bild: Edgar Schoepal

In der Schule gelten begabte Programmierer und App-Entwickler oft als Außenseiter. Aber unter ihresgleichen blühen sie auf. Eine Reportage aus dem Ferienlager der Nerds.

          7 Min.

          Marvin Wippich steht ganz oben auf einem Holzpavillon im Wald. „Letztes Jahr bin ich hier sogar mit einem Gipsarm raufgeklettert“, erzählt er sichtlich stolz. Marvin ist 15 und wirkt eigentlich nicht besonders sportlich, nicht wie einer, der in seiner Freizeit im Wald herumkraxelt. Er ist blass, mit leichtem Sonnenbrand an den Armen, trägt Brille und Schlabber-T-Shirt. Und meist sitzt er in seiner Freizeit auch am liebsten drinnen vor dem Rechner und spielt Computerspiele. Genau deshalb ist er eigentlich auch hier.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Marvin ist einer von mehreren hundert Jugendlichen, die im Schullandheim im sauerländischen Föckinghausen eine oder mehrere Sommerferienwochen im sogenannten „Computercamp“ verbringen. Das ist ein Ferienlager für Computerfreaks und solche, die es werden wollen. Programmieren, Apps und Spiele entwickeln kann man hier in allen Schwierigkeitsstufen lernen. „Wir versammeln sozusagen alle jugendlichen Nerds von 10 bis 18 Jahren, die der deutschsprachige Raum so zu bieten hat“, sagt der Campleiter Felix Nattermann. 530 Teilnehmer insgesamt sind es in diesem Jahr, verteilt über mehrere Wochen und auf zwei Standorte – neben dem im Sauerland gibt es auch noch ein Camp in Wald am Arlberg in Österreich.

          Der Sinn des Ganzen ist schnell erklärt: Sechs Wochen Sommerferien sind lang. Viele, insbesondere berufstätige Eltern, sehen sich außerstande, die ganze Zeit über spannendes Programm für den jugendlichen Nachwuchs zu bieten. Klassischerweise fahren die Kinder dann ins Ferienlager. Für die Tierfreunde gibt’s Reiterferien, für die Sportlichen Fußballcamps, für die Reisefreudigen Sprachferien auf Malta oder an der Cote d’Azur – die Palette ist riesig. Trotzdem gibt es auch Jugendliche, die zu den üblichen Angeboten nicht so richtig passen. Wer mit Sport wenig anfangen kann, viel mit dem Kopf arbeitet, vielleicht eher ein Einzelgänger ist, verschanzt sich häufig hinter dem Computer, hinter Zahlen, Codes oder in virtuellen Spielewelten.

          „Wenn ich mit anderen Jungs zu Hause rede und davon erzähle, was ich in meiner Freizeit so am Computer mache, dann steigen die meisten schon nach wenigen Sätzen aus“, sagt Tim Schäfer, 13 Jahre alt. „Hier im Computercamp wissen alle sofort, wovon ich spreche. Alle sind locker drauf. Keiner hält sich für was Besseres. Das ist schön.“ Sven Saeger, 11 Jahre alt, sieht das genauso. In der Schule ist er eines der zurückhaltenden Kinder, zu Hause verbringt er seine Zeit am liebsten am Laptop und bastelt an selbstgeschriebenen Programmen oder Apps. „Zum Glück gibt es einen Lehrer an seinem Gymnasium, der sein Informatik-Talent erkannt hat und sich um ihn kümmert“, sagt Svens Mutter, Mirjam Saeger. Deshalb besucht Sven in der Schule eine Android-App-AG und war gemeinsam mit einer Schülergruppe beim Roboterwettbewerb „Robo-Cup“. Sogar bis zur Weltmeisterschaft haben sie es geschafft mit ihrem Roboter, der erst auf einer Linie gehen, dann abbiegen und schließlich eine Kugel zu einem Ziel rollen konnte. „Im nächsten Jahr darf ich ausnahmsweise schon am Informatikunterricht für die achte Klasse teilnehmen, dabei komme ich eigentlich erst in die siebte“, sagt Sven – und strahlt.

          Programmieren? Gibt's nur in der Großstadt

          Svens Mutter allerdings verzweifelt manchmal auch ein wenig an der Leidenschaft ihres Sohnes. „Wir wohnen auf dem Land, und es gibt dort quasi keine Angebote für Jugendliche wie Sven. Wenn die Kinder Sport machen wollen oder Musik, dann ist es einfach. Aber Programmieren? Das gibt’s nur in der Großstadt.“ Weil sie sowieso auf der Suche nach einem Ferienangebot für ihren Sohn war, stieß Mirjam Saeger im Internet auf das Computercamp und meldete Sven an. In diesem Jahr hat sie ihn schon zum zweiten Mal für eine Woche hingeschickt, „weil er so begeistert war“. Freundschaften allerdings habe ihr Sohn keine geschlossen, bedauert sie. „Als er wiederkam, konnte er mir nicht mal die Namen der Jungs sagen, mit denen er sein Zimmer geteilt hat. Ihm ist so etwas einfach nicht so wichtig. Von den Dingen, die er gelernt hat und von den Betreuern war er aber sehr begeistert.“

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