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Flut an Gutachten : Nein danke, mir graust schon

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Darf es noch ein bisschen mehr sein? Viele Professoren ertrinken in Aktenbergen, die sie für Gutachten studieren müssen. Bild: dpa

Neue Exzesse im Reich der Evaluation: Gerade die Professoren kleinerer Fächer ertrinken in Förderanträgen, wo sie Zeit für Anderes brauchen. Der Nachwuchs ist verschreckt.

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          Deutschlands Professoren gehen in einer Flut von Begutachtungsanfragen aus privaten wie öffentlichen Förderinstitutionen, aber auch wissenschaftlichen Zeitschriften unter. Klagten sie in den letzten zehn Jahren über die Umstrukturierungen der Studiengänge à la Bologna und ein überbordendes Berichtswesen, das alljährliche (und möglichst zweisprachige) Jahres-, Zwischen-, Beirats- und Abschlussberichte erfordert - nicht zu vergessen die Produkte der Öffentlichkeitsarbeit -, so ist inzwischen auch das Gutachterwesen aus den Fugen geraten.

          Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bewerten 606 Wissenschaftler in 48 Fachkollegien alle Förderanträge zu zweit; gegebenenfalls zusammen mit einem weiteren Kollegen, wenn externe Expertise notwendig wird. In den letzten fünf Jahren nahm die Quote der Absagen der angefragten Gutachter kontinuierlich und in allen Fächern zu. Junge Lehrstuhlinhaber meiden es schon, sich in die Fachkollegien wählen zu lassen.

          Auch eine neue (wohlmeinende) DFG-Praxis ist umstritten: Um möglichst vielen Projektanträgen eine Chance zu geben, wird die Förderdauer positiv begutachteter Anträge zunächst von drei auf zwei Jahre gekürzt, mit der Option, einen Folgeantrag für das letzte Jahr zu stellen. Das Resultat: noch mehr Anträge, noch mehr Gutachten, immer höhere Opportunitätskosten für Professoren, die eigentlich andere Texte schreiben wollen, und somit steigende Absagen. In Berlin musste 2008 die Laufzeit des Sonderforschungsbereichs 640 von vier auf viereinhalb Jahre verlängert werden - ein Novum in der Geschichte der DFG -, weil seine Begehung mit der Begutachtung der zweiten Runde der Exzellenzinitiative zusammenfiel.

          Es kann Monate dauern, bis zwei Gutachter gefunden sind

          Und es sind nicht nur Gutachten für die größte deutsche Forschungsförderorganisation. Jede Reihe von Arbeitspapieren möchte inzwischen begutachtet werden. Private Stiftungen greifen auf professorale Beiräte zurück, um Hunderte von Projektanträgen lesen zu lassen; manchmal um nur 3000 Euro zu vergeben. Rund 460 Professoren haben an der Begutachtung der zweiten Förderperiode der Exzellenzinitiative mitgearbeitet. Die meisten von ihnen kamen aus dem Ausland, um die Konkurrenz der Professoren untereinander - im Fachjargon „innerdeutsche Befangenheitssituation“ - zu vermeiden.

          Insbesondere in den „Kleinen Fächern“ wie Afrikanistik oder Wissenschaftsgeschichte, in denen es wenig Professuren gibt, kann es Monate dauern, bis zwei unabhängige Gutachter zusagen. Wenn die Fachleute sich mit der Beantwortung von Anfragen Zeit lassen, um am Ende doch abzusagen, verlängert sich die Wartezeit unverhältnismäßig. Anträge mit außereuropäischer Expertise scheinen es besonders schwer zu haben, passende Gutachter zu finden. So können durchaus einmal zwölf Monate zwischen der Abgabe eines Antrags und dem Erhalt eines (positiven wie negativen) Bescheids ins Land gehen.

          Internationalen Ko-Antragstellern sowie potentiellen Mitarbeitern aus dem Ausland, die man für das Projekt nach aufwendiger Vorarbeit identifiziert hat, sind langwierige Vorläufe wie diese sehr schwer zu vermitteln. In meinen Anträgen mit Partnern aus dem Libanon und Marokko stießen sie auf höchsten Unglauben und erforderten permanente Rückversicherung, man sei noch am Ball und die Chancen für den Antrag im laufenden Verfahren durchaus nicht gesunken. Trotzdem gingen dem Projekt auf diese Weise sukzessive renommierte Mitarbeiter verloren. Mit ihrem Deutschland-Bild passte die lange Wartezeit nicht überein.

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