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Schlechte Bezahlung : Praktikant in Brüssel? Selbst schuld!

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Als direkter Vorgesetzter ist er verantwortlich für alles, was seine Brüsseler Mitarbeiter tun – Büroleiter inklusive. Auch über das Gehalt seiner Praktikanten sollte Brok eigentlich informiert sein. Aus EP-Regularien geht klar hervor, dass Praktikanten in Abgeordnetenbüros direkt dem jeweiligen Abgeordneten unterstehen, in dessen Büro sie tätig sind. „Die Einzelheiten des Praktikums sind Gegenstand einer schriftlichen Praktikumsvereinbarung, die vom Mitglied und von dem Praktikanten/der Praktikantin unterzeichnet wird“, heißt es darin. Diese Vereinbarung enthalte die ausdrückliche Klausel, dass das Europäische Parlament nicht als Partei der Vereinbarung angesehen werden könne. Brok gibt an, dass auch er solche Vereinbarungen mit seinen Praktikanten unterschreibt. Diese würden vom EP geprüft. „Ich gehe davon aus, dass ich bei Fehlern meinerseits darauf hingewiesen werde“, schreibt er in seiner Stellungnahme.

Ein geringes Praktikantengehalt im EU-Parlament ist allerdings weder ein Fehler, noch ein Einzelfall. Rechtlich ist es auch komplett unangreifbar. Denn in Belgien ist die Rechtslage eine andere als in Deutschland. In der Bundesrepublik gilt der gesetzliche Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde auch für Praktika, wenn sie länger als drei Monate dauern. Mitglieder des EP können dagegen frei entscheiden, was ihnen die Arbeitskraft ihrer Praktikanten wert ist. So fallen die Gehälter für Praktikanten in Brüssel eben sehr variabel aus – je nachdem, bei wem sie arbeiten. Arne Lietz zum Beispiel, SPD-Abgeordneter des EP, vergütet Praktika mit dem Mindestlohn nach deutschem Recht, der Grünen-Abgeordnete Reinhard Bütikofer zahlt Praktikanten in seinem Brüsseler Büro immerhin 1000 Euro im Monat.

Die Praktika sind ein Karriere-Sprungbrett

In der ganzen Diskussion sollte auch nicht außer Acht gelassen werden, dass Praktika bei Parlamentsabgeordneten in Brüssel für viele Studenten und Absolventen ein Karriere-Sprungbrett sind – und daher neben der direkten Vergütung auch einen anderen potentiellen Wert haben. Wer Ambitionen auf eine Tätigkeit in der europäischen Politik hat, kommt um eine vorherige Praktikantentätigkeit kaum herum. Ehrgeizige junge Absolventen stecken daher im Dilemma: Lieber niedrig entlohnte oder gar nicht bezahlte Praktika akzeptieren, oder die Chancen auf eine EU-Karriere deutlich sinken lassen?

Der unter den Beschuss der Studenten geratene Elmar Brok erklärt jedenfalls in einem Telefonat, Praktikanten müssten „natürlich“ einen angemessenen Monatslohn erhalten. Auf die Frage, ob er künftig mehr bezahlen wolle, gibt er allerdings keine konkrete Antwort. Vielmehr betont er, wie begehrt Praktika in seinem Büro sind: Zum Teil kämen Eltern aus seinem Wahlkreis Ostwestfalen-Lippe auf ihn zu, um nach einem Praktikumsplatz für ihr Kind zu fragen. Außerdem seien ehemalige Praktikanten in ihrer Ausbildung und beim Einstieg in eine dauerhafte Beschäftigung im EU-Bereich oft außerordentlich erfolgreich – „oft auch mit meiner Hilfe“, betont Brok.

Die bloße Aussicht auf gutdotierte Posten scheint indes nicht mehr bei allen Studenten und Absolventen zu ziehen. Wie auch in vielen anderen Bereichen tut offenbar die gute Arbeitsmarktlage dem Selbstbewusstsein der Generation gut. Auch durch die Demographie haben sie vielfältige Berufschancen und betonen mittlerweile deutlicher ihre Ansprüche. Das gilt offenbar gleichermaßen in Sachen Brüssel-Praktika: „Können wir das Büro von Elmar Brok nicht endlich von der Liste löschen?“, schreibt eine Teilnehmerin der IB-Liste Mitte November 2017 über den Verteiler: „Sie werden’s nie lernen, und langsam nervt’s, alle paar Wochen wieder dieselben unverschämten Ausschreibungen zu lesen!“

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