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Präsidentin der Uni Frankfurt : „Die Wirtschaft wollte jüngere Berufseinsteiger, jetzt hat sie sie“

  • -Aktualisiert am

Bachelor-Absolventen des Fachbereiches Wirtschaftswissenschaften der Goethe-Universität bei ihrer Abschlussfeier 2011. Sie sind jung - zu jung? Bild: Maria Irl

Birgitta Wolff, Präsidentin der Goethe-Universität, kann die jüngste Kritik an Bachelor-Absolventen nicht verstehen. Sie sieht auch Arbeitgeber in der Pflicht, für die gewünschte Reife zu sorgen.

          3 Min.

          Zu jung, zu lebensunerfahren, zu schlecht ausgebildet: Bei einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) gaben nur 47 Prozent der Unternehmen an, dass Berufseinsteiger mit dem Bachelorabschluss ihre Erwartungen erfüllen. Birgitta Wolff, neue Präsidentin der Goethe-Universität Frankfurt, kann diese Kritik nicht nachvollziehen, wie sie im Gespräch mit FAZ.NET erklärt.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Haben deutsche Unternehmen tatsächlich gute Gründe, mit den Bachelor-Studenten unzufrieden zu sein?

          Gerade Wirtschaftsvertreter haben immer wieder jüngere Berufseinsteiger gewünscht; mit den „Bachelors“ haben sie nun ein entsprechendes Angebot. Missverständnisse entstehen meiner Erfahrung nach vor allem dadurch, dass Bachelor-Absolventen mit ehemaligen Diplom- oder Magisterabsolventen verglichen werden. Diese hatten aber in der Regel mindestens neun Semester Studium hinter sich – der Vergleich mit Sechs-Semester-Bachelors muss deshalb hinken. Bachelors sollten eher mit den Absolventen einer „Lehre“ oder eben eines zwei-Drittel-Studiums nach alten Spielregeln verglichen werden.

          Sind diese zu jung, zu lebensunerfahren, zu schlecht ausgebildet?

          Das hängt von der Messlatte ab: wenn ich eigentlich jemanden mit „Diplom-Reifegrad“ suche, muss ich Master-Absolventen rekrutieren, nicht Bachelors. Viele Unternehmen haben sich aber auch gut auf Bachelors eingestellt und ergänzen deren gute Grundausbildung durch unternehmensspezifische Ausbildungsmodule, wie beispielsweise durch Traineeprogramme. Auch sind Fachwechsel und beliebige zeitliche Abstände zwischen Bachelor und Master leicht möglich. Damit kommt man zu ganz anderen Ausbildungswegen und –profilen als im alten System. Bildung kann viel leichter als lebenslanges Thema organisiert werden. Hierin sehe ich die Chancen von „Bologna“. Wenn man lediglich an althergebrachten Profilen hätte festhalten wollen, hätte man sich den ganzen Umstellungsaufwand in der Tat sparen können.

          Sind die Abbruchquoten wirklich zu hoch?

          „Bachelor-Absolventen werden mit ehemaligen Diplom- oder Magisterabsolventen verglichen. Das führt zu Missverständnissen“ sagt Birgitta Wolff, Präsidentin der Frankfurter Goethe-Universität.

          Da gibt es große Unterschiede zwischen Fächern und Studiengängen. In manchen Studiengängen sind die Aussteigerquoten definitiv zu hoch. Spannend ist die Suche nach den Ursachen dafür. Da gibt es ein breites Spektrum von nicht interessenorientierter Studienfachwahl bis zu grottenschlechter Betreuung oder suboptimaler individueller Studienorganisation. Wichtig sind in jedem Fall eine gute Beratung bereits vor der Immatrikulation und gute Studienbedingungen, Betreuung und Beratungsangebote gerade in den ersten Semestern. Aber nicht jeder Studienausstieg ist eine Katastrophe. Auch in lediglich zwei Semestern und ohne Abschluss kann ein junger Mensch Wichtiges gelernt haben und wird dann, wenn er sich umorientieren will, evtl. ein noch besserer Azubi oder studiert ein anderes Fach umso erfolgreicher. Diese Wechseloptionen müssen gut und ohne Gesichtsverlust möglich sein. Daran arbeiten wir beispielsweise in Frankfurt gerade gemeinsam mit der Fachhochschule, der IHK und der Handwerkskammer.

          Leben wir in Zeiten der Überakademisierung, wie oft kritisiert wird?

          Schlagworte sind grundsätzlich gefährlich. Sicherlich wäre es gesellschaftlich kaum erstrebenswert, alle Berufsbereiche zu akademisieren, wie es offensichtlich der OECD vorschwebte – aber die hatte auch jahrzehntelang das Duale Berufsausbildungssystem, das wir in Deutschland haben, schlichtweg nicht verstanden. So kam es zu der irrigen Vorstellung, ein Kind von Akademikern, welches einen Handwerksberuf ergreift, sei ein Bildungsabsteiger. Solche Vorstellungen müssen wir korrigieren. Denn sie führen zu einer aus meiner Sicht empörenden Diskreditierung ganzer Berufsgruppen. Auch auf deren Arbeit ist unsere Gesellschaft existentiell angewiesen; und auch dort brauchen wir weiterhin gute Fachkräfte. Dass auch die individuellen Lebens- und Einkommensperspektiven nicht per se durch irgendein Studium besser sind, weiß doch eigentlich jeder schon aus dem persönlichen Bekanntenkreis. 

          Helfen am Ende nur zusätzliche Zulassungsbeschränkungen?

          Ich finde es fragwürdig, über bestehenden Formen der Rationierung hinaus noch über weitere nachzudenken. Aufklärung ist besser. Die Wahl des Ausbildungspfades „praxisorientiert, anwendungsorientiert oder wissenschaftlich“ ist doch keine irreversible Entscheidung zwischen sich ausschließenden Alternativen! Vielmehr ergänzen sich diese drei Ausbildungstypen sowohl gesellschaftlich als auch in vielen einzelnen Lebensläufen ganz wunderbar. Die Entscheidung ist dann keine des „entweder-oder“ sondern eine der Reihenfolge im persönlichen Lebensweg. Bildungseinrichtungen für alle drei Schwerpunkte sind wichtig. Hochschulen müssen sich dafür noch besser dafür wappnen, auch älteren Studieninteressenten passende Angebote zu unterbreiten. Und Unternehmen öffnen sich auch für ältere Azubis. Den sozialen Druck auf junge Menschen, sofort ein Studium aufnehmen zu müssen und damit womöglich nicht glücklich zu werden, könnten wir so vermindern.

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