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Politikwissenschaft : Marx im Regen

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

Die Theorie spielt in der Politikwissenschaft kaum mehr eine Rolle. Die Mathematik hat das Fach fest im Griff. Doch sie gibt keine Antwort auf Fragen nach Gerechtigkeit.

          5 Min.

          Im Methodik-Seminar für Doktoranden in internationaler Politik an einer britischen Universität: Der Dozent hat seinen ungehaltenen Tag. „Sie wollen normativ arbeiten, sagen Sie? Die akademische Karriere können Sie sich dann aber abschminken!“, blafft er. Der Doktorand sieht betreten zu Boden und murmelt etwas von wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen, die es auf globaler Ebene zu beantworten gelte. Der Dozent lächelt mitleidig: „Jaja, alles schön und gut. Aber wenn Sie in diesem Fach eine Zukunft haben wollen, suchen Sie sich ein quantitatives Projekt. Nur, dass Sie hinterher nicht behaupten, ich hätte Sie nicht gewarnt.“

          Nachdem sich Sozialwissenschaftler in Europa und Amerika von den Schockwellen der Finanzkrise erholt hatten, schien es eine Weile so, als hätte sich im akademischen Diskurs eine Lücke aufgetan. Studenten und Professoren verließen Bibliotheken und Hörsäle und kampierten an der Wall Street, in der Londoner City und im Frankfurter Bankenviertel. Sie protestierten auch gegen eine „allzu simple ökonomische Logik“, der sie vorwarfen, Teile der Gesellschaft in den Abgrund gestürzt zu haben. Das oberste Gebot der Ökonomie, die Idee, dass freie Märkte effiziente Ergebnisse liefern, und die politische Konsequenz, die sich aus dieser Idee entwickelt hatte - dass man mehr Bereiche der Gesellschaft den Kräften des Marktes überlassen sollte - schien in Zweifel gezogen. Ökonomen mussten sich vorwerfen lassen, die Krise nicht vorhergesehen zu haben und keine Lösungen anbieten zu können. Die Debatte über alternative Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle erlebte eine kleine Renaissance.

          Die quantitativen Methoden setzen sich durch

          Trotzdem baut die Wirtschaftswissenschaft ihren Einfluss in den Sozialwissenschaften weiter aus. Vor allem in der Politikwissenschaft haben sich ökonomische Methoden und Argumente so sehr verbreitet, dass die Entwicklung kaum rückgängig zu machen ist. Viele Politikwissenschaftler sehen diese Entwicklung kritisch. „Wir müssen uns mittlerweile vielerorts rechtfertigen, wenn wir unsere politikwissenschaftlichen Thesen nicht mit ökonomischen Argumenten untermauern“, sagt Ulrich Brand, Professor für internationale Politik an der Universität Wien. Andere Formen der Analyse sieht Brand dadurch entwertet.

          Am sichtbarsten ist der Einfluss bisher in Fragen der Methodik. Wie der britische Doktorand erfahren musste, setzen sich in der traditionsreichen Diskussion um die richtigen Forschungsansätze zunehmend diejenigen durch, die für quantitative Methoden plädieren. Gerade Forscher, die international Erfolg haben wollen, müssen sich danach richten. „In ,International Organisation‘, dem globalen Flaggschiff unter den politikwissenschaftlichen Journalen, können Sie nur veröffentlichen, wenn Sie mathematisieren“, sagt Brand. Dabei geht es nicht nur um statistische Erhebungen, die für die Arbeit der vergleichenden Politikwissenschaft oder auch der politischen Soziologie seit je wichtig waren. Stattdessen bauen auch Politikwissenschaftler immer öfter mathematische Modelle, um das Verhalten von Wählern, Politikern oder Staaten zu erklären. Dahinter steht in vielen Fällen die Annahme, dass die mit Mathematisierung verbundene Berechenbarkeit die Forschung wertneutraler und damit „wissenschaftlicher“ macht.

          „Es ist schon schwer zu akzeptieren, wenn einem der Dozent sagt, nur das, was sich in Zahlen ausdrücken lasse, sei Wissenschaft“, sagt eine Doktorandin. Dabei sind die Modelle der Politikwissenschaftler genauso wenig „neutral“ wie die der Ökonomen: Um überhaupt mathematische Berechnungen über politische Prozesse anstellen zu können, braucht man eine Vielzahl von Annahmen. Die wichtigste davon ist, dass ein zentraler Akteur identifiziert werden kann, der sich seinen Präferenzen entsprechend rational verhält - die klassische Hauptfigur der Wirtschaftswissenschaft also, der „homo oeconomicus“.

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