https://www.faz.net/-gyl-vy5y

Plagiate in der Wissenschaft : Die niedrige Kunst des Abschreibens

  • -Aktualisiert am

Ethik der Kopierstube: Hauptsache veröffentlichen? Bild: Getty

Studenten sollen korrekt zitieren - wie aber steht es mit Professoren? Wer Schöpferruhm genießt, steigt bei Zitiersünden zur Person der Zeitgeschichte auf. Und muss sich fragen lassen, wie er's mit der Buße hält.

          7 Min.

          Seit dem neunzehnten Jahrhundert stellen sich Recht und Ethik auf die moderne Vorstellung künstlerisch-wissenschaftlichen Schöpfertums ein. Was von fremden Autoren entliehen ist, hat diesen bei wörtlichem Zitat die Ehre der Anführungszeichen zu geben. Bei bloß sinngemäßem Zitieren oder einer Paraphrase reicht ein imperatives "vgl." oder "siehe". Mit Hinweis auf die Quelle. Ganz gleich, ob es sich um eine Passage aus der "Kritik der reinen Vernunft" (sicher Kant), einige Zeilen aus "Über allen Gipfeln ist Ruh" (nicht zweifelsfrei Goethe), um die Anleitung zur "sanften Geburt" (ursprünglich Leboyer) oder das Rezept für die "magische Kohlsuppe" (nach Witzigmann) handelt, stets muss der Schreiber sich vor dem Schöpfer verbeugen, will er nicht am Ende als Plagiator oder Ideendieb dastehen.

          Die mitunter als lästig empfundenen Regeln der Zitierethik dienen der modernen Wahrheitssuche. Und der diese wie ein Schatten begleitenden Furcht, der Autor könnte nicht der wahre Urheber sein. Auctor semper incertus. Zur Sicherung der irdischen Schöpfung von Texten trat der Ethik der Anführungszeichen alsbald der Urheberschutz zur Seite. Spuren der Verrechtlichung des geistigen Eigentums führen 1886 zum Berner Übereinkommen, von dort 1994 zum "Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums" (TRIPS) im Rahmen der WTO sowie zu nationalen Gesetzen.

          Schutz des Urhebergesetzes

          In Deutschland regiert das Urhebergesetz (UrhG), das alle "persönlichen geistigen Schöpfungen" im Sinne dieses Gesetzes in Schutz nimmt. So verlangt Paragraph 63 I UrhG bei Zitaten eine deutliche Quellenangabe. Kommentatoren und Gerichte benennen die "unbewusste Entlehnung" und das "Plagiat" als zivilrechtliche Urheberrechtsverletzungen, die das Reich der "freien Benutzung" (Paragraph 24) und des "zulässigen Zitats" (Paragraph 51) verlassen. Beim Plagiieren drohen strafrechtliche Folgen. Trotz dieser für Ideendiebe misslichen Lage bleiben Plagiate nicht aus. Getrieben von Schöpferehrgeiz, Eitelkeit, Konkurrenz, vergehen sich Autoren immer wieder an fremdem Geistesgut. In der Zitadelle der Wissenschaft stehen dieser Tage unter Verdacht: der ehemalige Direktor des Fraunhofer-Instituts für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen und Wirtschaftswissenschaftler Hans-Werner Gottinger sowie die Rechtswissenschaftler Hans-Peter Schwintowski in Berlin und Alex Wirth in Darmstadt. Sie bilden vermutlich nur die Spitze eines mit dem Zitiergebot kollidierenden Eisbergs.

          Freilich dürfen sich die Ertappten nicht beklagen, dass sie als professorale Vorbilder von besonderem Interesse sind. Wer Schöpferruhm genießt, steigt bei Zitiersünden zur Person der Zeitgeschichte auf. Und muss sich fragen lassen, wie er's mit der Buße hält. Ein beherztes "Mea culpa" und ein wenig Asche aufs Haupt, gefolgt von tätiger Reue, die den wahren Autoren am Ende die gebotene Schöpferwürde nachreicht, damit ließe sich jener moderne Geist fürs Erste besänftigen. Schließlich gibt es Schlimmeres als die singuläre, wenngleich "unbefugte Verwertung unter Anmaßung der Autorschaft". Massenhafte Produktpiraterie in China etwa.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Machtkampf im Indo-Pazifik : Säbelrasseln in der Wachstumsregion

          In Asien ist der Machtkampf im Wirtschaftsraum der Zukunft in vollem Gange. China weitet seinen Einfluss aus – auch mit umstrittenen Bauvorhaben. Andere Länder reagieren mit einem Schulterschluss. Und Deutschland sucht in dem Streit nach seiner Rolle.

          Blinken und Lawrow in Genf : Die Suche nach dem richtigen Weg

          Nach dem Treffen der Außenminister Antony Blinken und Sergej Lawrow in Genf ist die Rede von einem besseren gegenseitigen Verständnis. Doch es fehlen konkrete Schritte der Deeskalation im Ukraine-Konflikt.