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Plagiate : Der Fall Guttenberg und die Lehren

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Akademische Sondereinheiten in Amerika

In den Vereinigten Staaten dagegen beschäftigen Universitäten Spezialisten in sogenannten „Offices of Research Integrity“. Diese funktionieren wie akademische Sondereinheiten, die ausschließlich für die Kontrolle des korrekten wissenschaftlichen Verhaltens von Studenten zuständig sind. In Deutschland dagegen sind Prüfer und Gutachter selbst für die Plagiatskontrolle zuständig. „Wenn man dann hört, dass ein Doktorvater übernommene Passagen aus der eigenen Habilitationsschrift nicht wiedererkennt oder man ganze Netzwerke von Kollaborateuren in einer Forschungsgruppe aufdeckt, dann sieht man, dass viele Unis weiterhin ein tiefgreifendes Problem haben“, sagt Gerhard Dannemann, Juraprofessor am Großbritannien-Zentrum der Berliner Humboldt-Universität.

Dannemann muss es wissen. Seit Jahren engagiert er sich bei den Plagiatsjägern von „VroniPlag Wiki“ - einem losen Verband von Freiwilligen, die sich im Internet zusammengefunden und seither Dutzende Doktorarbeiten nach heimlich übernommenen Passagen aus fremden Quellen durchforstet haben. Diese Form der freiwilligen wissenschaftlichen Kontrolle hatte hierzulande durch zu Guttenbergs Plagiatsskandal den nötigen Auftrieb erhalten. Die abgeschriebenen Passagen in der Arbeit des Verteidigungsministers waren nämlich nicht etwa seinem Doktorvater aufgefallen - der hatte zu Guttenberg gar ein „summa cum laude“ bescheinigt. Nein, ein Jura-Professor aus Bremen hatte beim Googlen einen Zufallsfund gemacht. Um das Plagiat vollständig zu belegen, gründeten Freiwillige die Plattform „GuttenPlag Wiki“ und durchsuchten dort gemeinsam zu Guttenbergs Arbeit - Satz für Satz.

In gleicher Tradition führen das die Macher von „VroniPlag“ bis heute fort. Der Name soll eine Anspielung auf Edmund Stoibers Tochter Veronica sein, deren Arbeit das Kollektiv als Erstes unter die Lupe nahm. Die Zitat-Kontrolleure von „VroniPlag“ waren in den vergangenen Jahren fleißig. Zu Guttenberg blieb deshalb auch nicht der Einzige, der seinen Titel abgeben musste: Seit seinem wissenschaftlichem Fehltritt flogen die Plagiate weiterer Politiker auf, darunter Silvana Koch-Mehrin (FDP), Matthias Pröfrock (CDU) und Annette Schavan (CDU).

Vorbeugen ist wichtig

Zuletzt haben die Plagiatsjäger nicht mehr nur die Arbeiten von Politikern und Berühmtheiten ins Visier genommen, sondern eher die von Wissenschaftlern. „Viele von ihnen betreuen heute selbst Doktoranden“, sagt Dannemann. „Für die Qualität der Wissenschaft ist das fatal.“ Die Rechercheure von „VroniPlag“ deckten in den vergangenen fünf Jahren mehrere Dutzend Plagiate von heutigen Wissenschaftlern auf. Besonders viele Fälle meldeten sie an das Universitätsklinikum Charité in Berlin und an die Uni Münster.

An der Charité hat man darauf reagiert. Zum einen scannt dort nun eine Anti-Plagiat-Software sämtliche Habilitationsschriften und einen großen Teil der Doktorarbeiten. „Finden wir Hinweise auf Plagiate, überprüfen wir die Arbeit gründlich“, versichert Volker Bähr von der Geschäftsstelle Gute Wissenschaftliche Praxis an der Charité. Dann kontrolliert die Uni nicht nur die Zitate, sondern schaut auch die Originaldaten an. Zum anderen müssen Doktor- und Habilitationsanwärter an der Charité nun Lehrveranstaltungen zu guter wissenschaftlicher Praxis besuchen.

Letztlich - und da sind sich nahezu alle Universitätsangestellten einig - werden sich auch in Zukunft Plagiate nicht vollends verhindern lassen. Es helfe vor allem vorzubeugen, bestätigt HRK-Vizepräsidentin Ulrike Beisiegel. Nicht nur in entsprechenden Kursen zum wissenschaftlichen Arbeiten und durch eine intensive Betreuung von Studenten. Auch das Lehrpersonal selbst sollte regelmäßig trainiert werden, um Plagiate und mangelnde wissenschaftliche Sorgfalt erkennen zu können: „Die Betreuer einer Arbeit sind verantwortlich für die wissenschaftliche Qualitätskontrolle“, sagt Beisiegel. Ihre Universität in Göttingen bietet deshalb mittlerweile sogenannte Teach-the-Teacher-Seminare an. Dort übt das Lehrpersonal für den Ernstfall.

Guttenbergs Uni bleibt in der Deckung

Nicht nur der damalige Bundesverteidigungsminister wurde im Skandaljahr 2011 durchgeschüttelt. Auch die Universität Bayreuth, an der Karl Theodor zu Guttenberg überhaupt erst zu Dr. Guttenberg geworden war, machte im 36. Jahr nach ihrer Gründung einiges mit. Sie war von der Lawine, die damals losgetreten wurde, überrollt worden. Und eine gewisse Vorsicht, womöglich auch Misstrauen und Ermüdung, sind angesichts der damaligen Verwerfungen sogar heute noch spürbar. Jedenfalls sah sich - fünf Jahre nach dem Fall Guttenberg - kein Uni-Vertreter in der Lage, etwas darüber zu sagen, ob die Ereignisse noch nachwirken, ob sie die Studenten dort auch im Jahr 2016 beschäftigen oder ob es einmal wieder Kontakt zum ehemaligen Doktoranden zu Guttenberg gegeben habe. Es sei doch alles gesagt, so die Haltung in Bayreuth, auch wenn das schon eine ganze Weile her ist. Mit der Entziehung des Doktortitels, der internen Aufbereitung des Falls und dem Abschlussbericht der Kommission „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“ im Mai 2011 betrachtet man den Fall alles in allem als erledigt. Spätestens jedenfalls mit einer Publikation der Universität im vergangenen Sommer, 40 Jahre nach ihrer Gründung. Darin gibt es ein paar Seiten zum schlimmen Jahr 2011, für 19,95 Euro könne sich jeder die insgesamt 240 Seiten starke Rückschau kaufen. Immerhin, so die Selbstwahrnehmung, habe die unmittelbar betroffene Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät ihre Promotionsordnung gründlich reformiert und die gesamte Universität eine Vorreiterrolle bei der akademischen Bewältigung der Affäre gespielt. Zusammengefasst: Einen bleibenden Schaden für die Reputation der Universität in der Wissenschaft, bei den Studenten oder in der Öffentlichkeit könne man nicht erkennen. Allerdings war man so ehrlich zuzugestehen, dass damals nicht die eigene Aufklärungsarbeit, sondern vor allem der zum Teil schreckliche Lauf der Welt wieder etwas mehr Ruhe auf den Campus gebracht habe: „Erst das Erdbeben und der Atomunfall in Fukushima lenkte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit endgültig auf andere Dinge.“ Was die schwierige Kommunikation nach außen angesichts einer aufgewühlten und fordernden Öffentlichkeit betrifft, klingt die Rückschau immer noch sehr aktuell: Sie sei wahrlich „nicht perfekt“ gewesen. (umx.)

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