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Physiotherapie als Studienfach : Massieren kann man studieren

  • -Aktualisiert am

Akademiker oder Hilfsarbeiter? Physiotherapeuten haben gegenüber Medizinern oft einen schweren Stand. Bild: Wonge Bergmann

Auch Physiotherapie entwickelt sich in Deutschland langsam zu einer akademischen Disziplin. Doch die Ärzte mauern. Denn sie fürchten die neue Konkurrenz.

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          Im vergangenen Wintersemester startete die Fachhochschule Fulda einen Studiengang, der vielen Ärzten gar nicht gefallen dürfte. In Fulda können sich jetzt Studieninteressierte einschreiben, um Physiotherapie an einer Hochschule zu studieren. Was in vielen anderen Studienfächern seit Jahrzehnten vollkommen gewöhnlich ist, gleicht aus der Perspektive der Physiotherapeuten einem Erdrutschsieg. Denn zuvor hatten angehende Physiotherapeuten nur ein berufsbegleitendes Aufbaustudium machen können. Kneten, Drücken und Massieren lernten die 130.000 in Deutschland praktizierenden Physiotherapeuten an Schulen. So ist es bis heute. Aber mit Studiengängen wie dem an der FH Fulda gibt es nun erstmals Alternativen zum bisherigen Berufsweg..

          Die Akademisierung der Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie - ähnlich wie auch der Pflegeberufe, über die diese Zeitung kürzlich berichtet hatte - schreitet in Deutschland langsam voran. Und ob das Recht auf akademische Lehre für Physiotherapeuten dem Patienten nutzt, darüber könnten die Meinungen von Ärzten und Therapeuten nicht unterschiedlicher sein. „Die Akademisierung der Physiotherapie darf kein Selbstzweck sein“, sagt Theodor Windhorst, ein Vorstandsmitglied in der Bundesärztekammer. Er sieht durch eine übermäßige Akademisierung der Therapie sogar das Wohl der Patienten gefährdet.

          Die Sorge der Ärzte ist letztlich eine über eigenen Machtverlust in den strengen Hierarchien der Kliniken. Denn viele Ärzte sorgen sich, dass die Therapeuten mit Hochschulabschluss in Zukunft nicht mehr bereit sein könnten, die Anweisungen eines Arztes auszuführen. Sie sehen das Diagnosevorrecht der Ärzteschaft - Arzt diagnostiziert das Leiden, Therapeut behandelt es - als die einzige Möglichkeit, dem Patienten eine sichere medizinische Versorgung aus einer Hand zu gewähren. Ganz nach dem Motto: Zu viele Köche verderben den Brei. Das Diagnosevorrecht zeigt sich allerdings nicht nur in der Weisungsbefugnis, sondern auch auf dem Gehaltszettel.

          In Großbritannien längst akademisch

          Zwar sind Physiotherapeuten per Gesetz dazu verpflichtet, einen Patienten nach Anweisungen des Arztes zu behandeln, aber ein Erstarken der sogenannten Therapiewissenschaften könnte den Physiotherapeuten einen größeren Einfluss geben: Mit ihrer eigenen Forschung könnte die Physiotherapie beweisen, dass auch Therapeuten wissenschaftlich fundierte Diagnosen stellen können. Und so dem Gesetzgeber zeigen, dass auch sie diagnostizieren dürfen. „Die Physiotherapie gilt in Deutschland immer noch als Hilfsberuf“, klagt Udo Wolf, Professor für Physiotherapie an der Hochschule Fulda.

          Laut Wolf braucht die Physiotherapie endlich eigene Grundlagenforschung: Wie entspannt sich ein Muskel? Wie kann man eine Wirbelsäule drehen? „Mediziner verstehen unter Grundlagenforschung die Biomedizin, Physiotherapeuten die Bewegung des Körpers“, sagt Wolf. Die eigene Forschung könnte es Physiotherapeuten erlauben, Diagnosen und Behandlungsmethoden zu entwickeln und diese erstmals mit Studien zu untermauern. So würden Therapeuten in Wettbewerb mit forschenden Orthopäden und Chirurgen treten.

          Im europäischen Ausland ist genau das schon länger der Fall. In den Niederlanden und in Großbritannien gehört die Physiotherapie, genau wie die Krankenpflege und auch die Ergotherapie, längst zu den akademischen Wissenschaften mit eigener Forschung, eigenen Publikationen und einer regen Debattenkultur zwischen den Medizinern und den Therapeuten. In Deutschland hingegen pochen die Ärzte und ihre Verbandsfunktionäre schon seit Jahrzehnten erfolgreich darauf, dass die Medizin die einzige akademische Disziplin im Gesundheitswesen sein soll.

          90 Prozent sollen weiter Hilfsarbeiter bleiben

          Im Jahr 2012 sprach sich allerdings erstmals ein Staatsgremium für die Akademisierung der Physiotherapie aus. So empfahl der von Bund und Ländern berufene Wissenschaftsrat eine akademische Bildung von zehn bis zwanzig Prozent der Therapeuten in Deutschland. Sonst werde den immer komplexer werdenden medizinischen Aufgaben in der Therapie nicht mehr adäquat nachzukommen sein. Vertreter der Bundesärztekammer sind da weiterhin anderer Meinung. Zwar sehen auch sie, dass eine Akademisierung der Therapeutenberufe von Vorteil sein kann. Schließlich könne man so die Attraktivität des Berufs steigern und den Fachkräftemangel abfedern. Doch die Bundesärztekammer stimmt nur einer teilweisen Akademisierung der Physiotherapie von zehn Prozent zu. Sprich: 90 Prozent der Physiotherapeuten sollen weiterhin Hilfsarbeiter der Ärzteschaft ohne ein Hochschulstudium bleiben.

          Bis die Quote von zehn Prozent erstmals überschritten werden könnte, werden allerdings noch einige Jahre vergehen. Der Deutsche Verband für Physiotherapie (ZVK) registrierte in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren gerade einmal 2759 Physiotherapeuten mit einem Bachelor-Abschluss, von denen der Großteil ein Aufbaustudium absolviert hatte. Hinzu kommen knapp 500 Therapeuten mit Master-Abschluss oder einem Diplom. Das entspricht gerade einmal 2,3 Prozent aller Physiotherapeuten in Deutschland.

          Die weitere Akademisierung wird auch dadurch gebremst, dass studierte Physiotherapeuten oft gar nicht promovieren dürfen. Denn es gibt ausschließlich Physiotherapie-Studiengänge an Fachhochschulen oder an privaten Universitäten - ihnen fehlt das Promotionsrecht, das den Universitäten vorbehalten bleibt, auch wenn erste Länder es bald auch den Fachhochschulen verleihen möchten. Wo aber keine qualifizierten akademischen Lehrer sind, gestaltet sich der Aufbau neuer Studiengänge als relativ schwierig. Therapeuten wie Verbände versuchen schon seit genau 13 Jahren das Fach an den medizinischen Fakultäten der Universitäten zu etablieren. Doch das will nicht gelingen. „Es scheitert an der mangelnden Motivation der medizinischen Fakultäten“, behauptet die ZVK-Vorsitzende Ute Mattfeld. „Und es scheitert am Budget der Unis.“

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