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Pflegestudiengänge : Akademisierter Wundmanager

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Wie viel Studium braucht der Pflegeberuf? Bild: dpa

Die Altenpflege gilt als zukunftssicherer Beruf. Fast alle, die ihn ausüben, haben eine Ausbildung. Doch es gibt auch Studiengänge. Denn die Pflege-Lobby strebt eine Akademikerquote an. Das ist umstritten.

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          Sie besprüht die Mundhöhle des Patienten mit Wasser, streichelt und bettet ihn, doch er kann sich nicht mehr bedanken: Für den Krebspatienten, 82 Jahre alt, ist es die letzte Nacht seines Lebens. Für die Pflegerin Sabrina Seider, 23 Jahre alt, ist es erst eine der ersten Nachtwachen bei ihrem neuen Arbeitgeber, dem Hospiz Sinus in Hamburg. Seider ist eine gelernte Altenpflegerin. Das ist ein Beruf, der in den „Wenn-ich-einmal-groß-bin-Spielen“ der Kinder nicht stattfindet und auf keiner Hitliste der Schulabsolventen steht. „Das ist kein Traumberuf“, sagt Seider selbst. Sie hat ihn trotzdem gewählt. Es hat einen recht praktischen Grund, warum sie sich im Alter von 17 Jahren dafür entschied. Der Rest ihrer Familie musste umziehen, aber die Realschülerin wollte lieber in Hamburg bleiben, suchte eine neue Bleibe und fand ein Schwesternzimmer in einem Altenpflegeheim. Gerade 18 Jahre alt, begleitete sie dort erstmals eine sterbende Frau, und das gelang ihr ohne abgeschlossene Fachausbildung - ein Schlüsselerlebnis: „Es war ganz entspannt und friedlich, der Atem hat sich verändert, ich habe ihr gesagt, was ich für angemessen hielt.“

          Die Kernfrage, über die sich Wissenschaftler, Ausbilder, Berufsverbände und Politiker derzeit streiten, lautet: Braucht man für die Arbeit von Sabrina Seider trotzdem ein Studium, oder reicht schon eine auf zwei Jahre verkürzte Ausbildung zum staatlich anerkannten Altenpfleger? An der Universität Bielefeld ist man der Meinung, ein Studium wäre gut. „Überall in der EU ist man schon weiter, der Grad an Akademikern höher, und eine Pflegeausbildung setzt das Abitur voraus. In Großbritannien beispielsweise hat bereits die gesamte Pflegebildung akademisches Niveau“, sagt Doris Schaeffer. Die Bielefelder Professorin für Gesundheitswissenschaften hat sich bundesweit Pflegestudiengänge angesehen und international verglichen. Etwa duale Modelle mit der praktischen Ausbildung in den Laboratorien der amerikanischen Hochschulen. Deutschland hinke weit hinterher, so ihr Fazit. „Wir müssen sehen, dass wir in eine international anschlussfähige Ausbildung kommen, das stärkt auch das Image des Berufs.“

          „Ein Akademiker ist nicht automatisch besser als ein Azubi“

          Auch wenn eine Vollakademisierung des Berufs in Deutschland noch in weiter Ferne liegt und gerade einmal ein bis zwei Prozent der Pflegekräfte in Altenheimen, Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäusern einen Hochschulabschluss besitzen, haben die Ausbildungsangebote auf einer akademischen Basis zugelegt. Inzwischen bieten rund 40 Standorte, überwiegend Fachhochschulen, grundständige duale Bachelorstudiengänge an. Hinzu kommen Masterstudiengänge, die sich mit Managementfragen und Pflegepädagogik befassen: „Die genaue Zahl kennen wir nicht, es gibt ständig Neu- und Weiterentwicklungen“, sagt selbst eine Sprecherin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe.

          Pflege studieren lässt sich etwa an dem Standort, an dem Sabrina Seider arbeitet. Schon 1996 hatte die Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg einen Diplomstudiengang Pflege entwickelt. Infolge des Bologna-Prozesses ist es nun das „Department Pflege und Management“, das vier Studiengänge anbietet: Für Berufseinsteiger den „Dualen Bachelor Pflege“, für erfahrene Pflegende berufsbegleitend den grundständigen Studiengang „Pflegeentwicklung und Management“ oder die Masterstudiengänge „Sozial- und Gesundheitsmanagement“ sowie den Master in Pflege. Den dualen Studiengang Pflege führt die Hochschule in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Eppendorf oder dem Diakoniewerk durch. Die Studierenden sind zugleich Auszubildende, die praktische Erfahrungen in der vorlesungsfreien Zeit sammeln.

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