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Open Access : Der goldene Weg zur freien Wissenschaft

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Recherche in der Bibliothek: Längst nicht alle wichtigen Journale sind überall erhältlich. Bild: Picture-Alliance

Wissenschaftliche Journale sind teuer. So teuer, dass viele Unis sich nicht mehr alle gewünschten Titel leisten können. Bietet das Internet den Ausweg?

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          Ob für eine Hausarbeit, die Promotion oder andere Forschungsprojekte, der Zugriff auf wissenschaftliche Zeitschriften ist immer nötig. Doch nicht immer hat die Universität alle Journale abonniert, die Studenten gerade brauchen. In einem solchen Fall landen sie vor einer digitalen Bezahlschranke und müssen bis zu 50 Euro für einen einzelnen Artikel aufwenden. Ein frustrierendes Erlebnis, das vermutlich fast jedem (angehenden) Wissenschaftler bekannt ist.

          Alexandra Elbakyan griff zu drastischen Mitteln. Vor fast fünf Jahren rief die kasachische Neurowissenschaftlerin aus Protest Sci-Hub ins Leben, nach eigenen Aussagen die „erste Piraterie-Website, die öffentlichen Massenzugang zu Millionen Fachbeiträgen ermöglicht“. Mehr als 48 Millionen wissenschaftliche Artikel sind mittlerweile über die Datenbank kostenlos erhältlich. Legal ist das Angebot nicht. Entweder werden die Beiträge direkt aus der rechtlich gesehen ähnlich problematischen Datenbank Library Genesis (LibGen) abgerufen und als PDF angezeigt. Falls das misslingt, werden die Bezahlschranken der Verlage mit Hilfe von Zugangsdaten umgangen, die sympathisierende Wissenschaftler Sci-Hub zur Verfügung stellen. Doch Elbakyan sieht sich im Recht. Das „Entfernen von Barrieren in der Wissenschaft“ sei ihr Ziel, weist die Website aus, sowie das „Bekämpfen ungleicher Zugangsschancen“. Selbst eine erfolgreiche Copyright-Klage vom Großverlag Elsevier konnte sie bisher nicht dazu bewegen, die Seite abzuschalten. Derweil nutzen Wissenschaftler auf der ganzen Welt das Angebot mit ungebremster Begeisterung: Täglich werden mehrere hunderttausend Artikel heruntergeladen.

          Elbakyan gilt als radikale Vertreterin der Open-Access-Bewegung. Open Access fordert unmittelbaren, unbeschränkten und freien Zugriff auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Ein Grundsatz, dem das vorherrschende Subskriptionsmodell im Weg steht. Das Modell und insbesondere die Platzhirsche im wissenschaftlichen Verlagswesen Elsevier, Springer, Wiley und Taylor & Francis werden seit Jahren harsch kritisiert: Horrende Preise, Ausnutzen der Marktmacht, unverhältnismäßig hohe Gewinnmargen, mangelnde Transparenz - die Liste mit Vorwürfen ist lang.

          Die Preise steigen weiter

          Es lohnt ein Blick auf die Historie der Verlage, um die Debatte zu durchschauen: Seit Beginn der sechziger Jahre wurde das wissenschaftliche Publikationswesen zunehmend privatisiert und kommerzialisiert. Die Einführung des Science Citation Index (SCI) im Jahr 1963 ermöglichte es, für die verschiedenen Disziplinen die jeweils relevantesten Beiträge zu ermitteln. Das war die Geburtsstunde der sogenannten Core Journals, Zeitschriften, die den aktuellen Stand der Forschung abbildeten und damit zunehmend unverzichtbar wurden. Wissenschaftler, die relevante Forschung betreiben und sich einen Namen machen wollten, kamen an ihnen schlichtweg nicht mehr vorbei. Bis heute hat sich daran wenig geändert. Der sogenannte Impact Factor eines Journals ist dabei entscheidend; das ist eine Zahl, deren Höhe den Einfluss einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift wiedergibt und sich vor allem danach richtet, wie oft die Artikel in anderen Zeitschriften zitiert werden. Veröffentlichungen in Zeitschriften mit hohem Impact Factor sind ein Hauptkriterium bei der Vergabe von Professuren und Drittmitteln und in Hochschul-Rankings.

          Diese Entwicklung ließ das wissenschaftliche Verlagsgeschäft ab Ende der sechziger Jahre in profitablerem Licht erscheinen. Journale wurden in großen Mengen von Verlagen aufgekauft, der Markt verdichtete sich, die Preise stiegen rapide und strapazierten die Bibliotheksbudgets. Schätzungsweise 40 Prozent aller von einem Expertengremium ausgewählten, sogenannten peer-reviewed articles werden mittlerweile von nur drei Verlagen herausgegeben: Elsevier, Springer und Wiley. Jeder der Verlage vereint mehr als 2000 Zeitschriften unter seinem Hut. Ein OECD-Bericht von 2005 spricht von einer Preissteigerung um 180 Prozent in den neunziger Jahren. Eine Schätzung, die auf Daten der amerikanischen Association of Research Libraries beruht, geht von einem Anstieg um 273 Prozent zwischen 1986 und 2004 aus.

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