https://www.faz.net/-gyl-yrln

Neue Medien : Die Vorlesung gibt's auch auf Facebook

Bild: F.A.Z. / Tresckow

Viele Dozenten an Deutschlands Hochschulen trauen den neuen Medien nicht. Dabei zeigt ein Beispiel aus Osnabrück, wie die Technik Lehrenden und Lernenden das Leben erleichtern kann.

          3 Min.

          So harmlos können Revoluzzer aussehen. Mit seinen sorgsam gescheitelten grauen Haaren, seiner schmucklosen Brille und dem bodenständig nordrhein-westfälischen Ton in der Stimme ginge Oliver Vornberger glatt als unverdächtiger Studienrat auf dem routinierten Weg zur Pension durch. In Wirklichkeit aber ist er Professor am Institut für Informatik der Universität Osnabrück - und seine Ideen für eine bessere Lehre dürften viele Hochschullehrer in Deutschland vor den Kopf stoßen. Denn anstatt über den ausufernden Gebrauch von Facebook und Twitter seitens der Studenten zu klagen, die sich dank drahtloser Netzwerke in vielen Hörsälen gerne während trockener Vorlesungen im Internet tummeln, macht sich Vornberger das Netz zunutze. Und anstatt mit bedauerndem Kopfschütteln über gesunkene Aufmerksamkeitsspannen und Lesefähigkeiten zu jammern, liefert er seinen Studenten den Lehrstoff häppchenweise als Video auf ihr iPhone oder auf eine Facebook-Seite, wo sie mit Gleichgesinnten in Echtzeit darüber chatten können.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Drei Bausteine hat Vornberger zusammen mit den Technik- und Didaktikprofis vom Osnabrücker Zentrum für Informationsmanagement und virtuelle Lehre, das unter dem schönen Namen „Virtuos“ firmiert, entwickelt. Als „Autorensystem zur Erstellung von multimedial angereicherten Lehrmaterialien“ bezeichnen sie das Programm Media-2-Mult, das Kernstück der Osnabrücker Lehrrevolution. Hinzu kommen das Programm Virt-Presenter, ein System zur Aufzeichnung von Vorlesungen, und ein sogenanntes Classroom-Quiz, mit dem Dozenten spielerisch überprüfen können, ob ihre Studenten in der Vorlesung mitkommen oder nicht: Nach dem Mutiple-Choice-Prinzip von „Wer wird Millionär?“ stehen vier mögliche Antworten auf eine Frage zum Lehrstoff zur Auswahl, mit dem Mobiltelefon können die Studenten im Hörsaal auf A, B, C oder D setzen. Die Daten werden per Bluetooth übermittelt, im Handumdrehen ist ein Säulendiagramm berechnet, das die Verteilung der Antworten auf die mehr oder weniger sinnvollen Optionen zeigt. „Das kann man als Spielerei abtun oder nicht“, sagt Vornberger. „Aber jedenfalls sind zumindest für ein paar Minuten alle im Hörsaal bei der Sache.“ Dieser Pragmatismus ist typisch für seinen Ansatz, und er hat ihm den mit 50.000 Euro dotierten „Ars legendi“-Preis eingebracht, mit dem der Stifterverband für die Wissenschaft jedes Jahr einen didaktisch besonders engagierten Hochschullehrer auszeichnet.

          Zentraler Kritikpunkt ist das Betreuungsverhältnis

          Der Stifterverband verleiht diesen Preis seit dem Jahr 2006, die Diskussion über die mangelnde Qualität der Lehre an Deutschlands Hochschulen wird schon länger geführt. Zentraler Kritikpunkt ist dabei das Betreuungsverhältnis: Auf einen Professor kommen in Deutschland im Durchschnitt fast 65 Studenten. Nicht einmal die Hälfte der Dozenten wiederum wirken nach dem Eindruck der von der Konstanzer AG Hochschulforschung befragten Studenten in ihren Vorlesungen und Seminaren gut auf ihr Thema und ihre Zuhörer vorbereitet. Manche Professoren lesen in ihren Veranstaltungen immer noch wie in alten Zeiten Skripte oder gar Bücher vor. Solange die Hochschule ein Refugium für privilegierte Sprösslinge bildungsbürgerlicher Familien war, hatte das keine schwerwiegenden Folgen. Inzwischen aber lautet das bildungspolitische Ziel, 40 Prozent eines jeden Jahrgangs an Universitäten und Fachhochschulen zu lotsen. Damit möglichst viele von ihnen auch einen Abschluss machen und die Abbrecherquote von derzeit durchschnittlich 20 Prozent - in manchen Fächern sogar knapp 40 Prozent - sinkt, sind nach Ansicht vieler Experten andere Lehrformen nötig.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kreuzung an der Taunustor Ecke Große Gallusstraße

          Brexit-Banker in Frankfurt : Liebe auf den zweiten Blick

          Der Goldman-Sachs-Banker Jens Hofmann ist wegen des Brexits von der Themse an den Main gezogen. Seiner Rückkehr in die Heimat kann er einiges abgewinnen – wie auch dem Wahlerfolg von Boris Johnson.
          Typischer Fall: Ein handelsüblicher Rauchmelder unter der Decke

          Nervig und nützlich : Wenn der Rauchmelder piept

          Seit rund fünf Jahren sind die meisten Deutschen mit Rauchmeldern in ihren Privatwohnungen konfrontiert. Und Konfrontation ist das richtige Wort. Es piept zur Unzeit. Immer wieder. Wir haben uns einmal umgehört.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.