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Neue Berufsfelder : Die Software-Entwickler werden erwachsen

  • -Aktualisiert am

Boombranche: Jeden Tag kommen neue Apps auf den Markt Bild: ZB

Mit dem Erfolg von Smartphones und Tabletcomputern ist ein neues Berufsfeld entstanden. App-Entwickler sind überall gefragt. Doch die nächste technische Revolution verlangt schon nach neuen Spezialisten.

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          „In unserer Branche ist es jetzt richtig schwer, gute Leute zu finden.“ Birger Veit, Geschäftsführer der Hamburger Agentur Cellular, sucht händeringend gute App-Entwickler. Gute, wohlgemerkt. „Es gibt zu viele Glücksritter, die nur behaupten, App-Entwickler zu sein. Ein Informatik-Studium sollte als Voraussetzung schon da sein“, fordert Veit. Seitdem Smartphones und Tabletcomputer so rasant an Bedeutung gewinnen, will beinahe jedes Unternehmen auf den tragbaren Computern mit einer eigenen App präsent sein. Entsprechend schnell ist in den vergangenen drei Jahren der Bedarf an Softwareentwicklern gestiegen, die für Apple, Android und Co. die passenden Miniprogramme schreiben können.

          Die Entwickler haben aber inzwischen reagiert. „Die Nachfrage steigt weiter, kann aber gedeckt werden“, sagt Susanne Schödl vom IT-Portal Gulp, das freie Programmierer für App-Projekte vermittelt. Viele Entwickler haben sich mit dieser Geschäftsidee selbständig gemacht. Heute bestimmen daher viele Kleinstbetriebe den Markt, in dem Unternehmen wie Cellular (80 Beschäftigte) oder Yoc (200 Mitarbeiter) schon zu den Branchengrößen gehören. Hätten sich am Anfang die meisten Entwickler auf die Apple-Plattform iOS gestürzt, sei die Nachfrage nach Entwicklern für Android-Apps, dem Konkurrenzprodukt von Google, inzwischen größer. „Der Trend geht eindeutig hin zu Android“, sagt Schödl. Im Februar 2011 entfielen 59 Prozent der Anfragen, in denen nach Spezialisten für Android, iOS oder Windows gesucht wurde, auf das Google-Betriebssystem. Ein halbes Jahr später sind es laut Schödl schon knapp 75 Prozent. „Das Apple-Betriebssystem iOS kommt nur noch auf knapp 20 Prozent.“ Für Nokias System Symbian gibt es zwar viele Entwickler. „Aber die sind nicht mehr gefragt“, sagt Cellular-Chef Veit.

          „Von der Denke der Hochschullehrer weit weg“

          Die Anforderungen an die App-Entwickler sind hoch. Neben einem Hochschulabschluss und Basiswissen in den gängigen Programmiersprachen müssen sie die Eigenheiten der Plattformen kennen, weshalb sich die meisten Entwickler auf Apple oder Android spezialisieren. Technisch auf dem neuesten Stand zu sein, reicht aber nicht mehr. „App-Entwickler müssen sich eine App vorstellen können und ein Gespür entwickeln, ob sie zur Marke passt. So etwas lässt sich nicht in ein Konzept hineinschreiben. App-Entwickler müssen daher auch kreativ sein“, fordert Veit von seinen Leuten. Das typische Klischee des Softwareentwicklers, der kein Tageslicht mehr sehe und keine sozialen Kontakte pflege, passe nicht mehr in die App-Welt. Das Spezialwissen müssen sich die Entwickler oft selbst beibringen, denn an den Universitäten wird es nicht gelehrt. „Apps sind von der Denke der Hochschullehrer weit weg“, sagt Stephan Pfisterer, Arbeitsmarktfachmann vom Hightech-Verband Bitkom. Ohne Studium stoßen die Entwickler aber schnell an ihre Grenzen, weil ihnen die Hintergründe für komplexe Aufgaben fehlen, sagt er und klagt über den Fachkräftemangel: „Softwareentwicklung ist der Hotspot der Branche. Im Jahr werden 25.000 Entwickler gebraucht, aber nur 16.000 an den Hochschulen ausgebildet.“ In keinem anderen Teil des IT-Arbeitsmarktes sei die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage so groß.

          Die Lücke könnte noch größer werden, denn die App-Welt wird gerade um einen dritten Bildschirm erweitert: Nach Smartphones und Tablets werden die Apps auch auf den Fernsehgeräten Einzug halten. „Smart TV“ heißt die neue Generation der Fernseher, die direkt an das Internet angeschlossen sind und viel Platz für Apps aller Art bieten. „Das Fernsehen wird eine ähnliche Erfolgsgeschichte für die Apps wie die Smartphones“, erwartet Veit.

          Für viele Unternehmen nur unwirtschaftliche Prestigeprojekte

          Allerdings haben Apps, die speziell für ein Betriebssystem gebaut werden, auch einen grundlegenden Nachteil: Sie funktionieren nur auf diesem System. Für andere Plattformen müssen sie komplett neu gebaut werden, was die Kosten in die Höhe treibt. Zudem lassen sich diese Apps nur aufwendig ändern, da sie jedes Mal das Zulassungsverfahren durchlaufen müssen. „Wer sein Angebot täglich ändern muss, kann dies nicht in der App tun. Web-Modelle gehören ins Web“, sagt Dirk Kraus, Chef des Berliner Unternehmens Yoc. Aus seiner Perspektive hat sich die Aufregung um die Apps schon merklich gelegt. Auch Harald Fortmann vom Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) warnt davor, sich blenden zu lassen. „Es gibt etwa eine Million Apps im Markt. Das Schicksal vieler Apps: Sie werden ein- oder zweimal genutzt – dann nie wieder. Die meisten verkümmern im Shop.“

          Für viele Unternehmen hätten sich Apps nur als unwirtschaftliche Prestigeprojekte erwiesen. Daher warnen Kraus und Fortmann junge Entwickler, sich allzu sehr auf Apps zu spezialisieren oder sie gar als Lebensaufgabe zu sehen. „App-Entwickler ist als Berufswahl zu kurz gedacht. Der Markt entwickelt sich wieder weiter in Richtung der mobilen Internetseiten“, sagt Kraus. Diese werden in der neuen Seitenbeschreibungssprache HTML5 gebaut, die viele Fachleuten als die wahre Zukunftstechnik in der Branche sehen. „In drei oder vier Jahren wird der Wandel von der App zum Web vollzogen sein“, erwartet Jörn Reese von Yoc. Dann werden die Inhalte direkt aus dem Internet geholt; das Vorab-Herunterladen kann entfallen, wenn die Übertragungsraten im Mobilfunk weiter so schnell ausgebaut werden. Dann könnte der große App-Boom schon wieder vorbei und das Spezialwissen vieler heutiger Entwickler wertlos sein. Die Branche käme dann mit deutlich weniger App-Entwicklern aus. Die Rückkehr zum Web bedeutet aber nicht, dass gar keine App-Entwickler mehr gebraucht werden. Für anspruchsvolle Anwendungen wie Spiele oder Apps, die direkt auf die jeweilige Hardware zugreifen, werden wohl weiter Entwickler für Apple- und Android-Systeme benötigt.

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