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Wenn Computer komponieren : Mozart aus der Maschine

  • -Aktualisiert am

Macht Künstliche Intelligenz künftig die Komposition kreativer? Oder klingt das wie „aus der Maschine“? Bild: SP Books

Für Hintergrundmusik im Aufzug oder Supermarkt reicht‘s schon. Kann Künstliche Intelligenz Studenten der Komposition auch helfen, alten Meistern nachzueifern?

          5 Min.

          Neulich in Berlin: 250 Managern werden bei einer Veranstaltung drei Werke klassischer Musik vorgespielt. Die Frage: Welches wurde nicht vom Menschen, sondern von Künstlicher Intelligenz (KI) komponiert? Das Ergebnis per Handzeichen zeigt: Mehr als zwei Drittel der Zuhörer konnten es nicht unterscheiden. Die Vorgehensweise Beethovens, mit dem Federkiel Melodien aufs Papier zu bringen, ist in weiten Teilen durch digitale Hilfsmittel abgelöst worden. Sie sind heute auch Inhalt des Kompositions-Studiums.

          Denn Neues zu erschaffen ist mühsam und hängt auch vom Zufall ab. Um diesem auf die Sprünge zu helfen und den kreativen Prozess zu rationalisieren, hatte schon Mozart der Nachwelt die Anleitung für „musikalische Würfelspiele“ hinterlassen, um „so viel Walzer oder Schleifer (...) zu componiren so viel man will, ohne musikalisch zu seyn noch etwas von der Composition zu verstehen“. Dahinter steht die Auffassung, dass Musik eine Zahlenanordnung ist, die man zufällig variieren oder Regeln unterwerfen kann – die also auch als Algorithmen programmiert werden können.

          Das Kompositions-Studium, das an zwanzig Hochschulen in Deutschland angeboten wird, misst der Digitalisierung je nach Ausrichtung des Studienfachs unterschiedliche Bedeutung und unterschiedlichen Umfang zu. An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt etwa wird Instrumental-Komposition gelehrt. Dabei verlangt Orm Finnendahl, Professor für Komposition, von seinen Studenten, dass sie sich „mit den Mitteln unserer Zeit auseinandersetzen“ und sich im Bereich der digitalen Komposition Technik-Kompetenz aneignen.

          Erbarmungslose Konkurrenz

          Dabei beschäftigen sie sich mit algorithmischen Grundlagen und erarbeiten die strukturellen Eigenschaften, simulieren am Rechner und erfinden bei der Programmierung Regeln. „Ich sehe beim Einsatz des Computers den universellen Künstlergedanken von da Vinci: Man muss die Arbeitsweise als Ganzes verstehen, um Zusammenhänge herzustellen“, sagt Finnendahl, der selbst seit mehr als 30 Jahren digital komponiert. Er hält es für unverzeihlich, dass fast keiner seiner Studenten eine Idee davon habe, wie automatisch generierte Musik entstanden sei, die sie ständig auf Youtube hörten.

          Hingegen eignen sich Bachelor-Studenten an der Hochschule für Musik (HfM) Detmold solches Wissen im Schwerpunkt „Elektroakustische und multimediale Musik“ an. Für Aristotelis Hadjakos, Professor für Musikinformatik, ist die Digitalisierung im Kompositions-Studium weniger eine Ablösung von Althergebrachtem als vielmehr eine Ergänzung. Deren Anteil in der Ausbildung sei abhängig von der Informatik-Affinität jedes Studierenden. Die angehenden Komponisten würden im Studium lernen, mit grafischen Programmierumgebungen umzugehen, die einen experimentellen Einsatz ermöglichen. „Damit kann man Notenmuster programmieren und bei Live-Elektronik Klänge dazu spielen“, sagt Hadjakos. Die Software sei in der Lage, sehr schnell sehr viel zu produzieren, und könne mit ihrer hohen Geschwindigkeit unmittelbar auf Musiker reagieren.

          Seine frühere Studentin, die 26 Jahre alte Marina Schlagintweit, hat den Bachelor-Studiengang Komposition abgeschlossen, dessen Frauenanteil unter den Studierenden in Deutschland bei einem Drittel liegt. Sie habe früh angefangen, Musik zu erfinden, und im Studium das Handwerkszeug für digitale Musikproduktion gelernt. „Die Elektronik ist ein Instrument, das ich für jedes Stück neu bauen kann“, sagt die junge Komponistin. „Mir geht es dabei nicht um die Technik an sich, sondern darum, musikalisch auszudrücken, was mich am Leben fasziniert.“

          Die Kompositions-Absolventen befinden sich in einer erbarmungslosen Konkurrenzsituation: Jeder der knapp vierhundert Studierenden in Deutschland hat zum Ziel, nach dem Studium Aufträge zu erhalten und dass die Werke weiterhin aufgeführt werden. Aber „niemand lebt von der Komposition“, zerstört Fabien Lévy, Professor für Komposition an der Hochschule für Musik und Theater (HMT) in Leipzig, jegliche Illusion. „Auch Mozart hat es nicht geschafft, als freischaffender Komponist zu überleben. Und wenn er es nicht schaffte, dann kann es niemand.“ Bis auf wenige Ausnahmen gehe es beim Komponieren von ernster Musik nicht darum, Geld zu verdienen, sondern nur genug Geld zu haben, um weiter komponieren zu können. Dennoch erfreut sich das Studienfach einer wachsenden Beliebtheit, denn laut Statistischem Bundesamt hat sich die Anzahl in den vergangenen zehn Jahren um ein Drittel erhöht. Dabei stammt die Hälfte der Studierenden, die Bachelor-, Masterstudiengang und Meisterklassen belegen, aus Deutschland.

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