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„Moot Court“ für Jurastudenten : Härter als vor Gericht

  • -Aktualisiert am

Nur die Ruhe: Jurastudentin Nina Schwartz vom Team der LMU München stellt sich bei der Vorausscheidung einem Gremium renommierter Experten. Bild: Jan Roeder

Der „Moot Court“ in Washington ist der renommierteste Wettbewerb für angehende Juristen. Wer sich hier präsentieren will, braucht Charisma, viel Wissen und starke Nerven. Es ist eine Probe des Ernstfalls - bis die Tränen fließen.

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          Hätten Gummitiere Gefühle, es wären schmerzhafte Tage für das Schweinchen. So aber erträgt es stoisch, ständig aus der Hosentasche geholt und von nervösen Händen gedrückt zu werden. „Das beruhigt mich irgendwie“, sagt Florian Knerr, Betreuer des Münchner „Moot Court“-Teams, und wiegt das winzige Tier in der Hand. Es hat ihn schon durch das Abitur begleitet, saß beim Staatsexamen in seiner Sakkotasche und flog mit nach Washington, als sein Team es einst in die Endrunde des „Moot Courts“ schaffte. Warum sollte es nicht auch heute Glück bringen?

          Mahja Afrosheh, Celia Diederichs, Clemens Hufeld und Nina Schwartz könnten es jedenfalls brauchen. Die vier Studenten bilden das Team der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, die in diesem Jahr zum ersten Mal den nationalen Entscheid des „Jessup Moot Courts“ ausrichtet. „Moot Court“ bedeutet so viel wie fiktives Gericht und bezeichnet einen Wettbewerb für Jurastudenten. Sie bearbeiten dafür einen erdachten Fall und vertreten jeweils eine der beiden Prozessparteien vor einem Gremium aus bekannten Juristen. Die Idee dazu stammt aus den Vereinigten Staaten und fußt auf der Überzeugung, dass Hörsaal und Hausarbeiten allein noch keinen guten Juristen machen. Es gibt Wettbewerbe zu verschiedenen Rechtsgebieten, doch keiner ist so groß, alt und renommiert wie jener nach dem Richter Philip Jessup benannte zum Völkerrecht. Jedes Jahr nehmen rund 90 Länder und mehr als 600 Universitäten daran teil. Wer es zur internationalen Runde nach Washington schafft, darf sich schon im Studium zur juristischen Elite zählen.

          Kein Wunder, dass Ninas Hände zittern und Mahja noch mal kurz auf der Toilette verschwindet. Nur wenige Minuten trennen beide von dem Moment, auf den ihr Team fast ein Jahr lang hingearbeitet hat - zuletzt bis zu 100 Stunden in der Woche. Tag und Nacht haben sie Urteile gewälzt, Schriftsätze vorbereitet, Plädoyers simuliert und englische Fachbegriffe gepaukt. Nun gilt es, die Nerven zu behalten.

          „Es ist eine Ehre für mich, heute vor diesem Gericht zu stehen“

          An diesem Vormittag übernehmen sie die Rolle der Ankläger in einem Streit zwischen zwei Staaten, der sich um Massenüberwachung und Spionage dreht. Während sie in einem schmucklosen Seminarraum der Juristischen Fakultät auf ihren Einsatz warten, füllen sich die Zuschauerplätze. Doch kurz vor elf Uhr verebbt das Gemurmel schlagartig, gespannte Stille legt sich über den Raum. Die Richter treffen ein, eröffnen die Verhandlung. Ninas Stichwort: Die 21-Jährige steht auf, strafft ihre Schultern und tritt ans Rednerpult. „Es ist eine Ehre für mich, heute vor diesem Gericht zu stehen“, sagt sie und beginnt. In Sekunden verwandelt sich die quirlige junge Frau in eine knallharte Anwältin. 20 Minuten hat sie, um die drei Richter zu überzeugen. Das ist knapp bemessen. Zwar geht es um einen Streit zwischen fiktiven Staaten, doch er dreht sich um sehr reale Fragen: Sind von Whistleblowern geleakte Dokumente als Beweismaterial zulässig? Dürfen Staaten die Politiker eines befreundeten Landes ausspähen? Wie sieht es mit der Massenüberwachung von Bürgern aus? Sind Cyber-Attacken mit einem militärischen Angriff vergleichbar? Und inwieweit ist es zulässig, zum Schutz vor terroristischen Anschlägen in Bürger- und Menschenrechte einzugreifen?

          Von Anfang an klingt Ninas Stimme fest und ruhig. Obwohl die Richter kritisch nachhaken, bringt sie keine Frage aus dem Konzept. Flüssig und in einem Oxford-Englisch, dem man ihr Schuljahr auf einem englischen Internat deutlich anhört, schmeißt sie mit Gerichtsurteilen und Artikeln um sich. Als sie nach Ablauf der Zeit an „Co-Agent“ Mahja übergibt, ist sie spürbar gelöst. Auch Mahja kann in der Rolle der Anklage überzeugen, souverän argumentieren und ihr Wissen präzise abrufen. Die Gegner hingegen bleiben in dieser Vorrunde blass: Sprachlich und inhaltlich können sie nicht mithalten. Welche Universität sie vertreten, weiß zu diesem Zeitpunkt fast niemand im Raum. Um eine objektive Bewertung zu garantieren, tragen alle Teams nur Nummern.

          Im Publikum verfolgen drei junge Männer die Plädoyers gespannter als der Rest: Florian Knerr, Philip Nedelcu und Michael Strecker. Sie sind die Betreuer des Münchner Teams und haben in den Jahren zuvor selbst teilgenommen. Jetzt geben sie ihre Erfahrungen weiter. Sie haben das Team ausgewählt und monatelang auf den Wettbewerb vorbereitet. Der Druck ist in diesem Jahr enorm: nicht nur, dass die LMU den Moot Court ausrichtet. Im vergangenen Jahr hat ihr Team auch die Endrunde in Washington erreicht. „Es ist viel schlimmer, zuzusehen, als selbst da vorne zu stehen“, sagt Michael Strecker. Den Fall mit dem Team vorzubereiten hat ihm trotzdem viel Spaß gemacht, das Thema sei brandaktuell. Tatsächlich sind die Parallelen unübersehbar: Das Prism-Programm, die Causa Edward Snowden und der Abhörskandal um Angela Merkels Handy - all das hat den Fall beeinflusst.

          „Jura ist nicht wie Weitsprung“

          Nach knapp zwei Stunden ist die erste Runde vorbei, die Münchner sind zufrieden. „Gut gemacht“, lobt Coach Florian Knerr. Die Ergebnisse der Vorrunde werden sie erst am nächsten Abend erfahren. Auf sein Gefühl verlassen könne man sich dabei nie. „Jura ist ja nicht wie Weitsprung, wo man einfach messen kann“, sagt er. Dann eilt das Team zur Manöverkritik in die Bibliothek. Zwischen meterhohen Regalen mit dicken Wälzern werden Eindrücke ausgetauscht. „Ich kann jetzt viel besser einschätzen, ob wir richtig vorbereitet sind“, sagt Mahja. Die erste große Anspannung ist weg. Haarzöpfe werden gelöst, Absätze gegen Sneaker getauscht und Krawatten gelockert. Die Coaches geben Tipps: genauer auf Fragen eingehen, mehr auf die Zeit achten, flexibler auf den Gegner reagieren statt sich strikt an das vorbereitete Skript zu halten.

          Während das Team sich bespricht, geht es hinter den Kulissen rund. Für die Organisation sind sogenannte „Bailiffs“ zuständig, Studenten, die Gerichtshelfer spielen. Die Vorjahresteilnehmer Lena Zahner und Quirin Weinzierl kümmern sich darum, dass alles läuft - bei 21 Teams und 32 Richtern keine leichte Aufgabe. Unter den Bailiffs ist auch Maria Monnheimer. Sie promoviert am Lehrstuhl für Völkerrecht und ist vor zwei Jahren für die Uni Heidelberg beim „Moot Court“ angetreten. Ihr Team gewann damals den nationalen Entscheid, sie selbst die Auszeichnung für den besten Redner. Für das Studium habe ihr die Teilnahme viel gebracht: „Wer hier plädiert, fürchtet sich nicht mehr vor mündlichen Prüfungen. Selbst ins Staatsexamen geht man recht entspannt.“

          Anwälte sind stets auch ein bisschen Pokerspieler

          Derweil geht es für die Münchner weiter. Diesmal sind Celia und Clemens in der Rolle der Beklagten an der Reihe. Ihre Gegner entpuppen sich als sehr stark, es ist ein ausgeglichenes Duell. Ob es sich um einen der Angstgegner handelt? Heidelberg, Jena oder Berlin? Diese Universitäten liefern bei „Moot Courts“ meist gute Leistungen. Doch die „Respondents“ lassen sich nicht einschüchtern. Es ist Teil des Spiels, sich die Aufregung nicht anmerken zu lassen. Anwälte sind stets auch ein bisschen Pokerspieler. Die etwas schüchterne Celia spricht sich schnell warm, und dem über zwei Meter großen Clemens gelingt es, seine körperliche Präsenz durch eine entsprechende Argumentation zu unterstreichen. Wie alle Teammitglieder ist er im fünften Semester und hat bisher vor allem Theorie gepaukt. Nun steht er vor Richtern, die manche der zitierten Urteile mitentschieden haben.

          Die Richterbänke bei „Moot Courts“ sind traditionell prominent besetzt. Angelika Nußberger vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ist dabei, außerdem Andreas Paulus vom Bundesverfassungsgericht sowie Abdul Koroma und Bruno Simma, einst Mitglieder am Internationalen Gerichtshof (IGH). „Es ist eine großartige Veranstaltung. Nirgends erlebt man Studenten so gut wie hier“, sagt Nußberger, die bei der Bewertung auf eine stimmige Kombination von Sachargumenten und Auftreten achtet. „Letztlich geht es um Überzeugungskraft“, sagt sie, und dabei spielten neben Kompetenz auch Charisma, Schlagfertigkeit und Präsenz eine Rolle. In dem Wettbewerb sieht sie einen wichtigen Beitrag zum Studium. „Die deutsche Juristenausbildung ist extrem theorielastig, daher sind Praxiserfahrungen besonders wertvoll.“

          Aber sind sie auch realistisch? Professor Bruno Simma war neun Jahre Richter am IGH, er muss es wissen. „Das hier ist härter als die Realität. Vor dem IGH aufzutreten ist weniger fordernd, weil man nicht so spontan reagieren und Zwischenfragen beantworten muss“, sagt Simma, der auch bei der internationalen Runde als „Judge“ fungiert. Das Niveau der Veranstaltung habe in den letzten Jahren stetig zugenommen - gerade in Deutschland, das in Sachen internationales Recht nach dem Zweiten Weltkrieg lange hinterherhinkte. Noch heute ist Völkerrecht kein fester Bestandteil der Ausbildung, sondern muss im Studium als Schwerpunkt gewählt werden. Ganz vorne dabei sind hingegen stets die Vereinigten Staaten, Australien und Singapur.

          Wenn die Tränen fließen

          Woran das liegt? „Da ist zum einen der Sprachvorteil, zum anderen die Rechtstradition“, sagt die ehemalige Teilnehmerin Maria Monnheimer. „Während deutsche Juristen viel Wert auf Sachargumente und Formalien legen, geht es in den USA eher um eine überzeugende und schlüssige Präsentation.“ Insgesamt gleiche der Wettbewerb in der internationalen Runde mehr dem amerikanischen Supreme Court als dem Den Haager IGH. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum mit Ausnahme von Paris noch nie ein europäisches Team in der Endrunde gewinnen konnte.

          Beim Münchner Team fließen derweil die Tränen. Nach dem Halbfinale steht Mahja schluchzend in einer Ecke des Flurs. „Das hat nicht gereicht“, glaubt sie. Ihr Team murmelt tröstende Worte, doch alle sind bedrückt. Es geht um den Einzug ins Finale, und der Traum steht kurz vor dem Zerplatzen. Dabei lief es so gut: In der Vorrunde konnten sie alle Duelle gewinnen und als erstes von acht Teams in die nächste Runde einziehen. Doch im Viertel- und Halbfinale weht ein anderer Wind: Statt vor drei müssen die Studenten nun vor fünf Richtern plädieren, die immer mehr Titel vor dem Namen tragen. Im Publikum sitzen nicht mehr nur Freunde und Familie, sondern auch Vertreter der besten Kanzleien des Landes. Und natürlich werden die Gegner stärker.

          Der „Bailiff“ ruft das Team zurück in den Raum, damit die Richter ihr Urteil verkünden können. Was sie sagen, treibt Nina und Mahja wieder Tränen in die Augen - doch diesmal vor Freude. Damit steht fest: München ist weiter und steht im Finale. Kurz sind sie fassungslos, dann bricht Jubel aus. Hektisch werden Smartphones aus den Taschen gekramt. „Wir fahren nach Washington!“, schallt es kollektiv in die Telefone.

          Das Finale selbst ist damit nur noch Formsache, denn mit München, Hamburg und Bochum lösen die drei Erstplazierten das Ticket nach Amerika. Clemens und Celia übernehmen den letzten Auftritt gegen die Hamburger Bucerius Law School in der Großen Aula der Universität. Diesmal müssen sie in Mikrofone sprechen, beim deutschen Finale geht es pompös zu: schickes Jugendstilambiente, große Bühne, Parkettboden und Marmor. Hunderte Zuschauer sind gekommen, um das Spektakel zu erleben. Sie bekommen eine gute Show: Strenger als die sieben Richter gucken nur die Büsten der bayerischen Könige, die über ihren Köpfen aus der Wand ragen. Obwohl das Team sich gut schlägt, reicht es am Ende nicht ganz: München beendet den Wettbewerb auf Platz zwei. Das trübt die Stimmung keineswegs, für die Endrunde in den Vereinigten Staaten ist alles offen. Und wenn das Team Ende März in den Flieger nach Washington steigt, wird ein kleines, buntes Gummischwein mit an Bord sein.

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