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„Moot Court“ für Jurastudenten : Härter als vor Gericht

  • -Aktualisiert am

Im Publikum verfolgen drei junge Männer die Plädoyers gespannter als der Rest: Florian Knerr, Philip Nedelcu und Michael Strecker. Sie sind die Betreuer des Münchner Teams und haben in den Jahren zuvor selbst teilgenommen. Jetzt geben sie ihre Erfahrungen weiter. Sie haben das Team ausgewählt und monatelang auf den Wettbewerb vorbereitet. Der Druck ist in diesem Jahr enorm: nicht nur, dass die LMU den Moot Court ausrichtet. Im vergangenen Jahr hat ihr Team auch die Endrunde in Washington erreicht. „Es ist viel schlimmer, zuzusehen, als selbst da vorne zu stehen“, sagt Michael Strecker. Den Fall mit dem Team vorzubereiten hat ihm trotzdem viel Spaß gemacht, das Thema sei brandaktuell. Tatsächlich sind die Parallelen unübersehbar: Das Prism-Programm, die Causa Edward Snowden und der Abhörskandal um Angela Merkels Handy - all das hat den Fall beeinflusst.

„Jura ist nicht wie Weitsprung“

Nach knapp zwei Stunden ist die erste Runde vorbei, die Münchner sind zufrieden. „Gut gemacht“, lobt Coach Florian Knerr. Die Ergebnisse der Vorrunde werden sie erst am nächsten Abend erfahren. Auf sein Gefühl verlassen könne man sich dabei nie. „Jura ist ja nicht wie Weitsprung, wo man einfach messen kann“, sagt er. Dann eilt das Team zur Manöverkritik in die Bibliothek. Zwischen meterhohen Regalen mit dicken Wälzern werden Eindrücke ausgetauscht. „Ich kann jetzt viel besser einschätzen, ob wir richtig vorbereitet sind“, sagt Mahja. Die erste große Anspannung ist weg. Haarzöpfe werden gelöst, Absätze gegen Sneaker getauscht und Krawatten gelockert. Die Coaches geben Tipps: genauer auf Fragen eingehen, mehr auf die Zeit achten, flexibler auf den Gegner reagieren statt sich strikt an das vorbereitete Skript zu halten.

Während das Team sich bespricht, geht es hinter den Kulissen rund. Für die Organisation sind sogenannte „Bailiffs“ zuständig, Studenten, die Gerichtshelfer spielen. Die Vorjahresteilnehmer Lena Zahner und Quirin Weinzierl kümmern sich darum, dass alles läuft - bei 21 Teams und 32 Richtern keine leichte Aufgabe. Unter den Bailiffs ist auch Maria Monnheimer. Sie promoviert am Lehrstuhl für Völkerrecht und ist vor zwei Jahren für die Uni Heidelberg beim „Moot Court“ angetreten. Ihr Team gewann damals den nationalen Entscheid, sie selbst die Auszeichnung für den besten Redner. Für das Studium habe ihr die Teilnahme viel gebracht: „Wer hier plädiert, fürchtet sich nicht mehr vor mündlichen Prüfungen. Selbst ins Staatsexamen geht man recht entspannt.“

Anwälte sind stets auch ein bisschen Pokerspieler

Derweil geht es für die Münchner weiter. Diesmal sind Celia und Clemens in der Rolle der Beklagten an der Reihe. Ihre Gegner entpuppen sich als sehr stark, es ist ein ausgeglichenes Duell. Ob es sich um einen der Angstgegner handelt? Heidelberg, Jena oder Berlin? Diese Universitäten liefern bei „Moot Courts“ meist gute Leistungen. Doch die „Respondents“ lassen sich nicht einschüchtern. Es ist Teil des Spiels, sich die Aufregung nicht anmerken zu lassen. Anwälte sind stets auch ein bisschen Pokerspieler. Die etwas schüchterne Celia spricht sich schnell warm, und dem über zwei Meter großen Clemens gelingt es, seine körperliche Präsenz durch eine entsprechende Argumentation zu unterstreichen. Wie alle Teammitglieder ist er im fünften Semester und hat bisher vor allem Theorie gepaukt. Nun steht er vor Richtern, die manche der zitierten Urteile mitentschieden haben.

Die Richterbänke bei „Moot Courts“ sind traditionell prominent besetzt. Angelika Nußberger vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ist dabei, außerdem Andreas Paulus vom Bundesverfassungsgericht sowie Abdul Koroma und Bruno Simma, einst Mitglieder am Internationalen Gerichtshof (IGH). „Es ist eine großartige Veranstaltung. Nirgends erlebt man Studenten so gut wie hier“, sagt Nußberger, die bei der Bewertung auf eine stimmige Kombination von Sachargumenten und Auftreten achtet. „Letztlich geht es um Überzeugungskraft“, sagt sie, und dabei spielten neben Kompetenz auch Charisma, Schlagfertigkeit und Präsenz eine Rolle. In dem Wettbewerb sieht sie einen wichtigen Beitrag zum Studium. „Die deutsche Juristenausbildung ist extrem theorielastig, daher sind Praxiserfahrungen besonders wertvoll.“

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