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Macht der Wissenschaftsverlage : Zugang verweigert

  • -Aktualisiert am

Blick in die Bibliothek der Naturwissenschaften auf dem Campus Riedberg der Goethe Universität in Frankfurt Bild: Lucas Bäuml

Eine Handvoll Verlage dominiert das Geschäft mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Immer mehr Unis tun sich schwer, die hohen Abo-Gebühren zu finanzieren. Ein Dilemma.

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          Access denied. Nikolaus Wöhrl kann nicht mehr auf seine eigenen Texte zugreifen. Die Universität Duisburg-Essen, an der Wöhrl arbeitet, hat das Abonnement von „Diamonds and related Materials“ gekündigt, der wissenschaftlichen Fachzeitschrift, in der Wöhrl veröffentlicht. Der Physiker erforscht Strukturen und Zusammensetzungen von Kohlenstoffschichten wie zum Beispiel Diamanten. „Diamonds and related Materials“ ist keine besonders berühmte oder oft gelesene wissenschaftliche Zeitschrift.

          Sie ist aber die einzig relevante für Wöhrls Fachbereich. Mittlerweile hat die Uni den Zugang zu dem Fachjournal zwar wieder abonniert. Jahre später macht der Vorgang Wöhrl aber immer noch fassungslos: „Das war absurd.“ Viele Forscher stehen vor einem ähnlichen Problem wie Nikolaus Wöhrl: Die sogenannten Journals für ihren Fachbereich sind teuer, das Budget der Unis ist klein, und die Abo-Preise steigen. Immer mehr Hochschulen beenden daher die teuren Abonnements – ihre Forscher sind die Leidtragenden.

          Das erste Journal erschien im Jahr 1665 in Paris. Seitdem sind Abertausende wissenschaftliche Fachzeitschriften in unzähligen Fachbereichen gefolgt. Der Veröffentlichungsprozess ist dabei immer gleich: Zufällig bestimmte Gutachter prüfen die eingereichten Texte auf Herz und Nieren. Falls die Forscher nichts zu beanstanden haben, kann das Journal den Artikel veröffentlichen. Die Rechte gehen dabei an die Wissenschaftsverlage, denen die Journals gehören, über. Weder Autor noch Prüfer erhalten Geld für ihre Arbeit.

          100 Millionen Euro für den Fachmagazin-Zugang

          Der Verleger Robert Maxwell machte daraus in den fünfziger Jahren ein Geschäft. Er hatte verstanden: Wissenschaftler müssen über alle wichtigen Entwicklungen in ihrem Forschungsgebiet laufend informiert sein und ihre Forschungen veröffentlichen. Da es pro Fachgebiet aber oft nur ein relevantes Journal gibt, kann jede Zeitschrift für das Veröffentlichen von wissenschaftlichen Arbeiten ein Monopol etablieren und hohe Preise verlangen. Eine Zeitlang ging das gut: Viele kleine Verlage druckten viele Zeitschriften. Doch im Zuge der Digitalisierung kauften größere Verlage die kleineren auf und übernahmen ihr Geschäft. Heute gibt es noch fünf solcher Verlage.

          Sie dominieren das Geschäft: 100 Millionen Euro pro Jahr bezahlen deutsche Universitäten, um Zugang zu den Fachmagazinen der großen Wissenschaftsverlage zu erlangen. Und das, obwohl die Artikel darin oft von ihren eigenen Wissenschaftlern stammen. Nikolaus Wöhrls „Diamonds and related Materials“ kommt vom größten Wissenschaftsverlag: dem niederländischen Unternehmen Elsevier. Vielen gilt dieser als der rücksichtsloseste Verlag unter den „Big Five“. „Die Zeit“ bezeichnete ihn einmal als eine Art Lord Voldemort: gierig, rücksichtslos, allmächtig.

          Bei vielen Wissenschaftlern ist Elsevier äußerst unbeliebt, auch wegen seines Auftretens: In einem Artikel der niederländischen Zeitung „de Volkskrant“ sagte ein Sprecher: „Wenn Sie der Meinung sind, dass Informationen nichts kosten sollten, gehen Sie zu Wikipedia.“ Elseviers Umsatzrenditen liegen regelmäßig zwischen 30 und 40 Prozent. Elsevier helfe Forschern dabei, „die Wissenschaft voranzubringen“, sagt ein Sprecher auf Nachfrage, und investiere „jedes Jahr in die Entwicklung von Technologien, die Forschern helfen, sich den aktuellen Herausforderungen zu stellen“.

          „Wir sind weiterhin offen für Diskussionen“

          Ein Ärgernis für Unis sind inzwischen die sogenannten Zeitschriften-Bündel. Wenn Universitäten wichtige Zeitschriften der Verlage abonnieren, müssen sie zusätzlich noch etliche Ladenhüter dazukaufen. Die Preise für diese Bündel steigen, in der ganzen Welt waren es in den vergangenen Jahren um fünf bis sechs Prozent pro Jahr.

          Wissenschaftler Nikolaus Wöhrl sagt, mit dem aktuellen System werde Steuergeld verschwendet: Der Staat müsse zuerst für die Forschung zahlen und später abermals, um auf sie zugreifen zu dürfen: „Das ist ein Skandal.“ Neben seiner Arbeit an der Universität betreibt Wöhrl mit seinem Kollegen Reinhard Remfort den Wissenschaftspodcast „Methodisch inkorrekt!“. Der informiert eigentlich über neue Erkenntnisse der Wissenschaft – und berichtet doch immer wieder über die Probleme mit den Verlagen. „Wir als Wissenschaftler müssen jeden Euro begründen, den wir für neue Messgeräte ausgeben, und auf der anderen Seite versumpft das Geld einfach“, schimpft Wöhrl: „Das ist ungerecht.“

          Doch es gibt Hoffnung: Seit 2016 streiten Unis unter dem Schlagwort „Projekt Deal“ gemeinsam für bessere Konditionen. Die Verhandlungen sind zäh, die Verlage kämpfen um ihr Geschäftsmodell. Während sich die Universitäten mit dem Verlag Wiley schon geeinigt haben und mit Springer Nature eine Lösung möglich scheint, stellt sich Elsevier quer. Die Verhandlungen liegen auf Eis. Elsevier bedauert das auf Nachfrage und betont: „Wir sind weiterhin offen für Diskussionen.“

          Hunderte Open-Access-Journals

          Für Wissenschaftler ist der Machtkampf ein Desaster: Um den Druck zu erhöhen, haben viele Universitäten ihre Verträge mit Elsevier gekündigt. Nach kurzer Schonfrist schaltete das Unternehmen die Zugänge ab. Seitdem besorgen sich Wissenschaftler ihre Texte entweder über das Wissenschaftler-Facebook „Researchgate“ oder indem sie die Autoren direkt um eine Kopie bitten. Auf Twitter betteln einige sogar die Online-Gemeinschaft unter dem Hashtag „icanhazpdf“ um ein Exemplar einer Fachzeitschrift an.

          Viele greifen auch auf illegale Mittel zurück: etwa auf Sci-Hub, eine Internetseite, die Paper raubkopiert und ihren Nutzern kostenlos zur Verfügung stellt. Für Wissenschaftler ist die Website bequem und schnell, da sie per einfacher Suche den passenden Aufsatz liefert. Alle paar Monate wechselt Sci-Hub seinen Standort im Netz, damit niemand die Seite aus dem Netz entfernt. Josef Pfeilschifter, Professor für Pharmakologie und Toxikologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, kritisiert solche Piratenseiten. Er weiß, dass etliche seiner Studenten darauf zurückgreifen. „Das sind die Kollateralschäden der Deal-Verhandlungen“, sagt Pfeilschifter.

          Oft kein Extrabudget 

          Viele Wissenschaftler träumen von sogenannten Open-Access-Lösungen. Die Idee: Der Wissenschaftler oder seine Universität zahlt einmalig für die Veröffentlichung – der Leser darf kostenlos zugreifen. Wissenschaftsverlage wie Elsevier würden keine große Rolle mehr spielen. Mit Unterstützung der Europäischen Kommission haben sich im vergangenen Jahr Universitäten und Organisationen zur „Coalition S“ zusammengeschlossen, die Open-Access umsetzen soll. Schon jetzt gibt es Hunderte Open-Access-Journals.

          Auch Elsevier verlegt sie und rühmt sich sogar damit, der in der ganzen Welt führende Open-Access-Herausgeber zu sein. Befürworter erhoffen sich von dem System eine Demokratisierung der Forschung. Gegner warnen, dass einzelne Staaten ausscheren könnten: Deren Forschung bliebe kostenpflichtig. Forscher Nikolaus Wöhrl sieht ein ganz praktisches Problem: Als er einen Artikel in einem Open-Access-Journal veröffentlichen wollte, lagen die Kosten dafür bei mehreren tausend Euro. Viele Fördermittel sehen aber kein Extrabudget für Veröffentlichungen vor – Forscher müssten die Kosten selbst tragen. Welches System hätte Wöhrl am liebsten?

          Universitäten könnten doch die Rolle der Verleger übernehmen und ihre Schriften gleich selbst veröffentlichen, schlägt er vor. Dann, so würde es sich jedenfalls der Forscher erträumen, würde es für alle heißen: Access granted.

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