https://www.faz.net/-gyl-9s3d3

Macht der Wissenschaftsverlage : Zugang verweigert

  • -Aktualisiert am

Blick in die Bibliothek der Naturwissenschaften auf dem Campus Riedberg der Goethe Universität in Frankfurt Bild: Lucas Bäuml

Eine Handvoll Verlage dominiert das Geschäft mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Immer mehr Unis tun sich schwer, die hohen Abo-Gebühren zu finanzieren. Ein Dilemma.

          4 Min.

          Access denied. Nikolaus Wöhrl kann nicht mehr auf seine eigenen Texte zugreifen. Die Universität Duisburg-Essen, an der Wöhrl arbeitet, hat das Abonnement von „Diamonds and related Materials“ gekündigt, der wissenschaftlichen Fachzeitschrift, in der Wöhrl veröffentlicht. Der Physiker erforscht Strukturen und Zusammensetzungen von Kohlenstoffschichten wie zum Beispiel Diamanten. „Diamonds and related Materials“ ist keine besonders berühmte oder oft gelesene wissenschaftliche Zeitschrift.

          Sie ist aber die einzig relevante für Wöhrls Fachbereich. Mittlerweile hat die Uni den Zugang zu dem Fachjournal zwar wieder abonniert. Jahre später macht der Vorgang Wöhrl aber immer noch fassungslos: „Das war absurd.“ Viele Forscher stehen vor einem ähnlichen Problem wie Nikolaus Wöhrl: Die sogenannten Journals für ihren Fachbereich sind teuer, das Budget der Unis ist klein, und die Abo-Preise steigen. Immer mehr Hochschulen beenden daher die teuren Abonnements – ihre Forscher sind die Leidtragenden.

          Das erste Journal erschien im Jahr 1665 in Paris. Seitdem sind Abertausende wissenschaftliche Fachzeitschriften in unzähligen Fachbereichen gefolgt. Der Veröffentlichungsprozess ist dabei immer gleich: Zufällig bestimmte Gutachter prüfen die eingereichten Texte auf Herz und Nieren. Falls die Forscher nichts zu beanstanden haben, kann das Journal den Artikel veröffentlichen. Die Rechte gehen dabei an die Wissenschaftsverlage, denen die Journals gehören, über. Weder Autor noch Prüfer erhalten Geld für ihre Arbeit.

          100 Millionen Euro für den Fachmagazin-Zugang

          Der Verleger Robert Maxwell machte daraus in den fünfziger Jahren ein Geschäft. Er hatte verstanden: Wissenschaftler müssen über alle wichtigen Entwicklungen in ihrem Forschungsgebiet laufend informiert sein und ihre Forschungen veröffentlichen. Da es pro Fachgebiet aber oft nur ein relevantes Journal gibt, kann jede Zeitschrift für das Veröffentlichen von wissenschaftlichen Arbeiten ein Monopol etablieren und hohe Preise verlangen. Eine Zeitlang ging das gut: Viele kleine Verlage druckten viele Zeitschriften. Doch im Zuge der Digitalisierung kauften größere Verlage die kleineren auf und übernahmen ihr Geschäft. Heute gibt es noch fünf solcher Verlage.

          Sie dominieren das Geschäft: 100 Millionen Euro pro Jahr bezahlen deutsche Universitäten, um Zugang zu den Fachmagazinen der großen Wissenschaftsverlage zu erlangen. Und das, obwohl die Artikel darin oft von ihren eigenen Wissenschaftlern stammen. Nikolaus Wöhrls „Diamonds and related Materials“ kommt vom größten Wissenschaftsverlag: dem niederländischen Unternehmen Elsevier. Vielen gilt dieser als der rücksichtsloseste Verlag unter den „Big Five“. „Die Zeit“ bezeichnete ihn einmal als eine Art Lord Voldemort: gierig, rücksichtslos, allmächtig.

          Bei vielen Wissenschaftlern ist Elsevier äußerst unbeliebt, auch wegen seines Auftretens: In einem Artikel der niederländischen Zeitung „de Volkskrant“ sagte ein Sprecher: „Wenn Sie der Meinung sind, dass Informationen nichts kosten sollten, gehen Sie zu Wikipedia.“ Elseviers Umsatzrenditen liegen regelmäßig zwischen 30 und 40 Prozent. Elsevier helfe Forschern dabei, „die Wissenschaft voranzubringen“, sagt ein Sprecher auf Nachfrage, und investiere „jedes Jahr in die Entwicklung von Technologien, die Forschern helfen, sich den aktuellen Herausforderungen zu stellen“.

          „Wir sind weiterhin offen für Diskussionen“

          Ein Ärgernis für Unis sind inzwischen die sogenannten Zeitschriften-Bündel. Wenn Universitäten wichtige Zeitschriften der Verlage abonnieren, müssen sie zusätzlich noch etliche Ladenhüter dazukaufen. Die Preise für diese Bündel steigen, in der ganzen Welt waren es in den vergangenen Jahren um fünf bis sechs Prozent pro Jahr.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Krise in Bolivien : Mexikos Luftwaffe bringt Morales ins Exil

          „Bald komme ich mit mehr Kraft und Energie zurück“, schreibt der frühere bolivianische Präsident vor seinem Abflug auf Twitter. Die Armee will gegen Ausschreitungen seiner Anhänger vorgehen – und der Verteidigungsminister legt sein Amt nieder.
           Unsere Sprinter-Autorin: Anna-Lena Ripperger

          F.A.Z.-Sprinter : Die Last der Macht

          Die Linke muss sich nach dem Rückzug von Sahra Wagenknecht nach einer neuen Ko-Vorsitzenden umschauen und auch der CDU könnten unruhige Zeiten bevorstehen. Was sonst wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.