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Lerngruppen : Gemeinsam sind wir schlau

„Mehr als fünf Mitglieder sind nicht ratsam“

Voraussetzung für eine gelungene Lerngruppe sei allerdings eine gute Organisation: „Die Gruppe sollte im Voraus festlegen, wer wann für welches Thema zuständig ist“, sagt der Psychologe. Die Rollen des Erklärers und der Zuhörer sollten rotieren. Wichtig sei es, eine sogenannte „wechselseitige Interdependenz“ zu schaffen. „Jeder ist abhängig davon, dass die anderen ihren Job erledigen. Das gibt allen das Gefühl, ihren Teil zum Gruppenerfolg beizutragen, aber auch ihren Teil wieder herauszubekommen.“ Wichtig sei auch eine kleine Gruppengröße. „Mehr als fünf Mitglieder sind nicht ratsam“, glaubt Hänze. „Das ist zu viel organisatorischer Aufwand.“ Erfolgreiche Lerngruppen seien ungeheuer motivierend für den Einzelnen. „Wer merkt, dass er der Gruppe etwas erklären kann, erlebt sich selbst als kompetent und hat mehr Spaß am Lernen.“ Zudem gelinge es Lerngruppen häufig, ihre Gedanken zu vernetzen und in Gemeinschaftsarbeit ein tieferes Verständnis des Stoffs herzustellen.

So empfand es auch Schnellstudent Marcel Pohl: „Ein Team ist dem Einzelkämpfer klar überlegen“, sagt er. „Und es kann durch geschickte Planung eine Menge Studienzeit einsparen.“ Zusammen mit seinen Kommilitonen hatte Pohl schnell entdeckt, dass in Vorlesungen oft zu Anfang des Semesters der Stoff der vorherigen Semester wiederholt wurde und am Ende des Semesters ebenfalls zur Klausurvorbereitung viel Wiederholung stattfand. Darum teilten sie sich die Lehrveranstaltungen auf; jeder besuchte nur ein Drittel und brachte den Stoff den anderen Gruppenmitgliedern in komprimierter Form bei. Auch die Lerngruppensitzungen, die jedes Wochenende in der Privatwohnung eines Gruppenmitglieds stattfanden, waren straff durchorganisiert. „Wir hatten für alles, was wir taten, einen Plan und haben uns mit der Stoppuhr daran erinnert“, erzählt Pohl. „Sonst verschwendet man schnell so viel Zeit damit, über das Organisatorische zu diskutieren, dass man zum Inhaltlichen nicht mehr kommt.“ Generell sei Organisation die halbe Miete, glauben Fachleute. „Jede Sitzung einer Lerngruppe sollte ein klares Ziel haben“, sagt etwa Werner Heister. „Für jedes Treffen sollte die Gruppe außerdem eine Person bestimmen, die die Sitzung leitet und darüber wacht, dass die Gruppe ihr Ziel auch einhält.“

Sich auf ein Ziel einigen

Und wie finden Studenten die richtige Lerngruppe? Ein echtes Problem, glaubt Werner Heister. „Studenten müssen sich oft schon sehr früh im Studium für Mitstreiter entscheiden. Sonst sind schnell alle irgendwo organisiert und man selbst bleibt außen vor.“ Das Dilemma: „Wer seine Kommilitonen noch nicht gut kennt, tut sich schwer herauszufinden, wer gut mit einem selbst harmoniert.“ Marcel Pohl stimmt zu: „Wir hatten großes Glück. Zwei von uns kannten sich schon aus der Schulzeit und zwei aus der Bankausbildung. So wussten wir alle aus früheren Situationen, dass wir ein gutes Team abgeben.“ Die Gruppe habe sich dadurch ausgezeichnet, dass alle drei unterschiedliche Stärken hatten und dadurch voneinander profitieren konnten. Bei aller Verschiedenheit sollte man sich aber über bestimmte Dinge einig sein, findet Pohl: „Wichtig ist, dass es keine Trittbrettfahrer gibt, dass jeder den gleichen Einsatz zeigt.“ Wichtig sei es auch, sich vorher darauf zu einigen, wie perfektionistisch die Gruppe vorgehen möchte: „Wollen wir alle eine Eins schreiben? Oder genügt es uns, einfach nur zu bestehen?“

Die drei Schnellstudenten um Marcel Pohl wählten das Mittelfeld: Mindestens eine 2,5 sollte es für jeden Teilnehmer sein. Sie schafften es. Nachahmern raten sie zu etwas mehr Schlaf und etwas weniger Koffein. Dazu, nicht unbedingt den Geschwindigkeitsrekord weiter brechen zu wollen. „Wir wollen aber Studenten ermuntern, Teams zu bilden, und ihnen sagen: Schnelligkeit zahlt sich aus.“ Und zwar in barer Münze. Marcel Pohl ist heute 23 und sitzt schon fest bei der Commerzbank im Sattel, als Projektmanager in der Geschäftsentwicklung. Nebenher ist er mittlerweile sogar selbst Hochschuldozent - an der Frankfurt School of Finance and Management. Dort müht er sich nach Kräften, seine Schützlinge mit seinen Seminaren so stark zu begeistern, dass sie zu den Lehrveranstaltungen kommen. Und nicht ausschließlich zu Hause in der Gruppe lernen.

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