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Lernfabriken : Studenten an die Maschinen!

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Auch die Besucher aus der Industrie in den Darmstädter Lernfabriken interessieren sich für verbesserte Prozesse und Geräte. Unternehmen nutzen die angebotenen Workshops für ihre Mitarbeiter, was nebenbei zur Finanzierung beiträgt. Für die Unternehmen ist das günstiger, als die eigene Montagelinie anzuhalten und für Lernzwecke umzubauen. „Das machen unsere Studenten hingegen täglich“, sagt Maschinenbauer Abele. „Sie wollen Neues ausprobieren und die Folgen sehen - schließlich macht das experimentelle Forschen unsere Lernfabriken aus.“

Praxistest am Getriebekopf
Praxistest am Getriebekopf : Bild: Maximilian von Lachner

Dort sind vor allem wissenschaftliche Hilfskräfte aus den Masterstudiengängen rund um den Maschinenbau tätig. Sie leiten auch die Workshops für die Teilnehmer aus der Industrie. In ihren Schulungen geht es meist um einen Aha-Effekt: in der Effizienz-Fabrik etwa darum, zu erkennen, dass das gewaltige Zischen aus einem kleinen Loch im Druckluftschlauch zu einem erhöhten Verbrauch und zu Mehrkosten von jährlich 700 Euro führt.

Schauspielerisch den Betriebsalltag nachahmen

Oder in der Fertigungshalle: „Da merken die Teilnehmer etwa, dass der Werker gar nicht wissen kann, wie oft seine Maschine stillsteht, weil die Zahl nicht vernünftig erfasst wird“, sagt Phillipp Jansen an der Säge. Wie mancher Facharbeiter mit den Achseln zu zucken und bei solchen Fragen an den Meister zu verweisen, haben Jansen und seine sieben Kollegen geübt. Mit schauspielerischem Talent ahmen sie an ihrer Maschine den Betriebsalltag nach, wenn die Weiterbildungen oder Übungen zur schlanken Produktion laufen. „Wähle ich aus fünf Schlüsseln aus und gebe dem Werker nur die zwei, die er wirklich braucht, dann spart das Zeit zum Suchen und Geld für Werkzeuge“, erläutert Jansen. Seit der digitalen Aufrüstung der Produktionshalle im vorigen Jahr zeigt er auch, wie sich die Maschinendaten aus dem Leitsystem für beschleunigte Prozesse nutzen lassen. „Ich bereite die Fülle an Daten so auf, dass der Werker nur die für seine Maschine wesentlichen Hinweise angezeigt bekommt - etwa: Wechsel vom Sägeblatt nötig“, sagt er.

„Mir hat dieser Praxisbezug im Studium gefehlt“, ergänzt Fabian Conrad, Masterstudent im Maschinenbau. „Jetzt kann ich hier mit einem Produkt hantieren, bekomme Ahnung von Abläufen und Geräten.“ Mit seinen Kollegen berät er auch, was anstelle des Zylinders künftig in den Schulungen gefertigt werden soll. „Vielleicht ein Planetengetriebe“, überlegt der aus Frankenthal stammende Student. „Dabei müssen wir aufs Material und auf die didaktischen Anforderungen achten.“ So soll das neue Produkt leicht verständlich und nicht zu komplex sein, damit mögliche Fehler bei seiner Fertigung schnell von den Übungsteilnehmern erkannt werden. „Gibt es Fragen dazu, regen mich die Teilnehmer oft zum Nachdenken an“, sagt Conrad. „Gerade wenn ich nicht aus dem Stegreif antworten kann.“

Ebenso hat er gemerkt, wie wichtig es ist, ein Gefühl für Zusammenhänge und Toleranzen zu bekommen. „Auf dem Papier ist immer alles leicht darzustellen“, sagt er. „Doch es ist die Frage, ob es auch in der Praxis funktioniert.“ Die Erkenntnis hat ihm auch bei seinem halbjährigen Praktikum als Versuchsingenieur bei einem Automobilzulieferer für Antriebstechnik geholfen. „Alle stehen unter Druck, Kosten zu senken und zugleich den Qualitätsansprüchen gerecht zu werden“, sagt er. „Da hilft ein geschultes Auge für die Abläufe schon.“

Übereinstimmend sagen die Hiwis, dass die Lernfabrik vor allem eines fördert: den Blick, wie es entlang der Produktionslinie besser laufen könnte. Ganz so, wie es sich Erfinder Abele wünscht: „Von unseren Absolventen wird keiner so schnell einen Praxisschock erleiden“, sagt er. „Dafür haben sie zu viel in der Lernfabrik gesehen und erlebt.“

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