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Leistungsdruck : Mit Ritalin durch die Prüfung

Bild: F.A.Z. - Tresckow

Bessere Noten dank Hirndoping - von dieser Gleichung lassen sich nicht nur in Amerika viele Studenten überzeugen. Doch der Griff nach den Pillen birgt gesundheitliche und ethische Risiken.

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          Drei Liter grüner Tee am Tag, damit hielt sich Heidi in der heißen Phase ihres Medizinstudiums über Wasser. „Ich war ziemlich im Stress vor den Prüfungen“, erzählt die 25 Jahre alte Frau, die ihren Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen will – immerhin geht es um ein Doping, ein heißes Thema, nicht nur im Sport, sondern auch im Hörsaal. Irgendwann genügte Heidi der Tee nicht mehr, gibt sie zu, die Müdigkeit war stärker. Da griff sie zu Koffeintabletten. Ein Kommilitone schlug ihr sogar vor, sich stattdessen doch eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) attestieren zu lassen und so an den Wachmacher Ritalin zu gelangen. „Ich war schockiert, wie schnell der von Koffeintabletten auf Ritalin kam“, sagt Heidi heute.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Kommilitone scheint jedenfalls Erfahrung mit der Materie zu haben. Ritalin, ein wegen Suchtgefahr unter das Betäubungsmittelgesetz fallendes Präparat, das unter anderem auf der schwarzen Liste der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada steht, enthält Methylphenidat. Dies erhöht bei gesunden Menschen die Konzentration. Wer lernt und Ritalin nimmt, bleibt länger wach, nimmt dafür aber Nebenwirkungen wie Nervosität, Schlaflosigkeit, Herzrasen und Blutdrucksteigerungen in Kauf. Modafinil, ein Mittel mit ähnlicher Wirkungsweise, das zur Behandlung der Schlafkrankheit Narkolepsie entwickelt wurde, soll sogar 48 Stunden Pauken am Stück möglich machen. Die ideale Prüfungsvorbereitung?

          Amerikanische Studenten mögen „smart pills“

          In Amerika versuchen Umfragen zufolge zwischen 16 und 25 Prozent aller Collegestudenten ihre kognitive Leistungsfähigkeit durch „Smart Pills“ zu erhöhen. Allerdings ist umstritten, wie solide diese Daten sind. In einer ausgewiesen repräsentativen Studie, für die Forscher der University of Michigan 11000 Studenten befragten, lag der Anteil der Pilleneinnehmer insgesamt bei vergleichsweise geringen 6,9 Prozent. An einer der untersuchten Hochschulen allerdings lag die Quote tatsächlich bei 25 Prozent. Und ein Fünftel der Wissenschaftler, die an einer Umfrage des Magazins „Nature“ teilnahmen, greifen nach eigener Auskunft zu Ritalin und Betablockern.

          Auch in Deutschland sei unter den Studenten ein Trend zu bewusstseinsverändernden Drogen zu beobachten, sagt Isabella Heuser, die Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin. „Man muss aber auf jeden Fall die Hysterie aus dem Thema rausnehmen“, schränkt sie ein. „Es fehlen aussagekräftige empirische Daten. Aber niemand bestreitet, dass diese Mittel genommen werden.“ Die steigende Bereitschaft in der Gesellschaft, bei Unwohlsein physischer oder psychischer Art mal kurz zur Pille zu greifen, unterstütze diese Entwicklung.

          Immer schöner und fitter

          Auch viele Unternehmen interessieren sich nach Sven Gábor Jánszkys Einschätzung inzwischen für leistungssteigernde Produkte (lesen Sie dazu Leistung mit Substanz). Jánszky, 35 Jahre alt, Trendforscher und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens „Forward2business“ aus Leipzig, sieht darin kein allzu gravierendes Problem. Seit es den Menschen gebe, sei dieser stets bestrebt, sich zu verbessern, argumentiert er. Jeder wolle schöner und fitter werden, deshalb gingen die einen zum Friseur, die anderen zum Schönheitschirurgen. Auch Lebensmittelhersteller wollten künftig nicht mehr nur den kalorienreduzierten Joghurt anbieten, sondern vielleicht auch einen Erdbeershake für den Manager, der dessen Konzentration vor einer Verhandlung erhöht. „Jeder sollte das Recht haben, seinen Körper und seine Intelligenz zu verbessern“, sagt Jánszky. Schließlich seien die Ressourcen Geistesleistung und Schönheit ja auch ungleich unter den Menschen verteilt.

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