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Lehrer mit Migrationshintergrund : Vielfalt im Lehrerzimmer

Kein Allheilmittel

Schwierig findet Georgi folgende Situation: Ein Lehrer mit türkischem Hintergrund, der neu in eine Schule kommt, wird als der begrüßt, der endlich mal mit den türkischen Eltern sprechen könne. Das berge die Gefahr, dass der Lehrer professionell entwertet werde. Denn eine kulturelle Sensibilität sei nur eine mögliche Zusatzqualifikation einer solchen Lehrkraft; ihre eigentliche Aufgabe sei aber das Unterrichten von Schülern jeglicher Herkunft.

Mehr Migranten für den Lehrerberuf zu gewinnen ist auch nach Georgis Ansicht durchaus hilfreich, ein Allheilmittel sei es aber nicht. „Diese Lehrer können die vielen Probleme, die durch Versäumnisse in der Bildungspolitik entstanden sind, nicht ausgleichen“, warnt die Wissenschaftlerin. Deshalb müssten alle angehenden Lehrer im Studium besser auf den Umgang mit der Vielfalt im Klassenzimmer vorbereitet werden.

Georgi versucht ihren Studenten ein Gefühl für Heterogenität zu vermitteln, auch in praktischen Übungen. Ein Beispiel: Sie stellt ihnen verschiedene Fragen: Wer trinkt Kaffee? Wer trägt eine Brille? Wer ist körperlich eingeschränkt? Es stehen jeweils die auf, welche die Frage mit Ja beantworten. „So erlebt man, dass man mal zu einer Mehrheit, mal zu einer Minderheit gehört.“

Früh mit Schülern in Kontakt kommen

Auch im Lehramtsstudium der Universität Hildesheim spielt die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine große Rolle. Das soll in Zukunft noch verstärkt werden. So wurde gerade ein Lehrstuhl für Deutsch als Zweitsprache eingerichtet. Mit den Anforderungen, die eine heterogene Schülerschaft an Lehrkräfte stellt, beschäftigt sich Olga Graumann schon seit Jahrzehnten; zunächst als Sonderschullehrerin, später als Professorin an der Hildesheimer Universität. Auch sie wirbt für mehr Lehrer mit Migrationshintergrund. Vor allem aber setzt sie sich dafür ein, dass alle Lehrer besser mit Vielfalt umgehen lernen. Das könnten noch zu wenige. „Unsere Lehrer müssen unsere Globalität begreifen. Sie dürfen nicht das deutsche Mittelschichtskind als Normalfall erwarten. Das gibt es kaum noch.“ Die Professorin, die seit kurzem emeritiert ist, hat ihren Studenten zu vermitteln versucht, dass man keinem Schüler ein Etikett anhaften darf. „Als Lehrer muss man sich differenziert über jeden einzelnen Schüler äußern können“, erklärt Graumann. Vor allem findet sie es wichtig, dass die Studenten viel und früh mit Schülern in Kontakt kommen. In Hildesheim gingen schon die Erst- und Zweitsemester jeden Freitag für zwei Stunden in die Schule. Positiv wirke auch das Projekt „Lernkuhlt - Kinder unterschiedlicher Herkunft lernen im Team“. Dabei erteilen Lehramtsstudierende vor allem Schülern mit Migrationshintergrund Förderunterricht. Graumann hofft, dass letztlich möglichst viele Studenten begreifen, was sie in ihren 13 Jahren als Lehrerin erfahren hat. „Eine heterogene Schülerschaft zu unterrichten ist anspruchsvoller, aber viel interessanter.“

Derya Akdag hat als eine der wenigen Lehramtsstudentinnen mit ausländischen Wurzeln in Hildesheim studiert. In ihrer Masterarbeit hat sie gefragt, ob Lehrer mit Migrationshintergrund eine Antwort auf die Heterogenität im Klassenzimmer sind. Akdag befürwortet, dass mehr Migranten Lehrer werden, ist aber auch skeptisch. „Dass diese Lehrer Schüler insgesamt mehr motivieren, ist bisher noch nicht nachgewiesen worden“, erklärt die 36 Jahre alte Frau, deren Vater aus der Türkei kam und die in einem Brennpunktviertel aufgewachsen ist. Interkulturelle Kompetenz sei nicht angeboren, sie müsse im Studium vermittelt werden. „Doch leider kann man durchs Studium kommen, ohne etwas über Heterogenität gelernt zu haben.“

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