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Lebensverhältnisse : Günstig ist nicht gleich beliebt

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. - Tresckow

Günstiger als in Chemnitz kann man in Deutschland kaum studieren. Aber bei der Wahl des Studienorts sind andere Faktoren offenbar wichtiger - München zum Beispiel ist teuer, aber beliebt. Ein Vergleich.

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          Julia Kieselstein ist nett, hübsch und kommt aus Chemnitz. Und damit wirkt sie durchaus glücklich. "Chemnitz hat völlig zu Unrecht ein schlechtes Image", sagt die 26 Jahre alte Magisterstudentin. Seit der Wende habe sich sehr viel verändert. Inzwischen biete ihre Heimatstadt alles, was das Studentenherz begehre: überschaubare Verhältnisse an der Uni, schöne Cafés und nette Clubs, auch das Erzgebirge zum Skifahren liegt gleich nebenan. Chemnitz sei modern und jung geworden, findet Kieselstein. Statt Plattenbauten sieht man im Zentrum viel Glas und hellen Stein, vor kurzem hat Bundespräsident Horst Köhler in der früheren Karl-Marx-Stadt höchstpersönlich das neue Museum Gunzenhauser eröffnet. Vor dem großen, etwas schmutzigen Denkmal für den Denker des Proletariats springen nur noch ein paar Jugendliche mit ihren Skateboards die Treppen hoch und runter. "Man ist hier wirklich sehr bemüht, gute Leute zu holen und etwas aus der Stadt zu machen", sagt Kieselstein.

          München dagegen ist vieles, aber sicher nicht bemüht. In der bayerischen Landeshauptstadt weiß man, wer man ist - oder zumindest, wer man glaubt zu sein. Die Studentinnen sehen hier irgendwie alle gleich aus - mit kniehohen Stiefeln über dunkelblauen Röhrenjeans und schwarzen Winterjacken aus Wolle. Ihre männlichen Kommilitonen scheinen zwischen den Vorlesungen gerne zu Nespresso zu gehen, um Patronen für die heimischen Hightech-Kaffeemaschinen zu besorgen. Jedenfalls tragen viele von ihnen die Papiertüten des Unternehmens von der U-Bahn zur Staatsbibliothek. Neu gebaut wird hier kaum, sondern sorgsam saniert - der Stil hat Tradition. Mit beeindruckender Eleganz wirbt das Foyer des Hauptgebäudes der Universität für sich, nicht vergleichbar mit dem buntgestrichenen, eckigen Audimax in Chemnitz. Aber in München könnte man sich sowieso alles leisten, dieses Gefühl drängt sich auf. Die Stadt liegt in einer der wirtschaftsstärksten Regionen Deutschlands, im Großstadtranking der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und der "Wirtschaftswoche" nimmt sie den ersten Platz ein. Chemnitz dagegen landet auf Platz 41. Klar, dass sich in München auch die Sieger-Cluster der Exzellenzinitative ballen wie nirgends sonst im Lande.

          Objektive Kriterien ziehen nicht

          Für wen wo das Studieren besser ist, ist allerdings schwer zu sagen. Denn objektive Kriterien wie Lebenskosten oder Studiengebühren - beide sind in Chemnitz niedriger als in allen anderen deutschen Uni-Städten - scheinen für die wenigsten angehenden Studenten eine Rolle zu spielen. "Die Abiturienten suchen sich letztendlich eine Stadt aus, unter der sie sich etwas vorstellen können", sagt Cort-Denis Hachmeister vom Centrum für Hochschulforschung, das die Wahl des Studienorts untersucht hat. Zu den Raritäten der innerdeutschen Studentenbewegung gehört demnach immer noch die Wanderung von West nach Ost. 92 Prozent der Studenten bleiben je nach ihrer Herkunft in West- oder Ostdeutschland, fast nur von besonders ausgefallenen, einmaligen fachlichen Angeboten lassen sich Wessis in den Osten locken. Egal von wo man kommt, die Atmosphäre einer Stadt ist für die meisten angehenden Studenten von entscheidender Wichtigkeit. Außerdem interessieren sie sich für die Ausstattung der Unis und ihren Ruf. "Die großen Hochschulen schneiden zwar in den Rankings zur Lehre oft schlechter ab, weil sie durch die hohe Zahl der Studenten überbelastet sind. Dorthin wollen aber trotzdem viele", sagt Hachmeister. Schließlich bedeute die Wahl des Studienortes auch die Wahl des Lebensortes für die nächsten Jahre. "Es ist logisch, dass die Abiturienten nicht nur auf die Uni gucken."

          Chemnitz hat völlig zu Unrecht ein schlechtes Image, sagt Julia Kieselstein

          Eine Champagnerflasche nach der anderen

          So ist es auch nicht verwunderlich, dass hohe Kosten die angehenden Akademiker nicht abschrecken. München, die teuerste Studentenstadt Deutschlands, muss das günstige Chemnitz deshalb nicht fürchten. "Hier herrscht einfach ein ganz besonderer Lebensstil", sagt Kristina von Karger. Die Nürnbergerin ist seit März glückliche Neu-Münchenerin und studiert im zweiten Semester an der privaten Fachhochschule Makromedia Medien-, Sport- und Eventmanagement. Das erste Semester absolvierte sie in Baden-Baden, was ihr aber weder fachlich noch von der Universität her zusagte. Als sie wechseln wollte, standen München, Stuttgart und Köln zur Wahl. Die Entscheidung fiel ihr leicht. Man behaupte zwar, dass die Münchener arrogant seien, räumt von Karger ein. Sie selbst aber habe damit keine negativen Erfahrungen gemacht. Das große Geld sei allerdings schon präsent. Im Club "8 Seasons", in dem sie zwei- bis dreimal pro Woche als Barkeeperin arbeitet, treffe sie auf ein Publikum, das sie aus Nürnberg einfach nicht kenne. "Da gibt es schon einige Zwanzigjährige, die eine Champagnerflasche nach der anderen kaufen", erzählt von Karger. Und weil für sie das Geld mit dem einen Nebenjob nicht ausreichen würde, arbeitet sie außerdem noch für eine Eventfirma. Aber sie wohnt schließlich im begehrten Schwabing, und 4000 Euro Gebühren im Semester kostet ihr Studium, das sie selbst finanziert. Die anderen Münchener Studenten kommen mit den 500 Euro an der Ludwig-Maximilians-Universität oder der TU München vergleichsweise günstig weg. Dass sie wegen der hohen Preise so viel arbeiten muss, nimmt von Karger in Kauf. Woanders wolle sie nicht studieren - auch wenn die Mieten in der Oktoberfeststadt mit durchschnittlich 11,36 Euro je Quadratmeter fast viermal so teuer wie in Chemnitz sind - für eine Zwei-Zimmer-Wohnung sind 800 Euro kein ungewöhnlicher Preis, ein Zimmer mit Bad und Küche bekommt man etwa ab 400 Euro. "Aber hier ist einfach immer etwas los. Wenn man nicht dabei ist, hat man das Gefühl, dass man etwas verpasst", erklärt die zierliche Fränkin ihre Wahl.

          Zwei Zimmer-Wohnung für 320 Euro

          In Chemnitz dagegen gibt es Zwei-Zimmer-Wohnungen mit Balkon schon für 320 Euro, ein WG-Zimmer in der Innenstadt für 170 Euro. Den Latte macchiato zum Frühstück gibt es im Café neben der Uni für 2 Euro dazu - in München wäre das sensationell günstig. Aber billig ist nicht dasselbe wie beliebt. Aus Chemnitz ziehen nach wie vor deutlich mehr Menschen weg als dazukommen. Und auch an der TU Chemnitz, die in vielen Rankings gut abschneidet, haben sich bislang nur 23,5 Prozent Nichtsachsen immatrikuliert. In München werden diese Daten nicht erhoben, zum Vergleich deshalb zwei andere Hochschulen: An der Berliner Humboldt-Universität studieren 41,5 Prozent aus anderen Bundesländern als Berlin und Brandenburg, an der Uni Heidelberg kommen 46 Prozent nicht aus Baden-Württemberg.

          Also keine Chance für Chemnitz? Vincent Wulf aus Lüneburg hat zumindest zunächst nichts weiter als der reine Pragmatismus in die sächsische Industriestadt verschlagen: kein Numerus clausus, keine Studiengebühren, eine rasche Rückmeldung nach seiner Bewerbung. "Man hat schon das Vorurteil, dass Chemnitz nicht gerade die schönste Stadt ist", sagt Wulf, der im ersten Semester Politikwissenschaft studiert. "Ich dachte mir, wenn ich einmal im Studium drin bin, kann ich immer noch wechseln." Doch die Stadt hat ihn positiv überrascht. Der Nahverkehr sei gut ausgebaut, das Leben günstig, es gebe auch einige hübsche Ecken - und nette Leute habe er an der Uni schnell kennengelernt. Negativ aufgefallen allerdings ist ihm die hohe Gewaltbereitschaft auf der Straße - sie rühre nicht nur von den Neonazis, die mit ihren Glatzen und Aufnähern im Stadtbild durchaus auffallen. Nach fluchtartigem Verlassen des früheren Karl-Marx-Stadt ist dem Sechsundzwanzigjährigen trotzdem nicht. Die meisten Chemnitzer seien freundlich und hilfsbereit. "Außerdem bin ich kein Großstadtmensch. Das passt hier schon", sagt er.

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