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Lange Hausarbeiten-Nacht : Akademisches Schreiben ist gar nicht so leicht

  • Aktualisiert am

Oft und gerne aufgeschoben: Das Schreiben von Hausarbeiten. Bild: dpa

Viele Fremdwörter und eine verschwurbelte Ausdrucksweise machen noch keine gute wissenschaftliche Arbeit. Wie es besser geht: Daran versuchten sich vergangene Nacht Studenten quer durch ganz Deutschland.

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          Schreiben gehört für Akademiker während ihres Studiums zum Handwerk. Viele Studenten sind aber nach Einschätzung von Fachleuten auf Hilfe beim Verfassen von Hausarbeiten und akademischen Texten angewiesen. Deshalb haben in der Nacht zum Freitag abermals viele Hochschulen, insbesondere deren Bibliotheken und Schreibzentren, die „Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ ausgerufen. Studenten hatten dort die Möglichkeit, gemeinsam mit Kommilitonen und bei Bedarf mit Unterstützung von Dozenten an bislang liegen gebliebenen Texten zu arbeiten. Von den verschiedensten Orten Deutschland aus twitterten Teilnehmer und Veranstalter unter #lndah ihre Erfahrungen während der Aktion.

          Es gebe zwar diverse Einführungsveranstaltungen zum akademischen Schreiben an den Hochschulen. „Aber das reicht eben nicht aus“, sagte der Leiter des Schreibzentrums der Universität Jena, Peter Braun, der Nachrichtenagentur dpa. So hätten viele Jung-Akademiker keine wirkliche Vorstellung davon, was wissenschaftliches Schreiben ausmache. Um das zu überspielen, formulierten sie ihre Texte häufig übertrieben kompliziert oder verwendeten so viele Fremdwörter wie möglich. „Solche Texte zu schreiben macht ebenso wenig Spaß, wie sie zu lesen“, sagte Braun.

          Nach seiner Einschätzung werden die Studenten von ihren Dozenten beim Verfassen der Texte in der Regel allein gelassen. „So entsteht eine Grundhaltung, die geprägt ist von der Einstellung: Ich muss jetzt eine Hausarbeit schreiben“, erklärte Braun. Wissenschaftliche Abhandlungen zu verfassen, wirke auf viele Studenten deshalb bedrohlich. „Dabei könnte man auf solche Arbeiten doch viel positiver schauen, wenn man sie sich als eine Entdeckungsreise vorstellt.“

          „Angst vor dem weißen Blatt Papier“ überwinden

          Schreibtrainer raten Studenten, vor allem die „Angst vor dem weißen Blatt Papier“ zu überwinden. Auch dafür kann eine gemeinsame Schreibnacht viel wert sein. Die Schreibtrainerin Bärbel Harju sagte der F.A.Z. schon vor einiger Zeit, es sei wichtig „zumindest ein paar Zeilen zu Papier zu bringen“. Diese müssten „nicht perfekt ausformuliert sein“. Lieber erst einmal ein kleines Erfolgsgefühl erzeugen, so lautet die Devise.

          Auch die Umstellung der Studiengänge an deutschen Hochschulen auf das Bachelor-Master-System habe Auswirkungen auf das akademische Schreiben gehabt, sagt Peter Braun. Einerseits müssten die Studenten heute viel mehr Arbeiten schreiben als zu Zeiten der Magister- und Diplom-Studiengänge. Andererseits hätten die Nachwuchs-Akademiker nun aber zu wenig Zeit für die einzelnen Arbeiten. „Das geht jetzt in Richtung Fließbandarbeit und auf Kosten der Tiefe und des Schreibprozesses“, sagte Braun.

          An der Universität Heidelberg wurde im Wintersemester in einem Soziologie-Seminar bereits eine Alternative zum vielen Hausarbeiten-Schreiben getestet: Studenten durften dort anstelle einer klassischen Arbeit einen Wikipedia-Eintrag verfassen. Das Argument: Auch dafür müsse man den Stand der Forschung kennen, wissen, was wichtig ist und es sinnvoll aufschreiben. Dies soll die Studenten ähnlich weit bringen wie eine klassische Hausarbeit, aber praxisrelevanter sein, so die Hoffnung.

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