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Kurioses Forschungsobjekt : Akademische Dorfrettung

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

Ein alterndes Dorf wird zum Forschungsobjekt für Studenten. Sie erklären Crowdfunding, schicken Hubschrauber über die Felder, verteilen Freibier und werben Fördergeld ein.

          5 Min.

          Eine Gruppenführung durch das aussterbende Dorf: „Links sehen Sie die Pfarrkirche aus dem 15. Jahrhundert, hier rechts war früher einmal ein Supermarkt. An der nächsten Kreuzung finden Sie die leerstehende Dorfkneipe. Und gleich da vorne, da hat kürzlich der Bäcker zugemacht. Wie Sie sehen, treffen sich hier am Dorfplatz vor allem die örtlichen Senioren aus dem angrenzenden Altersheim.“

          Das Dorf ist alt, die Gruppe, die es besichtigt, ist jung. Die Einwohner von Grieth am Niederrhein staunen nicht schlecht, als Birgit Mosler im Sommer 2013 Führungen durch das 800-Einwohner-Örtchen veranstaltet. In ihrem Schlepptau: Gruppen von Studenten, die Blicke über die Gartenzäune der Einheimischen werfen und sich vor leerstehenden Häusern und Bushaltestellen Notizen über die Wohn- und Lebensgewohnheiten der Dörfler machten. Diese selbst „waren natürlich sofort alle neugierig und wollten wissen, was los ist“, sagt Mosler, die hier fast jeden kennt, da sie selbst seit 15 Jahren in Grieth am Niederrhein lebt.

          Grieth wurde zum Experimentierfeld für verschiedene akademische Disziplinen. Die Dorfführungen durch Einheimische sind Teil des Forschungsprojektes der nahen Hochschule Rhein-Waal. Zwei Professoren der Hochschule wollen Grieth gemeinsam mit den Studenten des Studienganges „International Business and Social Science“ in ein „Smart Village“ verwandeln: ein Dorf mit Zukunft. Denn so idyllisch das ehemalige Fischerdorf mit seinen mittelalterlichen Häusern, den engen Gassen und seiner Lage am Niederrhein anmuten mag: Hier spüren die Bewohner, dass das Landleben zunehmend ungemütlich wird. Während beliebte Zeitschriften wie „Landlust“ das Landleben feiern und Städter von Dorfidyllen träumen, wird es in den Dörfern tatsächlich einsam. Läden schließen, Busverbindungen werden reduziert, Dorfkneipen und Vereine geschlossen.

          Nur die Fahrradtouristen bringen noch Leben

          Auch in Grieth sind die Probleme nicht mehr zu übersehen, berichtet Rolf Becker, Professor für Physik, der selbst im Ort wohnt und die Idee für das Projekt hatte: „Es gibt keine Dorfkneipe mehr, die Busse fahren nur noch selten. Zum Bäcker und zum Einkaufen müssen die Dorfbewohner inzwischen in die Nachbarorte fahren. Und viele der schönen alten Häuser im Ort stehen leer, weil sich keine Käufer finden“, sagt Becker. Nur am Wochenende, wenn Fahrradtouristen vom Rhein kommen, ist in Grieth noch etwas los. Das Smart-Villages-Projekt soll dafür sorgen, dass das Fischerdörfchen nun auch für seine ständigen Bewohner wieder attraktiver wird, erklärt Becker. „Und zwar, indem wir gemeinsam mit den Dorfbewohnern konkrete Lösungen für alltägliche Probleme finden.“

          Mit dem Dorfretter-Projekt geht die Hochschule Rhein-Waal ungewöhnliche Wege. Die Hochschule wurde erst im Jahr 2009 gegründet und will manches anders machen als klassische Fachhochschulen im ländlichen Raum. Die sehen ihre Aufgabe typischerweise darin, die örtliche Wirtschaft mit gutausgebildeten Nachwuchskräften zu versorgen, junge Leute aus der Region auszubilden und Kooperationen mit Industriebetrieben zu schließen. „Will man Geld für Forschungsprojekte einwerben, heißt es oft: Welche Firma in der Region profitiert denn von eurem Projekt?“, berichtet Becker, der aus Baden-Württemberg nach Grieth zog, als er an der frisch gegründeten Hochschule einen Lehrauftrag erhielt. „Wir wollen das aber anders angehen. Wir sind international aufgestellt, wollen auch für internationale Studenten attraktiv sein.“ Deshalb werden die meisten Seminare auf Englisch angeboten, ein Viertel der rund 3000 Studenten kommt aus dem Ausland - ungewöhnlich für eine kleine, ländliche Hochschule. „Und warum nur vorhandene Unternehmen unterstützen, wenn wir die Region auch für junge Start-ups und neue Unternehmen attraktiv machen können?“ Also lassen die Professoren ihre Studenten nun vom Campus aus in die beschauliche Region am Niederrhein ausschwärmen - und mit neuen Ideen das Landleben revolutionieren.

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