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Kurioses Forschungsobjekt : Akademische Dorfrettung

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Mit fliegender Kamera über die Felder

Das sorgt bei den Einwohnern der umliegenden Ortschaften manchmal für ungläubige Blicke: etwa, wenn Studenten der Hochschule selbstgebaute Flugdrohnen im Testflug über die Felder der Landwirte fliegen lassen. Mit fliegender Kamera, Radar und Datenfernübertragung sollen sich die Bauern künftig per Fernsteuerung und Computerbildschirm über den Zustand ihrer Felder informieren können. In Grieth stürzten sich die jungen Forscher derweil zunächst in die Analyse von Bebauungsplänen und Bevölkerungsdaten, entwickeln Pläne für Seniorengenossenschaften, Dorfläden, Internetcafés und Carsharing-Projekte. Warum nicht den Dorfladen per Crowdfunding im Internet finanzieren? Warum nicht Elektroautos für Fahrgemeinschaften anschaffen?

Im Dorf scheint das meist gut anzukommen. „Die Studenten bringen ganz neue, kreative Ideen ein, das ist toll“, sagt Birgit Mosler, die als Verbindungsperson zwischen Studenten und Dorfbewohnern zurzeit nicht nur die Dorfführungen organisiert, sondern auch ein Projektbüro am Marktplatz leitet. Mit Würstchenstand und Freibier lockten die Studenten die Dorfbewohner im Juli zur Eröffnung. Der Bürgermeister der Stadt Kalkar, zu der Grieth als Ortsteil gehört, kam und hob hervor, dass die Studenten 240.000 Euro als Fördermittel für ihr Projekt in Grieth beim Land Nordrhein-Westfalen eingeworben hatten.

Abstrakte Ideen konkret testen

Bald sollen über dem Büro Schlafplätze für die Studenten entstehen, damit diese ihre Forschungsaufenthalte über mehrere Tage ausdehnen können: etwa, um Umfragen durchzuführen und sich regelmäßig im Büro mit Einheimischen zu treffen. Bisher werden die Studenten nämlich meist eigens mit einem Shuttle-Bus der Hochschule zu ihrem Forschungsobjekt gefahren, berichtet Projektteilnehmer Michael Jesierski. „Nach 17.45 Uhr fährt ja kein Bus mehr in Grieth. Dann ist man im Ort gefangen“, sagt er. Der 23-Jährige wohnt in Wesel und studiert im vierten Fachsemester International Business. Parallel macht er eine Ausbildung bei der örtlichen Tochterfirma eines internationalen Konzerns. Neben dem dualen Studium bleibt ihm eigentlich nicht viel Zeit - aber das Projekt in Grieth habe ihn gereizt, erzählt Jesierski. „An der Hochschule entwickelt man ja oft abstrakte Theorien und Gedankenspiele. Hier können wir ganz konkret testen, ob unsere Ideen etwas taugen.“ Wenn eine Idee in Grieth funktioniere, lasse sie sich womöglich auch auf andere Dörfer und kleine Orte in der ganzen Welt übertragen. Denn die beste Idee aber bringe nichts, wenn die Bewohner sie nicht nutzten. „Wir wollen die Leute ja auch nicht mit immer neuen Umfragen und unrealistischen Ideen nerven. Das muss schon alles systematisch angegangen werden“, erklärt der Wirtschaftsstudent.

Manche Erkenntnisse der Studenten überraschten selbst langjährige Einwohner wie die Griether Büroleiterin Mosler: „Zum Beispiel liegt der Altersdurchschnitt in Grieth nur bei 43 Jahren. Wir sind viel jünger als gedacht“, wundert sich die 47-Jährige. Beim Anblick der zahlreichen Senioren mit Rollatoren, die sich am Marktplatz treffen, könnte man meinen, der Altersschnitt liege zwanzig Jahre höher. „Genaue Analysen sind wichtig“, sagt Wirtschaftsstudent Jesierski. „Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass die jungen Leute oft in den Randbezirken wohnen, weil sie dort moderne Einfamilienhäuser gebaut haben.“ Die alten Fischerhäuser im Ortskern sind nämlich zwar charmant, aber eben für Familien zu klein. In die Modernisierung müsste man viel Geld stecken, deshalb der Leerstand. Professor Becker hofft, dass durch das Forschungsprojekt bald noch mehr junge Leute nach Grieth ziehen: Zum Beispiel Studenten, die am Campus der Hochschule in Kleve studieren. Ganz unwahrscheinlich sei das nicht, findet der Student Jesierski: „In Kleve sind bezahlbare Studentenwohnungen knapp. Grieth liegt nur zehn Kilometer entfernt, und hier stehen Häuser leer“, sagt er. Die fehlenden Verkehrsverbindungen seien allerdings ein Problem. Das haben auch die jungen Akademiker bislang nicht gelöst.

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