https://www.faz.net/-gyl-9fcx6

Klimawissenschaftler : Mit Forschung gegen Fake-News

  • -Aktualisiert am

Ein Fall für Klimaforscher: Ein schmelzender Eisberg in Grönland. Bild: dpa

Wer sich an der Uni mit der Erderwärmung, schmelzendem Packeis oder Rekordsommern beschäftigt, muss kein Umweltheiliger sein. Allerdings hilft ein dickes Fell.

          5 Min.

          Mit dem Studium hat alles angefangen, die Liebe zur Dunkelheit, zur Stille und zur Wildnis. Genauer war es ein Auslandsjahr, das den Studenten der Meteorologie nach Spitzbergen und damit zur Polarforschung brachte. Seitdem ist Dirk Notz der Inselgruppe am Nordrand Europas komplett verfallen, sagt er und schwärmt von einer Landschaft aus gefrorenem Licht, das sich bis zum Horizont erstrecke, von Farbenspielen, knirschendem Schnee und Dunst vorm Gesicht. Eine Wortwahl, die man nicht unbedingt von jemandem erwartet, der Mathe und Physik schon in der Schule „total spannend“ fand, sich mit Mikrostrukturen des Meereises ebenso befasst wie mit den komplexen Wechselwirkungen zwischen Eis, Ozean und Atmosphäre, für die er eigene Computerprogramme schreibt.

          Doch Vorsicht, das ist genau das Schubladendenken, das dem Klimaschutz nicht weiterhilft – meinen jedenfalls die Klimaforscher. Sie arbeiten nicht nur international, sondern auch interdisziplinär, verbinden Natur- und Sozialwissenschaften, Politik und Physik – bisweilen auch mit Poesie. Dirk Notz ist Leiter der Forschungsgruppe „Meereis im Erdsystem“ am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie mit derzeit acht Mitarbeitern, darunter Masterstudenten, Doktoranden und Post-Docs.

          Dass sich die Fläche und Dicke des Packeises in den vergangenen 30 Jahren jeweils halbiert hat, entnehmen die Forscher den Messungen der Satelliten – und beschäftigen sich mit den Folgen: „Das Meer frisst sich immer weiter vor in Richtung Nordpol, und wir verlieren einen mystischen Ort.“ Mehr noch: Das Weltklima verändert sich weit über aktuelle Extremwetterlagen hinaus. „Extreme Sommer werden häufiger“, bestätigt Notz, der zugibt, dass auch ihn die Hitze dieses Sommers überrascht hat. „Aber das hätte auch ohne Klimawandel passieren können“, sagt er.

          Nicht täglich am Computer sitzen

          Wetterprognosen gehören allerdings nicht zu dem Terrain, auf dem der promovierte Meteorologe sich bevorzugt bewegt. Der 43-Jährige hat die „Physik der Atmosphäre“ studiert, weil er sich für Natur, Umwelt und Klimafragen interessierte. Das ist die eine Grundmotivation von Klimaforschern. Die andere heißt: etwas bewirken und schaffen zu wollen – das sagt Ingo Bräuer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, kurz PIK. Der promovierte Biologe ist hier Leiter für Wissenschaftskoordination und Transfer, eine Schnittstelle von Forschung und Gesellschaft: „Wie wirkt sich eine vier Grad wärmere Welt aus?“ wollen etwa Versicherungen oder Weltbank von den Klimaforschern wissen. „Beim Klimaschutz ist zunehmend Beratung gefragt“, weiß Bräuer.

          Rund 200 Wissenschaftler sind beim PIK beschäftigt, mehrheitlich befristet für eine Promotion oder Post-Doc-Stelle, darunter viele Physiker. „Wir arbeiten mit Daten. Labore oder Forschungsschiffe haben wir nicht, aber einen eigenen Supercomputer, der unsere Klimamodelle berechnet“, sagt Bräuer. Die numerische Modellierung ist ein wichtiger Teil der Klimaforschung, weshalb auch Geographen, Meeresbiologen oder Geochemiker an Mathe und Informatik nicht vorbeikommen. Für die Beratung und Arbeit in internationalen Organisationen sind aber auch Kenntnisse in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gefragt. Eine thematische Gratwanderung, auf die der internationale Masterstudiengang „Integrated Climate System Science ICSS“ an der Universität Hamburg vorbereiten möchte.

          Studenten können nach einem gemeinsamen Grundlagensemester zwischen den drei Fachrichtungen physikalische Modellierung, Biogeochemie oder den Sozialwissenschaften wählen, mehr als die Hälfte der Absolventen promoviert anschließend. Joana Kollert, ICSS-Studentin mit sozialwissenschaftlicher Ausrichtung, wird nicht dazugehören. Dabei hat die 23-Jährige schon einen naturwissenschaftlichen Master in der Tasche: An der Universität Southampton hat sie Ozeanographie studiert. „Ich bin am Meer aufgewachsen und schon als Kind tauchen gegangen, ich wollte mehr darüber lernen“, sagt sie. Aber ein Studium der Marinebiologie entpuppte sich als stures Auswendiglernen, während die Ozeanographie sehr viel Mathe und Physik bedeutete. „Das hat mir schon viel Spaß gemacht, ich bereue das auch nicht. Aber im Berufsleben möchte ich nicht täglich im Labor oder vor dem Computer sitzen.“

          Dissens selbst unter Wissenschaftlern

          Das Schlüsselerlebnis war ein Praktikum im Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, wo Joana Kollert für ein Forschungsprojekt die Wassertemperatur vergangener Zeiten anhand von Fossilien bestimmte. „Ich habe methodisch viel gelernt und gute Kontakte knüpfen können. Aber es ist auch eine Sisyphusarbeit, und mir ist dabei klargeworden: Ich brauche den menschlichen Bezug.“ Sie will schon neben dem Studium eine Menge Berufserfahrung bei Nichtregierungsorganisationen sammeln und am liebsten später als Kampagnenberaterin arbeiten. In ihrer Masterarbeit wird sie sich voraussichtlich mit dem Klimawandel in der Medienberichterstattung befassen, die häufig viel kontroverser ausfällt als in der Klimaforschung selbst: „Es gibt so viele Daten und so viele wissenschaftliche Beweise, aber es passiert trotzdem nichts“, sagt die Studentin und schlussfolgert: Das größte Problem liegt in der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Politik – und die will sie verbessern.

          Nicht erst seit dem Klimaabkommen von Paris im Jahr 2015 ist sich die Wissenschaft einig: Der Klimawandel ist Fakt, und er ist menschengemacht, weil der energiehungrige Mensch fliegt, fährt, verbrennt, was die Erde so hergibt. Was gibt es da noch zu forschen? Eine ganze Menge, sagt Mathematikprofessor Jörn Behrens, einer von Joana Kollerts Hochschullehrern im ICSS-Studiengang. Bei aller Einigkeit über die Wirkung der Treibhausgase bestehe nach wie vor ein Dissens zwischen den Wissenschaftlern, ob und wie die komplexen Zusammenhänge, unvorhersagbare Einflussfaktoren und Wechselwirkungen exakt abgebildet werden können – von der Unsicherheit menschlichen Handelns ganz zu schweigen. Aber das ist für Behrens nicht das Problem: „Eine Wissenschaft, die sich einig ist, ist keine Wissenschaft mehr“, sagt er.

          Für die Mathematik bestehe die Herausforderung darin, langsame und schnelle Prozesse, etwa die Reaktionszeit der Ozeane und das Wachstum der Algen, kleinskalige, lokale Veränderungen und großskalige Prozesse, die aber miteinander agieren, richtig abzubilden. Mit Kaffeesatzleserei haben die Modelle und Simulationen, an denen Behrens arbeitet, dennoch nichts gemein: „Dahinter steckt Physik und Chemie, die abgesichert ist, weit mehr als es bei den Prognosen etwa der Wirtschaftsweisen der Fall ist.“ Den Mathematiker ärgert es, wenn Politiker wie der amerikanische Präsident Donald Trump oder der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland ungestraft sagen können, sie glaubten nicht an den Klimawandel: „Wenn man moderne Messmethoden, Satellitendaten und wissenschaftliche Studien als Glaubensfrage abtut, ist das tiefstes Mittelalter.“

          Kaum Flugreisen zu Konferenzen

          Das bedeutet auch, dass Klimaforscher ein dickes Fell und eine hohe Frustrationstoleranz benötigen, sagt Ingo Bräuer: „Es geht nicht darum, eine App zu erfinden, sondern Prozesse zu verstehen und die Folgen abschätzen zu können.“ Manche Klimaforscher haben das Gefühl, wissend in die Katastrophe zu schlittern, weil es viel zu lange dauert, bis aus der Erkenntnis Handlung entsteht. „Man muss ein Langläufer sein“, sagt Bräuer. Dass dennoch inzwischen in der Wirtschaft die Nachfrage nach Klimaexpertise steigt, werten die Wissenschaftler als ihren Erfolg. „Wenn es einen Gegenbeweis gegen den von Menschen gemachten Klimawandel gäbe, hätten wir ihn längst publiziert: Er hätte uns berühmt gemacht“, sagt Dirk Notz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie.

          Stattdessen hat sich der Meereisforscher mit der Formel „Drei Quadratmeter Packeis pro Tonne CO2“ einen Namen gemacht: „Wir haben die Zunahme des Treibhausgases und die Abnahme des Packeises zwischen 1953 und 2016 in einen Zusammenhang gebracht“, sagt er. Ein Zusammenhang, für den jeder von uns Verantwortung trage: Eine Tonne Kohlendioxid setzt etwa ein New-York-Fluggast frei und bringt damit drei Quadratmeter Arktis-Meereis zum Schmelzen. „Viele fragen sich: Was bringt es denn, wenn ich als Einzelner nachhaltig lebe?“, sagt Notz, der selbst möglichst auf Flugreisen verzichtet und daher Online-Kurse den Einladungen zu Konferenzen vorzieht. Nur bei dem Angebot zu einer Gastprofessur für physikalische Ozeanographie auf Spitzbergen ist er schwach geworden: „Ich bin kein Engel.“

          Der Tipp, den er seinen Studenten mitgibt, kann aber beflügelnd wirken: „Trachte danach, in einem engen Bereich sehr, sehr gut zu werden, dann wirst du wahrgenommen und kannst dich anschließend mehr in die Breite orientieren.“ Joana Kollert wird das berücksichtigen. Die Studentin spricht nicht nur Englisch, Deutsch und Portugiesisch fließend, sie beherrscht auch die Sprache der Mathematik und will aufklären: „Wir müssen die wirtschaftlichen und persönlichen Interessen auf Seiten der Skeptiker deutlich machen und die Zusammenhänge offenlegen“, sagt sie. In einem interdisziplinären Kurs unter Beteiligung von Mathematikern, Geologen und Medienwissenschaftlern hat Joana Kollert im letzten Semester untersucht, wie Unsicherheiten beim Klimawandel als Ausrede für Untätigkeit genutzt werden. Der programmatische Titel der Arbeit: „Uncertain 2 Degrees“.

          Weitere Themen

          Wir leben im Sondermüll

          Konferenz über die Ökowende : Wir leben im Sondermüll

          Volksbedarf statt Luxusbedarf: Will Deutschland seine Klimaschutzziele einhalten, muss besonders der Bausektor auf Nachhaltigkeit setzen. Wie das gelingen könnte, haben Architekten und Wissenschaftler in Weimar diskutiert.

          Topmeldungen

          Israelische Luftangriffe im Gazastreifen

          Naher Osten : Israel setzt Luftangriffe im Gazastreifen fort

          Keine Entspannung im Nahostkonflikt: Die Hamas feuert Raketen Richtung Israel. Die israelische Armee wirft wieder Bomben über dem Palästinensergebiet ab. Die Organisation Reporter ohne Grenzen beschuldigt Israel eines Kriegsverbrechens.
          Der Generalsekretär der FDP, Volker Wissing, hat die Bühne für sich.

          Zukunft der FDP : Aus eigenem Recht

          Vor der Corona-Pandemie konnte die FDP von der Schwäche der Regierungsparteien nicht profitieren. Jetzt sieht es anders aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.