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Nur noch Formeln? : VWL-Studenten auf Sinnsuche

Geht es nur noch darum, am besten Mathematikterme umzuformen? Oder auch noch ums große Ganze? Bild: ZB

Volkswirtschaftslehre ist eines der beliebtesten Studienfächer an deutschen Unis. Und doch herrscht großer Unmut unter vielen Studenten. Sie kritisieren zu viel Formelpaukerei und zu wenig kritisches Nachdenken. Was ist dran?

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          Dass Studenten über ihr Studium klagen, ist nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist aber, dass sie eine vergleichende Studie in zwölf Ländern zu den Inhalten ihres Studiums der Volkswirtschaftslehre (VWL) auf den Weg bringen. Ergebnis: Es gebe viel Betriebswirtschaftslehre (BWL), Mikro, Makro und Methodenlehre, doch es fehlten Kurse, in denen man sich „reflexiv“ mit den Grundlagen beschäftige. In Deutschland sind im Bachelor-Studium mehr als 20 Prozent aller Kurse BWL, Management und Jura gewidmet. In 18 Prozent der Kurse pauken die Studenten mathematische und statistische Methoden. Die Kernfächer Mikro- und Makroökonomie kommen zusammen auf 21 Prozent.

          Philip Plickert
          (ppl.), Wirtschaft

          Besonders marginal sind dagegen Kurse zur Wirtschaftsgeschichte, zur Wirtschaftsethik und zur Geschichte des ökonomischen Denkens, in der Studenten die Entwicklung der VWL als Wissenschaft kennenlernen und diskutieren. Solche Kurse machen in Deutschland nur knapp 2 Prozent des Curriculums des Bachelor-Studiums aus, viel weniger als im Durchschnitt anderer Länder (fast 6 Prozent).

          „VWL-Studierende lernen kaum, wie die Wirtschaftswissenschaft wurde, was sie ist. Wie sollen sie dann beurteilen können, ob sie gut ist, wie sie ist?“, kritisiert der Tübinger Student Gustav Theile von der Gruppe „Netzwerk Plurale Ökonomik“, die mit ähnlichen Initiativen in anderen Ländern zusammenarbeitet. Aus seiner Sicht geht es im VWL-Studium nicht ums Nachdenken, sondern darum, eine vorgegebene Meinung zu reproduzieren.

          Es gibt Defizite

          Vertreter der etablierten Mainstream-Ökonomie weisen die Kritik zurück. Schon die Unterscheidung, welche Fächer „reflexiv“ und welche „nicht reflexiv“ seien, findet Rüdiger Bachmann verfehlt. Wirtschafts- oder Ideengeschichte seien nicht per se reflexiver. „Man kann auch Wirtschaftsgeschichte anspruchslos unreflektiert lehren, und Dogmengeschichte kann reines Faktengepauke sein.“ So wie man auch Mikro und Makro „für Kühe“ unterrichten könne, als stupides Formelpauken. Bachmann ist Nachwuchsbeauftragter des Vereins für Socialpolitik (VfS), der deutschen Ökonomenorganisation mit 3000 Mitgliedern. Man müsse generell über die Qualität der Lehre sprechen. „Da gibt es Defizite, das will ich gar nicht bestreiten“, sagt er.

          Eigentlich sollten alle VWL-Kurse „reflexiv“ sein, betont Monika Schnitzer von der Universität München, die amtierende VfS-Vorsitzende. Reflexion als Nachdenken und Besinnung sei wichtig für jede Vorlesung. „Wenn wir Methoden vorstellen, dann müssen wir auch gleich die Grenzen dieser Methoden problematisieren“, sagt sie. Wenn der Dozent beispielsweise das Modell des Homo oeconomicus einführt, dann sollten auch gleich Annahmen und Grenzen dieses Modells hinterfragt werden. Entscheidend sei die Qualität der Lehre. Schnitzer findet, die VWL sei insgesamt auf einem guten Weg. Die Forschung sei weniger theoretisch und mehr empirisch geworden, arbeite also viel mit Daten aus der realen Welt. Und die Methoden seien stark verfeinert. Man versuche klarer zu hinterfragen, was bloß Korrelationen und was Kausalitäten seien.

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