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Studienplatzklage : Wenn Abiturienten mit dem Anwalt kommen

Wer Medizin studieren will braucht einen Notendurchschnitt von 1,0 - oder reiche Eltern mit einem guten Anwalt. Bild: Kretzer, Michael

Für begehrte Studienfächer wie Medizin muss man entweder exzellente Noten haben - oder einen guten Anwalt: Immer öfter klagen sich Studenten ins Studium ein. Das kann ganz schön teuer werden.

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          Für so manchen beginnt das neue Hochschulsemester mit einer bitteren Enttäuschung: Während sich die früheren Mitschüler schon bald auf den harten Uni-Sitzen lümmeln dürfen, müssen sich andere noch gedulden. In einigen Studiengängen sind die Anforderungen besonders hart. Wer Humanmedizin studiert und kein glattes 1,0-Abitur mitbringt, kann sich schon einmal auf eine lange Durststrecke einrichten. Je nach Abiturnote gehen dann zwölf Wartesemester drauf. Das sind sechs Jahre, die auf einmal im Lebenslauf fehlen. Ähnliches Gedrängel herrscht bei Tiermedizin, Zahnmedizin und Pharmazie.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Da ist es nachvollziehbar, dass einigen Abiturienten die Geduld fehlt. Oder genauer: ihren Eltern. Nicht selten sind sie es, die dem Nachwuchs auf dem Weg ins Studium den nötigen Schubs geben - mit Hilfe eines Rechtsanwalts. In den vergangenen Jahren hat sich eine ganze Schar von Juristen auf Klagen im Hochschulzulassungsrecht spezialisiert. Es ist ein Kinderspiel, sie im Internet zu finden: Die besonders cleveren Advokaten haben sich Domains mit dem griffigen Namen „studienplatz-klage.de“ oder Ähnliches gesichert. Wie der Leipziger Anwalt Franz Selbmann. Er betreibt das Geschäft schon seit Jahren - und es scheint sich zu lohnen.

          Tausende von Klagen werden jedes Jahr auf Zulassung zum Studium eingereicht. Und es sieht nicht danach aus, dass der Trend bald abebbt, im Gegenteil. Zum nun beginnenden Wintersemester 2014/2015 haben sich die Anträge fast verdoppelt, die weit häufigsten Gerichtsverfahren betreffen die Humanmedizin, vermeldet die Universität Köln. Die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität kann auf diesem Gebiet zwar ein wenig Entwarnung geben, maximal 700 Anträge sind es in diesem Jahr. Dafür sind es in der Zahnmedizin deutlich mehr als üblich, etwa 160.

          Ein Medizinstudent kostet bis zu 180.000 Euro

          Das Vorgehen ist dabei immer das gleiche: Wer studieren will, bewirbt sich im zentralen Auswahlverfahren bei der Stiftung für Hochschulzulassung oder direkt bei der Universität. Die hat zuvor in einem komplexen Verfahren festgelegt, wie viele neue Studenten sie verkraften kann. Nach dieser Kapazitätsberechnung werden die Studienplätze vergeben, die Besten werden zuerst bedient. Wer in diesem Verfahren scheitert, kann versuchen, sich direkt bei der Hochschule „außerkapazitär“ einzuklagen, wie es im Fachjargon heißt. Die Argumentation ist dabei, dass die Universität ihre Kapazitäten falsch einschätzt - und durchaus noch den einen oder anderen Studenten vertragen könnte. Das zu betonen ist Selbmann wichtig: „Hier wird niemandem der Studienplatz weggenommen.“

          Die Berechnung dieser Kapazitäten ist alles andere als trivial. Schon die Vorgabe der Gerichte klingt sehr umständlich: „Das Stellendispositionsermessen muss willkürfrei, auf vollständiger Sachverhaltsgrundlage und in einer den Belangen der Studenten angemessen gewichtet Rechnung tragenden Weise ausgeübt werden“, betont etwa der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg. Konkret bedeutet das: Akribisch müssen die technischen Vorrichtungen, Zahnarztstühle, medizinische Geräte, und das einsetzbare Personal analysiert werden. Dazu werden auch schon einmal die Einsatzmöglichkeiten der Professoren einzeln durchgegangen. Und wenn die Hochschule eine Professorin ein ganzes Semester für Forschungsaufgaben freigestellt hat, muss die Universität genau darlegen, warum das „kapazitätsrechtlich“ nicht zu beanstanden ist.

          Einen ganzen Leitz-Ordner mit 250 Seiten können die sperrigen Berechnungen allein für das Medizinstudium umfassen. Ein unglaublich hoher Verwaltungsaufwand für die Universitäten. Wer das angreifen will, hat es auch nicht leicht: Ebenso umständlich muss dargelegt werden, warum sich die Universität verschätzt hat. Ist ihr bei der Berechnung ein gravierender Fehler unterlaufen? Dann haben die Bewerber eine hohe Chance, doch noch einen Studienplatz zu ergattern. Und das kann für die Universitäten teuer werden: Bis zu 180.000 Euro kostet ein Medizinstudent den Staat.

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