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Konformismus an Eliteunis : Macht Harvard dumm?

  • -Aktualisiert am

Ein amerikanischer Literaturprofessor zieht mit einer provokanten These durch die Lande: Amerikas Eliteunis züchten beschränkte Konformisten heran. Die Debatte lässt nicht lange auf sich warten.

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          Man reibt sich verwundert die Augen, was der ehemalige Yale-Professor William Deresiewicz den amerikanischen Eliteuniversitäten da ins Buch schreibt. Statt aufgeklärter Bürgerinnen und Bürger würden sie „exzellente Schafe“ produzieren, schreibt er in seinem gleichnamigen Buch, traurige, innerlich leere Konformisten. Statt sich im Selber-Denken zu üben, begegneten die Studenten im Punkte-Sammel-Wahn kaum einem Kursinhalt mit tiefergehendem Interesse.

          Deresiewicz, ein stilsicherer Polemiker, beschreibt die Studenten amerikanischer Eliteunis als Zirkustierchen, die durch jeden ihnen vorgehaltenen Reifen hüpfen („hoop-jumping“), weil sie durch den nervenaufreibenden Prozess, der sie überhaupt erst dorthin gebracht hat, darauf konditioniert wurden. Mit seiner These wendet sich Deresiewicz vor allem gegen Kollegen wie Yale-Professorin und „Tiger Mom“ Amy Chua, die in ihrem Buch „Die Mutter des Erfolgs“ vor drei Jahren unter anderem empfahl, Eltern sollten ihren Kindern drohen, deren Kuscheltiere zu verbrennen, sie sich nicht ihren Erwartungen fügten.

          Deresiewicz’ These stieß auf viel Resonanz: Die Artikel, die seinem Buch vorangingen, waren vor allem im Internet Hits. Gerade Studenten klickten sie vielfach an und verschickten sie an ihre Freunde. Er erhielt eine Flut von Briefen und E-Mails. Jetzt zieht Deresiewicz in Amerika mit seiner Botschaft von Campus zu Campus. An der Stanford University sprach er im Herbst vor einem dicht mit Studierenden, Eltern, und Besuchern des heranziehenden Alumni-Wochenendes besetzten Auditorium. Dass diejenigen, über die er schreibt, ihm so aufmerksam zuhören, deutet an, dass er jenseits aller Polemik und trotz der teils groben Verallgemeinerung den Finger in eine Wunde gelegt hat. Es bringt aber auch erste Kratzer in das Bild unreflektierter Selbstgefälligkeit, das er zeichnet.

          Wenig pragmatisch zu sein, ist Luxus

          An der Debatte, die Deresiewicz’ Thesen in Amerika ausgelöst haben, fallen vor allem zwei Dinge auf: das Bildungsideal, das Deresiewicz vorschwebt - und die Gründe, an denen das Ideal seiner Ansicht nach scheitert. Der Literaturprofessor hält mit wortgewaltiger Vehemenz an einem Bildungsideal fest, das wie aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Es ist der alte Ansatz der „liberal arts“-Erziehung, die zum Denken erziehen soll, zum kritischen Hinterfragen vorgegebener Werte und Ideale. Die Studenten sollen ihr eigenes Selbst finden oder auch erfinden, sie sollen zu republikanischen Bürgerinnen und Bürgern geformt werden.

          Nur wer seinen eigenen Charakter geformt und seine eigenen Werte entwickelt hat, so die dahinterstehende Prämisse, kann auch ein gelingendes Leben führen, nach Maßstäben, die er oder sie selbst gewählt hat. In Zeiten, wo sich schon Studenten immer stärker spezialisieren und Politiker und Arbeitgeber vor allem fordern, mehr junge Leute müssten mathematische oder naturwissenschaftliche Fächer studieren oder gleich Ingenieure werden, ist das eine ungewöhnliche Perspektive. Deresiewicz gibt dabei offen zu, dass diejenigen, die aus wirtschaftlicher Notwendigkeit heraus die Aussicht auf bessere Verdienstchancen in den Mittelpunkt ihrer universitären Ausbildung stellen müssen, nicht sein Zielpublikum sind.

          Ihm geht es um diejenigen, die es sich leisten können, weniger pragmatisch an das Studium heranzugehen. In der heutigen Zeit ist der eigentliche Luxus, so seine Botschaft, sich Zeit nehmen zu können für die wichtigen Fragen des Lebens, und in der Phase zwischen Schulabschluss und Berufseinstieg den eigenen Horizont erweitern zu können, jenseits aller Überlegungen zur späteren Verwertbarkeit. Deresiewicz setzt dabei vor allem auf die „big books“ und das klassische Seminarformat. Es gehört allerdings schon viel Optimismus dazu, anzunehmen, wie er es tut, dass Diskussionen über die Charaktere von Jane Austen oder James Joyce automatisch zu Selbsterkenntnis und Selbstfindung führen.

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