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Kinderuniversitäten : Wo 500 Kinder auf den Tisch trommeln

  • -Aktualisiert am

Noch zu klein? Vielleicht für die Tische und Stühle im Hörsaal - aber nicht für die Uni Bild: Julia Zimmermannn / F.A.Z.

Als 2002 an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen die erste Vorlesung für Kinder stattfand, rechnete wohl niemand damit, dass die Idee so schnell so große Kreise ziehen würde. Mittlerweile gibt es Kinderuniversitäten fast in jeder Stadt. Wie viel Wissen sie vermitteln, ist jedoch fraglich.

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          Als im Sommersemester 2002 an der altehrwürdigen Eberhard-Karls-Universität in Tübingen die erste Vorlesung für Kinder stattfand, rechnete wohl niemand damit, dass die Idee so schnell so große Kreise ziehen würde. Nicht einmal Michael Seifert, der Pressesprecher der Universität, der sie sich gemeinsam mit zwei Redakteuren des „Schwäbischen Tagblatt“ auf seine Fahnen schreiben kann. „Wir hatten sogar noch Kinder von Freunden zusammengetrommelt, weil wir Angst vor leeren Bänken hatten.“ Es kamen doppelt so viele Kinder wie erwartet.

          Seitdem finden die Vorlesungen für Kinder zwischen sieben und zehn Jahren im größten Hörsaal der Tübinger Uni statt - und nicht nur dort. Etwa 200 Kinderuniversitäten sind mittlerweile in ganz Europa entstanden, rund 120 davon im deutschsprachigen Raum. Längst sind es nicht mehr nur Massenvorlesungen, die angeboten werden. Immer häufiger gibt es auch Workshops zum Mitmachen. In München beispielsweise finden zweimal im Jahr an einem Tag etwa 150 verschiedene Workshops für zusammen rund 500 Kinder statt, die Zielgruppe sind Sechs- bis Zwölfjährige. Die jungen Studenten können sich ihr Tagesprogramm selbst zusammenstellen. In Wien hat sich sogar eine regelrechte „Summer School“ etabliert, das Angebot läuft zwei Wochen in den Sommerferien von morgens bis abends. Und in Tübingen ist man dazu übergegangen, Zweigstellen auf dem Land zu eröffnen: Erfolgreiche Vorlesungen der Kinder-Uni werden in Volkshochschulen oder Gemeindesälen wiederholt.

          „Warum ist der Himmel blau?“

          Auch die Inhalte sind den Kinderschuhen entwachsen. „Warum spucken Vulkane Feuer?“, hieß die erste Tübinger Vorlesung. Es folgten viele Sachthemen à la Sesamstraße wie „Warum ist der Himmel blau?“ oder „Wie entsteht ein Wirbelsturm?“. Jetzt stehen dagegen auch philosophische und theologische Fragen im Vorlesungsverzeichnis. „Tut Sterben weh?“, lautete zuletzt der Titel einer Münchner Veranstaltung. Ebenso wird mancherorts der Versuch unternommen, schon Kinder an traditionell eher unbeliebte Schulfächer wie Informatik, Physik oder Mathematik heranzuführen.

          So groß der Zuspruch seitens der Kinder selbst oder auch ihrer Eltern ist, Belege über die tatsächlichen Lerneffekte solcher Veranstaltungen gibt es nicht. Eine interne Untersuchung an der Kinderuni Würzburg machte im Gegenteil sogar deutlich, dass von den vermittelten Fakten kaum etwas hängenbleibt. Und auch in anderen Städten geht man davon aus, dass die Kinder zwar gerne dabei sind, aber nicht wirklich Wissen erwerben wollen. „Ich bin ja auch nicht in der Schule“, bringt es die neunjährige Katharina nach dem Besuch einer Vorlesung in München auf den Punkt. „Aber es ist toll hier.“

          Der eigentliche Gewinn, das sehen auch die meisten Initiatoren so, liegt weniger im Lernen als mehr im Abbau von Barrieren. Ein Prozess, der noch dadurch unterstützt werden soll, dass an vielen Kinderuniversitäten Sponsoren dazu beitragen, dass auch Kinder aus bildungsferneren Schichten teilnehmen können - zum Beispiel dadurch, dass Grundschulen Ausflüge zu den Vorlesungen organisieren. Auch für diese These steht der wissenschaftliche Beweis allerdings noch aus - vor allem deswegen, weil die frühen Absolventen der Kinderunis erst jetzt ein studierfähiges Alter erreichen.

          Schweift der Vortragende ab, steigt der Lärmpegel - und das war's

          „Man darf nicht dem Missverständnis aufsitzen, Kinderunis wären die bessere Schule oder gar eine vorgezogene Hochschulbildung für Hochbegabte“, erläutert Margit Maschek, die Koordinatorin der Kinder-Uni in München. Stattdessen gehe es darum, eine Vorstellung vom studentischen Alltag zu bekommen, mal in einer Mensa zu essen oder auch die Probleme kennenzulernen, die Studenten beschäftigen. In München konnten die Teilnehmer einer Vorlesung im vergangenen Herbst deshalb auch das besetzte Audimax besichtigen. „Und sie haben viele Fragen dazu gestellt“, berichtet Maschek zufrieden.

          Wie etabliert die Idee inzwischen ist, zeigt sich auch daran, dass es Bestrebungen zur Intensivierung der europäischen Zusammenarbeit gibt; außerdem versuchen die Organisatoren in manchen Städten nun von Erfahrungen aus den Vereinigten Staaten zu profitieren, wo es ein ähnliches Konzept schon länger gibt. Und die Zahl der Professoren, die sich von der Idee überzeugen lassen, nimmt zu - obwohl es ihnen oft gar nicht leicht fällt, ein kindertaugliches Konzept vorzubereiten, wie Michael Seifert berichtet. Denn die Kinderstudenten sind eindeutig ehrlicher als die echten. Schweift der Vortragende ab, fasst Seifert zusammen, dann steigt der Lärmpegel. „Und das war's.“

          Anfangs sei es darum schwierig gewesen, überhaupt Vortragende zu finden, heute sei das Gegenteil der Fall: Wer nicht gefragt werde, sei fast schon beleidigt. „Schließlich heißt das auch, dass man ihm eine verständliche Darstellung seiner Materie nicht zutraut.“ Doch das ist noch nicht einmal der Hauptgrund für die Aufgeschlossenheit der Hochschullehrer, vermutet Seifert. Denn auch das positive Feedback sei einfach schöner als im gewöhnlichen Hochschulalltag. „Wer einmal erlebt hat, wie 500 kleine Zuhörer begeistert auf den Tischen trommeln, der möchte das nicht mehr missen.“

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