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Karrieresprung : Forschung, Lehre und Familie

  • -Aktualisiert am

Befristete Stellen und ein beinharter Wettbewerb machen es Wissenschaftlerinnen schwer, Karriere und Kinder unter einen Hut zu bringen. Etliche Hochschulen profilieren sich nun mit familienfreundlichen Maßnahmen - nicht aus Mitleid, sondern im Wettbewerb um die besten Köpfe.

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          Vormittags die Vorlesung, danach Sprechstunden, Seminare, Sitzungen, hier und da ein Kongress, oft im Ausland - und stets zu wenig Zeit, all das zu lesen, zu erforschen und zu publizieren, was die Fachgemeinde bewegt oder vorantreiben würde. Andrea Abele-Brehm, Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg, erweitert dieses straffe Programm um zwei Kinder. Als das erste zur Welt kam, war sie 35 und schon mit einer C3-Professur im Wissenschaftsbetrieb etabliert. Sie verdiente genug, um unmittelbar nach dem Mutterschutz eine Kinderfrau zu engagieren. Ihrem Mann, ebenfalls Wissenschaftler, und ihr war klar: Jeder verfolgt seine Karriere weiter, Abstriche beim Familienleben werden billigend in Kauf genommen. Auch wenn zwischendurch immer mal wieder leise Zweifel auftraten: Abele-Brehm betrachtet die ihre als „Idealgeschichte“ zur Vereinbarkeit von Wissen- und Mutterschaft.

          Frauen, die die formal und finanziell abgesicherte Sphäre einer Professur noch nicht erreicht haben, tun sich dabei oft schwerer. Petra Gelhaus, Wissenschaftlerin am Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Universität Münster, musste ihre Tochter mangels Krippenplatz anfangs an die Uni mitnehmen. Ihr größtes Handicap seither: „Regelmäßige Zeiten für die quasi künstlerische Tätigkeit wissenschaftlicher Arbeit zu finden, die einerseits Konzentration erfordert, andererseits aber nicht notwendigerweise an eine bestimmte Uhrzeit gebunden ist.“ Marion Hulverscheidt, ebenfalls Medizinerin, wurde in der Endphase ihrer Dissertation schwanger. Als ihr Stipendium kurz darauf auslief, war sie als Alleinerziehende auf Sozialhilfe angewiesen. Dass sie ihren Weg als Wissenschaftlerin weiter verfolgen konnte, verdankte sie neben ihrem unbedingten Willen und viel Pragmatismus einem verständnisvollen Chef, der ihr eine Vollzeitstelle mit freier Zeiteinteilung zugestand.

          Zeitdruck durch befristete Stellen

          Kinder und Karriere - was für Frauen ohnehin oft ein Spagat ist, wird im Wissenschaftsbetrieb zusätzlich um ein paar strukturelle Besonderheiten erschwert. Während der Qualifikationsphase, die im Prinzip bis zur Professur dauert, sind die meisten Stellen zeitlich auf wenige Jahre befristet. Um Mutterschutz- oder Elternzeiten werden sie nur in den seltensten Fällen verlängert. Oftmals handelt es sich ohnehin nur um halbe Stellen, die größtenteils mit Lehrverpflichtungen ausgefüllt sind. Die eigentliche Qualifizierungsarbeit ist on top zu erledigen. Wer die für seine Promotion oder Habilitation vertraglich vorgegebene Zeit nicht einhält, hat Pech gehabt. Hinzu kommt ein enormer Druck, eigene Forschungsergebnisse in namhaften wissenschaftlichen Publikationen zu veröffentlichen und auf internationalen Fachkongressen zu präsentieren. Profilierung tut Not, die Zahl der Professuren ist begrenzt.

          Viele fähige Forscherinnen können oder wollen diesen Kraftakt nicht leisten - zumal sie selten einen Partner an ihrer Seite haben, der ihnen in dieser „Rushhour of Life“ den Rücken freihält. Während noch jeder zweite Hochschulabsolvent weiblich ist, sinkt der Frauenanteil unter den Promovenden auf 41 Prozent und danach drastisch auf 22 Prozent bei den Habilitanden und 15 Prozent bei den Professoren. Mitverantwortlich dafür sei auch die elterliche und schulische Erziehung zu bescheidenen und angepassten Mädchen, die es verlernen, auf ihre Leistungsfähigkeit zu vertrauen, sagt Hildegard Macha, Professorin für Pädagogik und Erwachsenenbildung an der Universität Augsburg und profilierte Gender-Forscherin. Aber eben auch die wenig familiengerechten Arbeitsbedingungen im Hochschulbetrieb.

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