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Karriereberatung : Auf der Hebebühne zum Traumjob

  • -Aktualisiert am

Einstieg in den Aufstieg Bild: fotolia.de

Früher ließen deutsche Universitäten ihre Studenten bei der Berufswahl allein. Career Center nach amerikanischem Vorbild sollen das ändern. Drei besonders gute sind jetzt mit einem Preis gekrönt worden.

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          Regina Möhrle gerät geradezu ins Schwärmen. "Uns wurde gezeigt, wie wir uns professionell in Jobbörsen zurechtfinden können", berichtet die 29 Jahre alte Geschichtsstudentin vom Workshop "Online bewerben" im Career Center der Universität Freiburg. "Direkt am Laptop lernten wir unser Profil einzugeben und zielgerichtet passende Jobs zu finden. Klick, klick, klick - so effizient war ich vorher nicht." Durch die Beratung habe sie noch etwas Wesentliches gelernt: "Da ich mein Studium selbst finanzieren musste, habe ich vorwiegend gejobbt, statt Praktika zu machen. Ich sah das immer als ein großes Defizit." Nun sei ihr bewusst geworden, dass ihr die Jobs in einer Werbeartikelfirma und als Haushaltshilfe eine Menge gebracht haben. "Potentielle Arbeitgeber sehen, dass ich bereit bin, hart zu arbeiten. Gleichzeitig habe ich viel im Umgang mit ganz unterschiedlichen Menschen gelernt." Jetzt hat sie eine Strategie entwickelt, um ihren Traumjob in einem Comic-Verlag zu bekommen. "Ohne die Hilfe des Career Centers wäre ich noch nicht so weit."

          Solche Erfahrungsberichte hört Claudia Fink gerne. Sie ist die Vorsitzende des Career Service Netzwerks Deutschland (CSND), der Verband vertritt insgesamt 70 dieser Einrichtungen. Die Hilfestellung beim Berufseinstieg, die sie leisten, wird ihrer Meinung nach vielerorts noch nicht ernst genug genommen. "Erst langsam setzt sich auch hier die Sichtweise durch, dass die Unterstützung der Studenten beim Einstieg in die Berufswelt ein Qualitätskriterium darstellt", sagt sie. Sie wünscht sich von Unis und Fachhochschulen deutlich mehr Unterstützung für ihre Arbeit - so wie es in den Vereinigten Staaten, von woher das Konzept der Career Center stammt, längst der Fall sei.

          In Amerika längst bekannt

          Dort waren Career Center aus dem Bilderbuch schon vor zehn Jahren Realität, etwa an der University of Maryland, der mit 35 000 Studenten größten Hochschule im Ballungsraum Washington. Ein gediegenes Interieur, ein großzügiger Empfangsbereich mit Mediathek und Beratungsmöglichkeiten für die Studenten gehören dort zum Standard. Für Interviews mit Kandidaten stehen Unternehmensvertretern 15 Besprechungsräume exklusiv zur Verfügung. Und 40 hauptamtliche Mitarbeiter haben nur ein Ziel - den Studenten den Einstieg in die Berufswelt so problemlos wie möglich zu gestalten.

          In Deutschland sucht man Vergleichbares noch heute vergeblich. Die Career Center an den staatlichen und staatlich anerkannten privaten Hochschulen sind zumeist "One Man"-, noch häufiger "One Woman"-Einrichtungen. Das soll sich ändern. Der Stifterverband, die Hochschulrektorenkonferenz und das Beratungsunternehmen Deloitte haben zu diesem Zweck in diesem Jahr erstmals einen Wettbewerb ausgeschrieben: Insgesamt 300 000 Euro wurden ausgelobt für die drei Center, die beispielhaft zeigen, wie die Arbeit an der Schnittstelle zwischen Unternehmen und Hochschule funktionieren kann. Aber nicht nur dieser Wettbewerb spielt dem Verband und seiner Vorsitzenden in die Karten, sondern auch der Bologna-Prozess, der mehr Praxisbezug und die Vermittlung von überfachlichen Kompetenzen bereits während des Studiums einfordert.

          Wie sieht „best practice“ im Career Center aus?

          Wie aber sieht "best practice" im Career Center aus? Das Angebot, das die Hochschulen zurzeit bieten, ist bunt gemischt und in Umfang und Qualität sehr unterschiedlich. Das Spektrum reicht von der Bereitstellung von Infomaterial über Beratungs- und Qualifizierungsangebote und die Durchführung von Firmenkontaktmessen bis zur konkreten Vermittlung von Praktika, Diplomarbeiten und Einstiegsstellen. Jede Hochschule kocht dabei in der Regel ihr eigenes Süppchen. "Eine gemeinsame Firmenkontaktmesse der verschiedenen Berliner Hochschulen wäre schon erstrebenswert", merkt dazu Marion Senf-Denker an, die Leiterin der Zentralen Studienberatung und des Career Centers an der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin.

          Damit spricht sie vielen Arbeitgebern aus dem Herzen. Andreas Tenkmann, bei der Unternehmensberatung Bearing Point für das europaweite Recruiting verantwortlich, wünscht sich einen einfacheren Zugang zu den Absolventen. "Wir stellen jährlich rund 400 Mitarbeiter im deutschsprachigen Raum ein und stehen mit einem Team von 15 Mitarbeitern mit rund 30 Hochschulen in engem Kontakt", berichtet er. "Wir sehen die Career Center als kompetente Rekrutierungspartner."

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